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Kinderprostitution in der Schweiz
Kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen existiert auch in der Schweiz. Dies belegen Christina Peter und Stefan Studer in einer Studie, die sie in 2jähriger Recherche für die Arbeitsgemeinschaft gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern (arge kipro) erarbeitet haben.
Selbst bei sehr vorsichtiger Schätzung rechnet man weltweit mit zwei Millionen Kindern und Jugendlichen, die kommerziell sexuell ausgebeutet werden, die ihr Überleben über die Prostitution finanzieren müssen. Man kennt Fakten und Zahlen aus Thailand und von den Philippinen, Namen und Adressen in Brasilien und Kenia, es gibt Filme und Videos darüber, und Bücher zum Thema füllen Bibliotheken.
Und in der Schweiz? Obwohl klar ist, dass auch die Schweiz auf der Weltkarte der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen kein weisser Fleck ist, gab's bislang dazu weder Informationen noch Fakten. Nicht von ungefähr: das Thema ist stark tabuisiert und wird marginalisiert. Einige wenige bekannt gewordenen Fälle, vorab im Pornographiebereich, wurden an Einzeltätern festgemacht und diese zu Monsters hochstilisiert. Mit dem Resultat, dass die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen der gesellschaftlichen Verantwortung entzogen wurde und den E3lick auf die Realität verhallte.
Die Wirklichkeit ist eine andere. Dies belegen die 60 dokumentierten Fällen und acht Tiefeninterviews mit Betroffenen in dieser Recherche. Christina Peter und Stefan Studer führten über 50 Gespräche und Interviews mit Opfern, Behörden, Beratungsstellen und Betreuungsorganisationen. In ihrem Schlussbericht zeigen sie nicht nur die ganze Bandbreite der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern in der Schweiz auf, sondern beleuchten auch die katastrophale Lebenssituation der betroffenen Kinder und Jugendlichen
Formen der kommerzieller sexueller Ausbeutung
Dabei gehen die Formen kommerzieller sexueller Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz weit über die Vorstellungen hinaus, die gemeinhin mit dem Begriff der "Prostitution" verbunden werden: Väter vergewaltigen ihre Töchter und bezahlen sie dafür; Mütter, Stiefväter und Verwandte verkaufen die Kinder an gut zahlende Täter oder bauen sie als Dienstleistung in Geschäftsabschlüsse ein; zu Hause unglaublichen Formen von Gewalt ausgesetzt, flüchten die Mädchen und Jungen auf die Strasse, wo sie mit Prostitution überleben, in die Drogen abstürzen und diese wiederum nur durch den Verkauf ihrer Körper finanzieren können; sie werden, teilweise schon im Kleinkinderalter, für pornographische Filme missbraucht; in Bordellen werden sie wie Sklaven gehalten. Betroffen von der Ausbeutung sind sowohl Mädchen wie Knaben, schweizerischer wie ausländischer Herkunft.
In der Schweiz muss davon ausgegangen werden, dass sich der Grossteil der kommerziellen sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen nicht im öffentlichen Raum abspielt. Die Bilder, die man aus Thailand oder Brasilien kennt, sind für schweizerische Verhältnisse nur beschränkt tauglich. Meist ist der Ort oder Ausgangspunkt kommerzieller sexueller Gewalt im unmittelbaren Umfeld des Kindes zu suchen: In der Familie, bei Verwandten, Bekannten, bei Betreuungspersonen, die dem Kind vertraut sind.
Die Situation betroffener Kinder und Jugendlicher
Kinder und Jugendliche, die kommerziell sexuell ausgebeutet werden, sind in sehr komplexe Problemkreise eingebunden. ihre Lebenssituation und ihre Geschichte ist geprägt von Misstrauen, Gewalt, Abhängigkeit und Krankheit. Sie haben keine Möglichkeit, Vertrauen aufzubauen. Sie haben wenig Zeit und Raum, um ein Selbstwertgefühl, eine sexuelle Identität und ein Bewusstsein für eigene Rechte zu entwickeln. Sie sind emotional, ökonomisch und existentiell von Personen abhängig, die ihre Verantwortung wenig oder nicht wahrnehmen oder diese skrupellos ausnutzen. Sie sind schutzlos physischer, psychischer und struktureller Gewalt ausgesetzt, weil jene, die sie beschützen sollten, meist jene sind, die die Gewalt ausüben.
