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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:
Eine Streitschrift.
Übliche Reaktionen: feige und verlogene Fassungslosigkeit
Symptom- anstatt Wurzelbehandlung
Abgesehen von der Tatsache, dass die Behandlung von Symptomen - die konsequente und harte Bestrafung von gefassten Tätern - noch nicht einmal statt findet, wird eigentlich überhaupt nichts getan; außer dass wir alle der Monstertheorie hinterher laufen, obwohl es keine Monster gibt.
Es gibt Täter (und Täterinnen), Symptomträger für diese Gesellschaft. Aber was machen wir aus denen?
Ein „Symptomträger“ ist für uns ein (exotischer) „Anderer“, dessen Verhalten und Motivation im dichten Nebel archaischer Mythen eine sagenhafte, unerklärliche Gestalt bleibt und bleiben muss, bei der nur eines klar ist: mit „uns“ hat diese Gestalt nichts zu tun!
Das ist der erste falsche Schritt, der erste fatale Irrtum.
Es ist tatsächlich kein Zufall, dass das Thema „Sexualstraftäter“ regelmäßig zum Abenteuerspielplatz der Medien und der Gesellschaft wird bzw. verkommt.
Die Stellung von Frauen und Kindern in der Gesellschaft hat nach solcher Sichtweise ebenfalls nichts damit zu tun, auch wenn Täter und Opfer in Bezug auf Geschlecht und/oder Alter sich erheblich voneinander unterscheiden. Männergewalt gegen Frauen und Kinder bleibt so die erwünschte Normverletzung. Eine angebliche Ausnahme!
Sie ist oder darf keinesfalls Normverlängerung sein: also normal. De facto ist sie das aber. Die empirischen Belege liegen seit langer, langer Zeit vor.
Opfer: Instrumente der Gewalt
Ausgeblendet werden auf diese Weise auch die Opfer. In allen Berichten. In allen Diskussionen. Das an ihnen verrichtete Grauen ist lediglich der Aufhänger, dient der dafür notwendigen Skandalisierung, der Hetze gegen die angeblich wenigen Einzeltäter/innen. Auf diese Weise bleiben die Opfer Instrumente der Gewalt; erst die der Täter/innen, dann die der Medien und der Öffentlichkeit. Auf dieser Klaviatur spielen wir alle. Denn wir wollen dafür nicht wirklich verantwortlich sein. Wir beschränken uns auf das Zusehen, was die Symptome angeht und auf das Wegsehen, was die Ursachen anbelangt.
Sich auf die (potentiellen) Opfer zu konzentrieren, um ihre systematische Verfolgung, Ausbeutung und/oder Ermordung zu beenden, würde nämlich bedeuten, öffentlich zuzugeben, dass es misshandelte und gequälte Menschen gibt, die uns klar machen (könnten!), was diese Gesellschaft tatsächlich zulässt. Offensichtlich ist das nicht möglich. Moralisches Geschwafel? Keineswegs. In jedem Falle nicht für die Opfer. Mit Moral können die nichts anfangen. Sie half ihnen nie. Im Gegenteil! Interessieren uns die Opfer? Lieber nicht! Die spannende Frage lautet daher: Wie kann das alles sein?
Von der Geschichte lernen
Hinweise und Anregungen dazu gibt der US-amerikanische Psychiater S.J. Breiner. Er hat durch seine Untersuchungen der alten Kulturen der Griechen, Römer, Hebräer, Chinesen und Ägypter Zusammenhänge zwischen der Stellung der Frau in der jeweiligen Gesellschaft und dem Auftreten von sexualisierter Kindesmisshandlung festgestellt. Er konnte auch Zusammenhänge zwischen der Gewalt gegen Kinder, dem aggressiven Verhalten nach außen - gegen andere Völker und Kulturen -, dem jeweiligen Ausmaß der Sklaverei und der sozialen Ungleichheit, dem Verhalten gegenüber Behinderten, der Existenz von Pornographie und der Glorifizierung von Kriegshelden feststellen.
Und wer hier und jetzt aktuelle Parallelen sieht, sieht vermutlich richtig!
Athener wie Römer verhielten sich nach außen und nach innen destruktiv-aggressiv. Das Ausmaß der Kindesmisshandlungen war entsprechend hoch. Männer, die Kinder missbrauchten, wurden nicht als Verbrecher bezeichnet, sondern galten als „normal“.
Umgekehrt könnte man jedoch durchaus einmal behaupten, dass die sexualisierte Kindesmisshandlung „normal“ ist, was Breiner in seinem Buchtitel dankenswerterweise ausdrückt: „child abuse through the ages and today“ - über die Jahrhunderte hinweg bis heute...
Genau!
Im alten Athen wurde die sexualisierte Kindesmisshandlung gar zum Kulturgut erhoben. Die sogenannte Pädophilie wurde glorifiziert; eine Tatsache, auf die sich die heutigen Misshandler/innen nur zu gerne beziehen, um ihr Verhalten historisch und „kulturell“ zu rechtfertigen und sich den Anschein von Normalität - im Sinne von völliger Harmlosigkeit - zu geben.
Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:
ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.
Quellen:
Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.
Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.
Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.


