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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:
Eine Streitschrift.
Die Erziehung zum „Mann“
Dass Männer über ihre Sozialisation, die kurz gefasst als eine - von der Gesellschaft gewollte und daher konsequent betriebene - systematische Desensibilisierung bezeichnet werden kann, „gelernt“ haben, ihre Gefühle abzuspalten und zu ihren Geschlechtsorganen in der Regel (und bedauerlicherweise) ein recht unpersönliches Verhältnis entwickelt haben, ist den Vertreter/innen der „Lust-Theorie“ einerlei.
Was hier implizit mitschwingt, wird nie ausgesprochen:
Männliche Sexualität ist danach per se mit Gewalt und Aggression befrachtet, zumindest hat sie nichts Positives. Sibylle Thönnies hat es in der taz (10.10.95) einmal auf den Punkt gebracht. Sie bezeichnete die Penetration als „männlichen Imperialismus“ und verstieg sich am Ende gar zu dem äußerst lächerlichen Wortdreimaster „politische Fremdüberlagerung“. Solche eventuell aus persönlicher Erfahrung entwickelten „Theorien“ und Begriffe spiegeln ein Männer- aber auch ein Selbstbild wider, das Sorge bereiten sollte, denn Gewalt - egal welcher Couleur - nährt sich von Angst, Beziehungslosigkeit, Unsicherheit und (Selbst-)Verachtung.
Die fatamorganische Realitätskonstruktion der Männer ist nicht viel besser: Sie protestieren eher selten gegen das Bild, das über sie verbreitet wird. Der ebenso siegreiche wie einsame und brutale Rambo, Hi-man, Terminator usw. ist eben ein Held bzw. „ein Mann“.
Inzwischen gibt es einige wenige Männer, die das versuchen. Aber bedauerlicherweise tun viele von ihnen es auf der Basis eines klassischen Nullsummenspiels: sie setzen den „bösen Männern“ die „bösen Frauen“ entgegen. Mit anderen Worten: sie haben nichts begriffen.
Männerbilder zum Greifen nah?
Das männliche Vorbild des einsamen und siegreichen Rambo ist ein Trauerspiel. Denn: eigentlich ist er doch ein gefühlloser Panzer, ein bedauernswertes Geschöpf. Aber das darf niemand sagen. So ist es nicht von ungefähr, dass Jungen, wenn sie nach ihren Vorbildern befragt werden, alle möglichen Rambos oder sonstigen Robotics und Cyborgs angeben, nur nicht ihren eigenen Vater. Sie nennen also selten ein lebendes Vorbild, denn sie haben meist keines. Vorbilder müssen eben greifbar sein, lebendig, spürbar, täglich in allen möglichen Situationen erfahrbar. Existieren Vorbilder nicht, werden sie konstruiert. Denn: In einer Welt, in der nur zwei Geschlechter existieren (dürfen), brauchen Jungen wie Mädchen eine Orientierungsfigur, damit sie eine dazu kompatible
Identität entwickeln können.
Mädchen haben in der Regel eine: ihre Mutter. Sie ist da, greifbar in all ihren Schattierungen. Ob sich ein heranwachsendes Mädchen nun von der Mutter abgrenzt oder ihr nacheifert, ist dabei eher sekundär. Wesentlich ist, dass sie einen lebenden Menschen hat, an dem sie sich „reiben“ kann. Einen Menschen, der/die weint, lacht, Angst zeigt, genervt ist, manchmal ungerecht, stark, ohnmächtig, wütend, hilflos, verständnisvoll, verständnislos - eben lebendig und facettenreich. Jungen haben das selten, obwohl es sich zu bessern scheint. Aber es wird noch dauern. Eine Identifikation mit der Mutter ist für Jungen jedoch kaum möglich, denn sie sollen oder wollen ja Männer werden; wenn man an der vorherrschenden Geschlechterdichotomisierung („männlich“ oder „weiblich“, 1 oder 0, tertium non datur) festhalten will. Und die Mehrheit will, zieht aber keine Konsequenzen daraus.
Aber wo, bitteschön, sollen die Jungen sich „reiben“? An Vätern, die in der Regel wie Spotlights in ihrem Leben auftauchen, ist das nicht möglich. Mit Vätern, die sich von Müttern als strafende Instanz instrumentalisieren lassen und dann die platte, verbale Botschaft aussenden, der Junge möge sich wehren, damit er später im richtigen Leben „seinen Mann“ stehen könne, ist das nicht möglich.
Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:
ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.
Quellen:
Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.
Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.
Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.


