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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:

Eine Streitschrift.

Übliche Reaktionen: feige und verlogene Fassungslosigkeit

Wie können Menschen so etwas tun?

Das sind keine Menschen.

Kopf ab!

Schwanz ab!

So lauten meist die ersten typischen Reaktionen auf verbaler Ebene. Auf diesem Diskussionsniveau wurde und wird die Sache in der Regel auch eingefroren. Man zeigt sich rachsüchtig und entsetzt; also reaktiv und inaktiv.

Bis heute!

Die Politik ergänzt das Ganze dann brav um Expertenanhörungen, Forderungen nach Strafverschärfung und Diskussionen um die Sicherheitsverwahrung von sogenannten Sexualstraftätern und deren Zeitdauer oder Handhabung.

Was die Täter (und Täterinnen!) angeht, so wird auf Anhörungen immer wieder die chemische Kastration und andere Methoden der Eindämmung des für solche Verbrechen angeblich verantwortlichen „krankhaften Sexualtriebes“ debattiert. Einige empörte Bürger/innen sammeln dann garantiert (wieder einmal) Unterschriften für die Einführung der Todesstrafe u.v.m. Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebungen dominieren uns alle.

So unterschiedlich die Aktionismen - ohne jedwede Aussicht auf eine tatsächliche Problemlösung - auch immer sein mögen, sie zeigen immer bedenkenswerte Gemeinsamkeiten:

  • Die Abgrenzung von den Guten (Wir!) und den Bösen (Die da!).
  • Die Annahme, das „wir” viele seien und „die da” nur ganz wenige („kranke”) Einzeltäter/innen.
  • Die implizite Behauptung, dass unsere Gesellschaft eigentlich „gut und kinderlieb” sei; weshalb sie von solchen „Monstern” befreit werden müsse.
  • Die vortheoretische und durch nichts zu beweisende Annahme, dass man Gewalt mit Gewalt bekämpfen könne (wobei in der Realität am Ende ja immer pathologisiert wird, was zu therapeutischen Maßnahmen für die Täter anstatt für die überlebenden Opfer führt...).
  • Die ebenso konsequente wie fahrlässige Auslassung mittel- und langfristiger Präventionsmaßnahmen („Nachhaltigkeit”), mit denen man vorvorgestern hätte beginnen müssen.
  • Und aus alledem folgend: die (im Grunde) totale Verweigerung, Gewalt tatsächlich und von Grund auf bekämpfen zu wollen.

Wo kommen die „Monster“ nur her?

Ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das solche Bestialitäten wie Kinderfolter und Mord hervorbringt, existiert nach solchen „Übereinkünften“ nicht. Das gilt als „Ausrede“, als zu schwammige Erklärung. Man will die konkreten (fassbaren?) Einzeltäter hart bestrafen und vor allem vorzeigen können.

Obwohl es inzwischen die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass man die wenigsten Täter/innen überhaupt jemals zu fassen bekommt; die Drahtzieher/innen ohnehin nicht.

Egal.

Darüber hinaus, womöglich an den Kern des Problems, will niemand sehen oder gar gehen.

Bestrafen und zur Verantwortung ziehen von gefassten Tätern wäre schon richtig, doch selbst das wird ja kaum jemals konsequent gemacht! Jeder mickrige Bankräuber und Autoknacker wird konsequenter und härter bestraft.

Aber vor allem gilt dies: Die Einzelbestrafung kann die Problematik an sich niemals bekämpfen.

Die Destruktivität unserer Gesellschaft, die für die Problematik verantwortlich zeichnet, weil sie nämlich die Rahmenbedingungen für solcherlei Entwicklungen hervorbringt und weiter aufrecht erhält; das ist es, was verändert werden muss. Die Destruktivität einiger, weniger Einzelexemplare zu fokussieren, ist lediglich eine oberflächliche Behandlung von Symptomen.

Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:

ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.

Quellen:

Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.

Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.

Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.

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