
Achtung Wichtig
Wir sind KEINE Meldestelle für Darstellungen sexueller Gewalt (Kinderpornografie). Bitten nutzen Sie eine der Meldeadressen
anti-kinderporno.de
Aufbau lokaler Vernetzungen
BEI GEWALT GEGEN Kinder und Jugendliche
"AUFBAU LOKALER VERNETZUNGSSTRUKTUREN BEI GEWALT GEGEN KINDER UND JUGENDLICHE"
Dokumentation der Fachtagung am 10.02.1999 im Sozialministerium
Jutta Todt (Jugendamt Erlangen)
Meine Damen und Herren,
ich bin Psychologin und Psychotherapeutin und arbeite in der städtischen Familienberatungsstelle der Stadt Erlangen, die organisatorisch zum Stadtjugendamt Erlangen gehört. Mein Hauptgebiet in der Beratungsstelle ist die Beratung von Familien, Kindern und Jugendlichen sowie deren Therapie.
Die Prävention zum Thema sexueller Mißbrauch ist eine Spezialisierung, die notwendig wurde, weil wir immer mehr Frauen in der Therapie hatten, die über sexuellen Mißbrauch berichtet haben. Auch gehört seit dem Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) im Jahre 1991 ein Drittel unserer Arbeitszeit ausdrücklich der Prävention. Unser Arbeitskreis aber, den ich Ihnen vorstellen will, besteht schon seit 1988, Sie sehen also, daß wir schon im präventiven Bereich tätig waren, bevor dies gesetzlich verankert wurde.
Als das Thema des sexuellen Mißbrauchs langsam aus dem Verborgenen in das Bewußtsein der Öffentlichkeit drang und im Jugendamt Erlangen immer mehr Kinder und Jugendliche mit Verdacht auf sexuelle Mißhandlungen vorgestellt wurden, gründeten Mitarbeiterinnen des Jugendamtes den Arbeitskreis zur Prävention von sexuellem Mißbrauch. Es handelt sich hier um einen Zusammenschluß engagierter Frauen verschiedener Professionen.
Unser Arbeitskreis ist auf politischer Ebene nicht abgesichert. Allerdings befürworten sowohl mein Vorgesetzter in der Beratungsstelle als auch die Leitung des Jugendamtes diese Tätigkeit, so daß die Treffen des Arbeitskreises auch innerhalb unserer Arbeitszeit stattfinden können.
Die daraus resultierende Unabhängigkeit unseres Arbeitskreises hat Vorteile:
Wir unterliegen keinerlei Reglementierungen, können Themen und Inhalte frei wählen und wissen die dadurch entstehende angenehme Atmosphäre zu schätzen.
Allerdings gibt es auch Nachteile. So unterstützen nicht alle Leiter von Institutionen, daß ihre Mitarbeiterinnen an Arbeitskreissitzungen während der Dienstzeit teilnehmen, was zur Folge hat, daß diese nur selten oder gar nicht teilnehmen können. Wünschenswert wäre daher aus unserer Sicht ein festes Zeitkontingent für alle Mitarbeiter von Institutionen, die sich mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen, sowie ein gewisses finanzielles Kontingent, um Bücher und Materialien anzuschaffen oder um Fortbildungen finanzieren zu können.
Wir treffen uns in der Regel alle 4-6 Wochen. Insgesamt werden ca. 8 Treffen im Jahr durchgeführt. Bei speziellen Einzelfragen können aber weitere Termine zwischen den Teilnehmerinnen vereinbart werden. So haben wir z.B. eine enge Zusammenarbeit zum Allgemeinen Sozialdienst (ASD) des Jugendamtes und mit der Beratungsstelle im Landkreis.
Die Besetzung unseres Arbeitskreises stellt sich wie folgt dar:
- Psychologinnen und Sozialpädagoginnen, die in Familienberatungsstellen arbeiten
- eine Kollegin aus der Drogen- und Suchtberatung
- Mitarbeiterinnen von Jugendämtern,speziell vom Stadtjugendamt Erlangen und vom ASD
- Erzieherinnen aus Horten, Spielgruppen und Kindergärten (wobei es für die rzieherinnen aus den Kindergärten schwierig ist, am Vormittag zu unseren Treffen zu kommen, da diese dann ihre Hauptarbeitszeit haben und die meisten Kinder da sind. Für die Erzieherinnen an den Horten ist es einfacher, da die Kinder dort erst am Nachmittag kommen)
- Therapeutinnen in freier Praxis
- eine Mitarbeiterin aus einer therapeutischen Jugendwohngemeinschaft
- Therapeutinnen aus der Jugendpsychatrie
- Kinderschutzbund; Kinder- und Jugendtelefon
- Notruf und Beratungsstelle für vergewaltigte Frauen und Mädchen
Aus diesen Berufsgruppen besteht der feste Teil unseres Arbeitskreises. Zusätzlich kommen zu einzelnen Sitzungen interessierte Kolleginnen, die nicht regelmäßig teilnehmen können oder möchten, und die uns ihr Wissen auf Anforderung zuteil kommen lassen. Oder es kommen Kolleginnen, die einen Fall von sexuellem Mißbrauch haben und unsere Erfahrung nützen wollen.