Damit fehlt ihnen auch ein soziales Netz.. Bei potentiellen Ansprechpartnerlnnen - von Eltern und Geschwistern über Verwandte, Bekannte, Lehrer, Pfarrer bis zu den Behörden - stossen sie auf Unglauben, Abweisung, gar auf Drohung.. Oder sie wissen nicht, wo sie Ansprechpartnerlnnen finden können. Und selbst wenn sie jemanden gefunden haben, droht die Kette weiterer Ansprechmöglichkeiten dort abzubrechen. Dazu kommt, dass diesen Möglichkeiten durch die Meldepflicht juristisch enge Grenzen gesetzt sind.
Meist bleibt als letzter Ausweg die Flucht auf die Strasse, wo sie in eine neue Spirale von Gewalt und Ausbeutung geraten. Sie bewegen sich gezwungenermassen in oder am Rande der Illegalität. Das bringt sie in neue Abhängigkeiten von potentiellen Tätern, von "Schutz-Freunden" und Dealern, von denen sie nicht nur nicht beschützt, sondern auch betrogen und erpresst werden. Besonders, wenn die Strasse auch noch zum Ort der Beziehungssuche wird. Und die Täter multiplizieren sich.
Die Folgen der kommerziellen sexuellen Ausbeutung sind für alle betroffenen Kinder und Jugendlichen katastrophal, ob sie im privaten Rahmen, im sozialen Nahraum oder auf der Strasse ausgebeutet werden. Die Kommerzialisierung ihrer Körper, das Bewusstsein, zur Ware degradiert zu werden, das Wissen, dass ihre effektiven Bedürfnisse immer und überall pervertiert und ausgenutzt werden, zerstören jegliches Selbstwertgefühl und treiben sie noch mehr in die Hoffnungslosigkeit und Isolation. Sie sind gesundheitlich oft schwer angeschlagen, sind hochgradig aidsgefährdet, entwickeln starke Suchtverhalten, rutschen in die Drogen ab, erkranken psychisch und psychosomatisch. Sie tendieren zu Selbstverletzungen, sind suizidgefährdet und bewegen sich ökonomisch an der Grenze zur Verelendung. Sie reagieren auf diese Situation mit Verdrängungsmechanismen und Verlust an Realitätsbezug. Und selbst jene, die den Ausstieg schaffen, kämpfen ein Leben lang mit den traumatischen Folgen der in der Kindheit oder Jugend erlittenen kommerziellen sexuellen Ausbeutung.
Lösungsansätze
Die zentrale Aufgabe der Studie war es zu belegen, dass in der Schweiz kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen existiert. Auch wenn die Formulierung eines präzisen Forderungskatalogs und eines ausdiskutierten Massnahmepaketes noch ansteht, lassen sich aus den belegten Fakten erste Lösungsansätze ableiten.
Es ist wichtig,
- Öffentlichkeit herzustellen über die gesellschaftliche Relevanz der Thematik;
- die spezifischen Aspekte der Kommerzialisierung der sexuellen Ausbeutung zu erforschen und in der Betreuung zu beachten;
- die Tabus Sexualität und Familie zu durchbrechen;
- klarzumachen, dass politische Handlungsbedarf besteht, der in eine konkrete Umsetzung münden muss;
- Aus- und Weiterbildung für Eltern und erziehungsberechtigte Personen anzubieten;
- Kinder und Jugendliche eine alters- und geschlechtergerechte Auseinandersetzung mit der Sexualität zu ermöglichen;
- spezifisch auf die Bedürfnisse dieser Kinder und Jugendlichen ausgerichtete Anlaufstellen aufzubauen;
- geschützte Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Betroffenen ermöglichen, Vertrauen und Selbstwertgefühl zurückzugewinnen und soziale Beziehungen möglichst gewaltfrei zu leben;
- spezialisierte Therapieangebote für die komplexe Symptomlage der Betroffenen zu entwickeln;
- Die Täterlnnen konsequent zur Verantwortung zu ziehen;
- Ermittlungen und Verfahren so zu gestalten, dass dem Schutz und den Rechten des Kindes höchste Priorität eingeräumt werden;
- die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen als Verbrechen ernstzunehmen und als solches zu ahnden
Die Studie über "Kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen in der Schweiz" ist für Fr. 26.- erhältlich bei arge kipro Postfach 5101, 3001 Bern - Tel 0311331 31 12, Fax 0311331 31 66 Medienstelle arge kipro - 17. März 1999

