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Verbreitung und familiäre Hintergründe sexuellen Kindesmißbrauchs in Deutschland

Vortrag für die Fachtagung „Sexueller Gewalt gegen Kinder vorbeugen” in Augsburg am 29.04.1998
von
Peter Wetzels

Einleitung

In den Forschungsarbeiten zur Gewalt gegen Kinder dominierte in den letzten Jahren - national wie international - das Thema des sexuellen Kindesmißbrauchs die wissenschaftliche Literatur. In der Deutschen Debatte findet sich ein Spektrum, welches von dem Bemühen um Skandalisierung (Kavemann & Lohstöter 1984) über Versachlichung (Honig 1992) und Relativierungen (Kutchinsky 1994) bis zum Abwiegeln (Wolff 1994) und zu Legitimationen reicht (Lautmann 1994).

Auch wenn es kein für sexuellen Kindesmißbrauch spezifisches Syndrom psychischer oder körperlicher Folgen gibt (Fegert 1993), kann es Abseits der Kontroversen um das Ausmaß als wissenschaftlich gesichert gelten, daß ein relevanter Anteil der Opfer klinisch bedeutsame kurz- wie langfristige Beeinträchtigungen entwickelt (Kendall-Tackett et al. 1993; Beitchman et al. 1992), weshalb genauere Kenntnisse über die Verbreitung solcher Mißbrauchserfahrungen in der Bevölkerung für Forschung wie auch Praxis sehr wünschenswert wären.

Die Erkenntnisse für die BRD sind diesbezüglich in mindestens zweifacher Hinsicht mangelhaft. Erstens liegen bislang keine verallgemeinerbaren Befunde vor, die eine Einschätzung der Verbreitung sexuellen Mißbrauchs über spezifische Teilpopulationen hinaus erlauben würden (Raupp & Eggers 1993).

Die polizeiliche Kriminalstatistik sowie Informationen aus der Praxis der sozialen Dienste oder der Gesundheitsversorgung sind angesichts der speziell in diesem Bereich anzunehmenden hohen Dunkelziffer sowie verzerrender Faktoren nicht ausreichend (Elliger & Schötensack 1991; Engfer 1996).

Zweitens befassen sich die vorliegenden Forschungsarbeiten meist nur mit einer Modalität der Gewalterfahrung in der Kindheit (Finkelhor & Dziuba Leatherman 1994; Richter-Appelt 1994).

Neuere Untersuchungen zeigen demgegenüber, daß sexueller Kindesmißbrauch, körperliche Kindesmißhandlung sowie die Konfrontation mit Gewalt in elterlichen Partnerbeziehungen keineswegs unabhängig voneinander sind (Jaffe et al. 1990).

Fleming und Mitarbeiter (1997) berichten über eine australische Untersuchung, daß sich nach multivariaten Analysen innerfamiliärer und sozialer Risikofaktoren die physische Mißhandlung durch Eltern als bester Prädiktor für sexuellen Kindesmißbrauch erwies.

Mullen und Mitarbeiter (1993) konnten nach statistischer Kontrolle von familiären Belastungsfaktoren psychische Störungen nur noch teilweise mit sexuellen Mißbrauchserlebnissen in Verbindung bringen.

Kinzl und Mitarbeiter (1995) kommen zu dem Ergebnis, daß sexuelle Funktionsstörungen als mögliche Folge sexueller Traumatisierung erst aus der Kombination von sexueller Mißbrauchserfahrung und Beeinträchtigungen der Eltern-Kind-Beziehung erklärbar werden. Mullen und Mitarbeiter (1996) warnen insoweit zu Recht davor, in der praktischen Arbeit mit Opfern sexuellen Mißbrauchs nur diesen Aspekt kindlicher Traumatisierung zu fokussieren.

Von daher ist auch für die Prävalenzforschung die Frage nach Ausmaß und Struktur multimodaler Gewalterfahrungen in der Kindheit zentral.

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