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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:
Eine Streitschrift.
Übliche Reaktionen: feige und verlogene Fassungslosigkeit
Die Helden der Geschichtsbücher
Das Bedürfnis, Verbrechen im allgemeinen zu Heldentaten zu erheben oder eher unverfänglich: zu „historischen Ereignissen“ zu stilisieren, war und ist groß. Die Geschichtsbücher sind voll von Massenmördern, die als Könige, Generäle und Herrscher gehandelt werden.
Das Bedürfnis, solche Verbrechen wie sexualisierte Kindesmisshandlung zum Kulturgut zu erheben, ist ebenfalls groß und hat in unserer Zeit immer wieder seine Neuauflagen erhalten. So bezeichnet der Soziologe Rüdiger Lautmann in seinem Buch „Die Lust am Kind“ das Coming-Out der sog. Pädophilen als „Aufstieg“. Seine „Studie“ wurde bezeichnenderweise von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Der Grüne Bundestagsabgeordnete Volker Beck publizierte einen Beitrag in einem „pädophilen“ Buch und lieferte dort eine hanebüchenes Verbalchaos zwischen Homosexualität, Pädo“philie“, Gewalt und „sexueller Freiheit“ ab.
Und tatsächlich sind zunehmend mehr Menschen der Meinung, dass es sich bei der so genannten Pädophilie nur um eine „abweichende Form sexueller Bedürfnisse“ handelt, die beim Anblick von Kindern eben „ausgelöst“ würde. Diese Leute sind Mittäter/innen bei der Zerstörung von Kinderseelen.
Anschein von Normalität
Der Schweizer Soziologe Alberto Godenzi brachte es auf einer Fachtagung zur Problematik der Kinderprostitution einmal auf den Punkt. Er vertrat die folgende These: „Gesellschaften, die sexuelle Gewalt gegen Kinder zulassen und fördern, geben sich weiterhin den Anschein von Normalität.“
Salopp umformuliert: „Im Grunde ist alles in Ordnung. Ein paar Irre gab und gibt es immer.“ Für die Aufrechterhaltung dieser fatalen Botschaft, dieses falschen Scheins tun viele Vieles:
Die Medien verbreiten nach wie vor die „Theorie“ vom bösen Triebtäter und leisten so dem Mythos Vorschub, dass es sich sowohl bei Kindesmisshandlung als auch bei der Vergewaltigung von Frauen zum einen um eine Form von (wenn auch vielleicht abartiger) Sexualität handelt. Folgerichtig bietet man den „Abartigen“ die kostenlosen Therapien an und nicht den Opfern.
„Abartige, kranke Sexualität“ würde zudem nur von einigen wenigen Sonderexemplaren der männlichen Spezies ausgeübt werden; so die weitere Abenteuergeschichte. Frauen als Täterinnen kommen - nebenbei bemerkt - gar nicht vor. Auch das ist folgerichtig.
Diese Fokussierung auf wenige krasse Einzelfälle hat entscheidende Vorteile: Das tatsächliche Ausmaß von Männergewalt gegen Frauen und Kinder wird so sauber ausgeblendet, aber vor allem kann man sich von den „bösen, anderen Männern“ klar abgrenzen. Grundsätzlich muss die Gesellschaft also nichts tun. Es bleibt alles „normal“. Motto: Ein paar „Verrückte“ und Durchgeknallte wird es schließlich immer geben. Also müssen diese wenigen Sonderfälle sorgfältig pathologisiert werden, und genau das ist auch der Fall.
Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:
ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.
Quellen:
Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.
Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.
Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.


