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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:
Eine Streitschrift.
Übliche Reaktionen: feige und verlogene Fassungslosigkeit
Psychologisch perfekte Entlastung von Kriminellen
Politiker/innen und Öffentlichkeit rufen seit längerer Zeit verstärkt oder eben immer mal wieder nach einer „Therapie für Sexualstraftäter“ und meinen, das Problem damit zu lösen. Manche Richter verhängen inzwischen „Strafkombinationen“ gegen offensichtlich brutale Gewalttäter, die man aus psychologischer Sicht nur als pervers bezeichnen kann: nicht Gefängnis, sondern Bewährung plus „Sexualtherapie“. Besser kann man dem Täter nicht bestätigen, dass er eigentlich ein Opfer (seiner „Triebe“ oder Verhaltensstörungen) ist; um ihm damit gleichzeitig klar und deutlich die Verantwortung für die Zerstörung eines Menschen zu nehmen. Solche Strafkombinationen sind gerichtlich verhängte Entlastungen für Verbrecher. Das gibt es in keinem anderen Deliktbereich. Erfahrene Kripobeamte können ganze Arien davon singen; meist versagt ihnen aber verständlicherweise die Stimme dafür, denn Politik, Wissenschaft, Juristen und Gutachter/innen sorgen aktiv dafür, dass sie meist umsonst gearbeitet haben. Da könnten sie mit ihrer Erfahrung und ihrem Wissen eintausend Male dagegen argumentieren. Man hört sie gar nicht an, sondern frönt weiter der ebenso reinen wie abenteuerlichen „Theorie“ und der eigenen Totalnaivität.
Ungestraft!
An ein gesetzlich verbrieftes Recht der Opfer auf eine kostenlose Therapie denkt kaum jemand. Frauenhäuser, Notrufe und Beratungsstellen werden jedoch ohne Nachdenken und Nachruf geschlossen oder systematisch dem finanziellen Ruin zugeführt.
Die wenigen Traumatherapeut/innen haben in unserem Land meist keine Kassenzulassung, weil die Ärzteschaft, die von der Psychologie so viel Ahnung hat, wie ein Trampeltier vom klassischen Ballet, ihre Pfründe über das „neue Psychotherapeutengesetz“ zu sichern wusste. Was sie damit angerichtet haben, ist kaum in Worte zu fassen.
Eine flächendeckende Versorgung an spezialisierten Therapeut/innen gibt es ohnehin nicht. Am schlimmsten betroffen sind Jungen, die sexualisierte Gewalt erdulden mussten. Das ist ein Elend und eine Verantwortungslosigkeit, die ihresgleichen sucht.
Verkehrte Welt? Keineswegs.
Wirklichkeiten...
Die Pathologisierung und Konzentration auf die Täter bei paralleler Ausblendung der Opfer und ihrer Schicksale ist ganz typisch für eine Gesellschaft, die sich ihrem eigenen Spiegelbild verweigert und es vorzieht, eine rosarote Fata Morgana für die Realität zu halten.
Zu dieser Realitätskonstruktion tragen Männer wie Frauen bei. So beharren die meisten Menschen nach wie vor darauf, dass Vergewaltiger während der Tat „Lust“ empfinden (tun Frauen, die bei solchen Verbrechen aktiv mithelfen oder „nur“ wegsehen das auch?), dass es sich daher um einen „Sexualakt“ handeln müsse. Leider befinden sich unter diesen Lust-Theoretiker/innen auch Frauen, die sich als Feministinnen bezeichnen. Das Fatale daran ist, dass sie mit solchen Positionen die Empfindungen der Opfer ausblenden, für die es besonders wichtig ist, dass es sich eben nicht um einen Sexualakt, sondern ausschließlich um einen Gewaltakt handelt; einen besonders perfiden obendrein! Auch merken sie nicht, dass dies eine Unterstellung und eine deutliche Grenzüberschreitung ist, denn ich kann als Frau keine Aussage über das Empfinden von Männern machen! Umgekehrt gilt das natürlich ebenso.
Oder noch klarer: Ich kann als ICH niemals eine Aussagen über das Empfinden eines anderen machen.
Das besonders Gefährliche an dieser Position ist jedoch, dass die Sexualisierung von Männergewalt gegen Frauen und/oder die der Erwachsenengewalt gegen Kinder weiter fortgeschrieben wird - sowie der damit verknüpfte Mythos, demzufolge sexualisierte Gewalt etwas mit Sexualität - im Sinne von „gewaltsamer Sexualität“ - zu tun hat.
Solche Positionen sind nicht nur zutiefst androzentristisch, sondern gefährlich, denn die Sexualisierung von Tat, Täter und Opfer ist das beste Mittel, um diese Formen der Gewalt zu bagatellisieren und Schuld und Verantwortung weiterhin den Opfern in die Schuhe zu schieben:
So bleibt das alte Reiz-Reaktionsschema, nach dem Menschen angeblich „funktionieren“, erhalten. Frauen (oder Kinder) verkörpern dabei den passiven Reiz, Männer zeigen auf den Reiz eine Reaktion.
Mit solch einem Konzept lässt sich freilich wenig anfangen, wenn man Veränderung will. Was kann ein Reiz schließlich tun? Nichts. Und was können die gewalttätige Männer für ihre Reaktionen bzw. Triebe? Nichts...
Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:
ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.
Quellen:
Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.
Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.
Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.