Kurz zur geschlechtlichen Verteilung in unserem Arbeitskreis:
Anfangs waren wir nur Frauen, und das war von den meisten so gewollt. Setzt doch die Diskussion über Gewalt gegen Frauen und Kinder in uns allen Ängste frei und läßt niemanden unberührt. Dieses Thema wollten wir zunächst in Ruhe und unter uns diskutieren. Im Laufe der Jahre änderte sich aber unser Selbstverständnis und wir öffneten unseren Arbeitskreis auch für Männer. Nur leider kam keiner. Nur sehr zögerlich erschienen mitunter männliche Praktikanten, die an den Universitäten oder Hochschulen waren oder -noch vereinzelter- daß männliche Kollegen, die in der Beratungstätigkeit mit sexueller Gewalt zu tun hatten, unsere Erfahrungen nutzen wollten.
Referentinnen und Referenten aus folgenden Arbeitsfeldern waren zu speziellen Fragestellungen oder zum Kennenlernen oder zum Austausch von Informationen in unseren Arbeitskreis eingeladen:
- die Beauftragte der Polizei für Frauen und Kinder
- eine Staatsanwältin
- eine Kinderärztin
- der Schulpsychologe
- Lehrkräfte
- Kindertherapeuten in freier Praxis, die speziell mit sexuell mißbrauchten Kindern arbeiten
- Psychologen und Therapeuten aus Kliniken der Region.
Berufsgruppen, die wir gerne für die regelmäßige Mitarbeit gewinnen würden, sind Juristen, Ärzte, Polizei und Schulen. Es tauchen bei uns immer wieder medizinische oder juristische Fragen auf, die wir selbst nicht genau beantworten können und wo wir uns eine feste Mitarbeit wünschen würden. Wir suchen auch mehr Kontakt zu Lehrern. Die Schulen sind offen und haben Bedarf. Für die Lehrer ist es aber schwierig, an unseren Treffen teilzunehmen. Einmal, weil wir uns am Vormittag treffen und zum anderen, weil sie für solche Präventionsarbeiten keine Freistellung bekommen und diese in ihrer Freizeit durchführen müßten.
Ich komme nun zu den Aufgaben unseres Arbeitskreises:
- Ursprünglich wurde dieser als Fallarbeitskreis gegründet. Fallbesprechungen und kollegiale Supervision standen im Vordergrund. Ich habe bereits erwähnt, daß der Umgang mit sexueller Gewalt an Kindern uns alle -also auch die Professionellen- in Nöte versetzt und und wir alle auf Hilfe aus dem Kollegenkreis, also andere Professionelle, angewiesen sind. Fallbesprechungen mit 10-12 Personen sind manchmal sehr schwierig, auch aus Gründen des Datenschutzes, der ja bereits angesprochen wurde. Wir unterliegen ja der Verschwiegenheitspflicht und das ist für unsere Klienten sehr wichtig, denn denn nur in einem geschützten Rahmen kann therapeutische Arbeit geleistet werden.
- Ein weiterer Punkt unseres Aufgabengebietes ist eine "Infobörse", also der Austausch über Neuerscheinungen von Bücher und Materialien, Berichte über Fortbildungen und Vorträge, Veranstaltungen, Filme oder Theaterstücke zum Thema.
- Kontakte zu anderen Institutionen herzustellen ist ein weiterer Aufgabenbereich, den wir uns gegeben haben. So haben wir etwa zu Forscherinnen der Uni Bamberg Kontakt aufgenommen, die in einem vom Sozialministerium finanzierten Projekt über sexuellen Mißbrauch gearbeitet haben. Außerdem haben wir Kontakte zu Wildwasser.
- Wir führen auch gemeinsame Fortbildungen durch. So haben wir zum Beispiel mit Mitgliedern der Kinder- und Jugendpsychatrie und dem Kinder- und Jugendtelefon des Kinderschutzbundes eine Fortbildung zur Krisenintervention durchgeführt.
- Allgemeiner Erfahrungsaustausch und die Erstellung von Präventionskonzepten, sowie die Arbeit mit Multiplikatoren ist ein weiterer Aufgabenbereich. Arbeit mit Multiplikatoren bedeutet, daß wir Fortbildungen veranstalten und mit Fachleuten arbeiten, um diese zum Schutz von Kindern vor Gewalt zu sensibilisieren.
Damit möchte ich nun zu unserem Präventionskonzept kommen:
Unser Fortbildungskonzept zur Prävention von sexuellem Mißbrauch wendet sich an alle, die mit Kindern arbeiten oder leben, also an Erzieherinnen in Kindergärten und Horten, an Eltern, Lehrer, Sozialpädagogen und alle anderen, die mit Kindern zu tun haben. Wir gehen in unserem Angebot speziell auf die Anliegen, Fragestellungen und Anregungen der jeweiligen Zielgruppe ein. Unser Konzept ist wie ein Baukasten zusammengesetzt. Dadurch können wir die verschiedenen Themenbereiche an mehreren Tagen, Abenden oder als mehrtägige Workshops anbieten.
