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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:
Eine Streitschrift.
„Du existierst nicht!“
Es gibt wohl kaum eine zuverlässigere Methode, einem Menschen die Existenz abzusprechen, als die der Ausübung von sexualisierter Gewalt. Diese Gewaltform ist das wirksamste Vehikel, um einen Menschen zu zerstören. Nicht zuletzt ist die sexualisierte Folter in den Gefängnissen unserer Welt deswegen so „beliebt“. Für die Opfer ist der Effekt jedoch höchst ähnlich; ob zu Hause oder im Gefängnis: die totale Instrumentalisierung und Aneignung des Intimsten zerstört sie.
Was für eine ungeheuer verletzende und destruktive Macht hinter einer Vergewaltigung oder einem sogenannten „sexuellen Missbrauch“ steht, können und wollen sich die meisten Mitmenschen nicht vorstellen.
Wenn sie hingegen in den Medien sehen, wie andere durch Naturkatastrophen Haus und Hof verlieren, sind sie bereit, mitzuleiden (Empathie) und sogar zu helfen.
Was ein Täter, der sexualisierte Gewalt ausübt, mit seinem Opfer anstellt, ist jedoch keine Naturkatastrophe, die mehr oder weniger unkontrolliert über Menschen hereinbricht. Es sind bewusst und vorsätzlich geplante Taten. Immer! Er/sie hat sich sein Opfer ausgesucht und sich überlegt, wie er/sie es quälen wird. Das gilt für alle sogenannten „Sexualstraftäter“; auch oder gerade für Männer, die ihre Partnerin oder ihre Kinder vergewaltigen. Sie haben viel Zeit, um in Ruhe zu planen und den allergrößten Freiraum dafür. Den nutzen sie auch. Ihnen ist genau bewusst, dass sie ihr Opfer am meisten an dem Ort verletzen und einschüchtern können, an dem sich ein Mensch eigentlich am sichersten fühlen sollte: „zu Hause“.
Totalangriff
Wenn das eigene Zuhause aber der unsicherste Ort ist, den es gibt; wo soll man dann noch hin? Wo soll man existieren? Wenn das eigene Zimmer (Kinderzimmer, Schlafzimmer) der Ort ist, der mit reinem Schrecken, ungeheurem Schmerz und unsäglicher Angst verbunden ist; wie soll man da existieren? Wenn der eigene Körper der „Ort“ ist, auf dem unmittelbar Gewalt ausgeübt wird, welche Möglichkeiten zur Grenzziehung hat man dann noch?
Wenn die eigene Seele - der allerletzte Zufluchtsort eines Menschen - der „Ort“ ist, an den man sich nicht mehr zurückziehen kann, weil der Täter es auf sie abgesehen hat, wo soll man da noch hin?
Der Täter dringt überall ein; im übertragen wie im konkreten Sinne. Das ist purer Horror. Mit anderen Worten: bei sexualisierter Gewalt handelt es sich um einen Totalangriff auf eine menschliche Existenz.
All dies sollte aber vor allem eine Gesellschaft angreifen, die sich angesichts eines ungeheuren Ausmaßes von Männer- und Erwachsenen-Gewalt immer noch den Anschein von Normalität geben will, indem sie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, übermäßigen Alkoholkonsum, „Triebe“, die Zugehörigkeit zu den „unteren“ sozialen Schichten und andere Kinkerlitzchen mehr dafür verantwortlich macht. Gewalt wird auf diese Weise zu einem Abstraktum. Sie wird entpersonalisiert. Männliche Gewalttäter sind danach keine für ihre Taten verantwortlichen Personen, sondern fremdgesteuerte Monster. Bei den (Mit-)Täterinnen gibt es dazu keine Aussage, weil man sie strikt ausblendet. Und all das ist einfach falsch.
Der Schein muss weg
Vor dem skizzierten Hintergrund sollte deutlich geworden sein, dass eine erfolgreiche Bekämpfung sexualisierter Gewalt nur mit langfristig konzipierten Maßnahmen und mit einer Nachhaltigkeitsstrategie geschehen kann.
Es geht u.a. um eine völlig andere Jungenerziehung, die freilich mit sehr konkreten Maßnahmen eingeläutet werden könnte. Ein absolutes Verbot der Prügelstrafe (die Jungen „hart“ und Mädchen „weich“ machen soll...), ist ein erster Schritt. Ebenso sollte man Kindern und Jugendlichen das Recht geben, sich von Eltern, die gegen sie Gewalt ausüben oder sie vernachlässigen, zu trennen. Ein Recht auf Scheidung von Menschen, die sie nicht fördern und lieben, sondern quälen oder sich überhaupt nicht um sie kümmern, wäre ein ganz wichtiger Schritt.
Unsere Kinder brauchen dringend eine Emanzipationsbewegung!
Andere Formen des Zusammenlebens der Geschlechter und Generationen wären dazu sicherlich notwendig; eine andere Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern geradezu unabdingbar. Am besten wäre die Aufhebung solcher Kategorien wie „Geschlecht“; aber das scheint noch Zukunftsmusik zu sein. Für kurz- wie langfristige Maßnahmen gilt dasselbe: Der Schein muss weg. Die Konfrontationsfähigkeit und die „Nachhaltigkeit“ muss her. Gewalt muss zur Kenntnis und von Mythen muss Abschied genommen werden.
Die scheinbar modernen Konzepte der Abenteuer- und Erlebnispädagogik für Jungen müssen überdacht und kritisiert werden. Sie sind zutiefst patriarchal, denn sie unterstellen, dass Jungen nur genügend Bewegung brauchen, um sich „normal“ zu verhalten. Gleiches gilt für die Nein-Sag-Programme für Mädchen, denn das sind Programme „mit dem Rücken zur Wand“. Nachhaltige Wirkungen sind hier nicht zu erwarten.
Was den Jungen fehlt, ist die Freiheit, Nein zu sagen, nicht funktionieren zu müssen und Gefühle leben zu dürfen. Was den Mädchen fehlt, sind Abenteuer, Erlebnisse und die Möglichkeit ihre Aggressionshemmungen loszuwerden.
Was unserer scheinbar „guten“ Gesellschaft fehlt, ist der Mut, den Tatsachen ins Auge zu schauen.
Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:
ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.
Quellen:
Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.
Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.
Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.