Nun zu den Zielen unseres Fortbildungskonzeptes im einzelnen:
- Die Sensibilisierung für das Problem ist unser Hauptanliegen. Nur wenn wir in unserem Vorstellungsvermögen einräumen, daß sexuelle Gewalt in unserem Nahbereich stattfinden kann, werden wir dafür offen, Signale und Symptome zu erkennen. Dazu ist die Vermittlung von Basiswissen notwendig.
- Auch die Entwicklung von Handlungsstrategien und den Aufbau einer präventiven Erziehungshaltung zu unterstützen, zählen wir zu unseren Aufgaben.
- Die Förderung von Kooperationen zwischen den einzelnen Professionen und die Einberufung von Helferkonferenzen ist ebenfalls unser Ziel.
Grundsätzlich vertreten wir die Haltung, daß Prävention sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche eine Aufgabe von Erwachsenen ist. Wir haben daher Einheiten, die wir in Schulen mit Lehrern, Lehrerkollegien und Eltern, sowie auch eine Einheit, die wir mit Kindern bearbeiten. Auch wenn wir unsere Kinder zu mehr Selbstbewußtsein und zum "Neinsagen" erziehen, dürfen wir unseren Kindern aber den Schutz nicht selbst auferlegen. Unsere Kinder zu schützen ist immer unsere Aufgabe als Eltern und Professionelle. Die Präventionsarbeit mit Erwachsenen kann nur gemacht werden, wenn fundierte Kenntnisse über Ursachen, Folgen und Ausmaß des sexuellen Mißbrauchs vorhanden sind. Aus diesem Grund beginnen wir immer mit einem Informationsteil zu folgenden Themen: Zunächst geht es immer um die Klärung des Begriffes. Dann geben wir auch Informationen zu Häufigkeiten, zum Täter, zum Opfer und zur Tatdynamik. Weiterer Punkt sind die Signale und Symptome. Ein wichtiger Punkt ist auch die präventive Erziehungshaltung, denn Schutz vor sexuellem Mißbrauch kann nicht nur punktuell erfolgen, sondern ist eine grundsätzliche Erziehungshaltung, die von Geburt an vorhanden sein muß, damit wir unsere Kinder schützen. Das ängstigende Thema "wie gehe ich mit einem Verdacht um und an wen kann ich mich wenden" ist ein weiterer Punkt in unserem Präventionskonzept.
Nun komme ich zu dem Punkt, welche Unterstützung wir uns für unseren Arbeitskreis wünschen würden.
Wünschenswert im Bereich der Gewaltprävention wäre eine Vernetzung auch auf höherer Entscheidungsebene. Wir verstehen uns als die "Arbeiter an der Basis", die mit den Betroffenen arbeiten. Wir würden uns aber wünschen, daß sich auch andere Berufsgruppen wie Mediziner und Juristen zu diesem Thema fortbilden. Ein Erfahrungsaustausch sollte bei allen Berufsgruppen, die auch nur in Randbereichen mit Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu tun haben, zur regelmäßigen Pflicht werden, denn nur so können unsere Kinder vor sexuellen Übergriffen geschützt werden. Für die Zukunft wünschen wir uns mehr Kontakte zu Schulen. Wir haben unser Fortbildungsangebot mit Erzieherinnen mehrfach erprobt, haben aber noch wenig Erfahrungen mit Lehrern. Das liegt meiner Meinung nach daran, daß diese für Fortbildungen, wie wir sie durchführen, keine Freistellung von der Schule bekommen. Ich habe jetzt mit einer Kollegin aus der Beratungsstelle im Landkreis das erste Mal eine Fortbildung mit Lehrern durchgeführt, die sehr erfolgreich war. Die Lehrer haben aber auch geschildert, wie schwierig es ist, sich zusätzlich zu ihren Aufgaben an der Schule noch dem schwierigen Thema der Gewaltprävention zu widmen.
Damit komme ich nun zum Abschluß:
Betrachte ich unsere Arbeit im Arbeitskreis in den letzten zehn Jahren, so ist eine positive Entwicklung zu verzeichnen. Hatten wir anfangs noch stark mit der dem Thema immanenten Verleugnung zu kämpfen, können wir heute sagen, daß sich die Diskussion stark versachlicht hat und wir auf immer mehr Resonanz stoßen. Ich möchte bei meiner Arbeit im Umgang mit dem sexuellen Mißbrauch nicht auf die Unterstützung meiner Kolleginnen verzichten müssen und wünsche mir, daß unsere gute Zusammenarbeit auch in Zukunft geleistet werden kann.
Dokumentation der Fachtagung am 10.02.1999 im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit
Herausgeber:
Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit Winzererstraße 9 - 80792 München - März 1999

