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Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten” Gesellschaft:
Eine Streitschrift.
Empathiefähigkeit
Was hat das alles mit „Sexualstraftätern“ bzw. der Beendigung der sexualisierten Gewalt zu tun? Viel. Zum einen geht es darum, die Gesamtheit der Täter und Täterinnen ins Auge zu fassen und dann den Hauptteil zu fokussieren. Nur so werden auch Opfer und damit die tatsächliche Gewalt zum Thema. Zum anderen geht es darum, Männergewalt zu entmythologisieren und zu entdämonisieren. Denn Männergewalt wird eben nicht von zwei, drei „Verrückten“ betrieben, sondern seit langer Zeit, täglich, von vielen gewalttätigen Männern, an vielen Orten.
Für eine Entmythologisierung ist es daher notwendig, die Bedingungen für das Zustandekommen von Männergewalt genauer anzusehen. Die Bedingungen liegen in der Art und Weise, wie hier sozialisiert wird.
So ist ein männlicher Säugling mit Sicherheit kein potentieller Gewalttäter, sondern ein hilfsbedürftiges, kleines Kind, das ein Recht auf Liebe, Ernährung, Schutz und gewaltfreie Erziehung hat.
Ein zentraler Punkt in der Erziehung ist die Empathiefähigkeit: Empathie (Einfühlungsvermögen) ist etwas, das Menschen lernen (können). Wer nicht gelernt hat, sich selbst zu spüren und zu merken, kann für andere soziale Gegenüber kein Gefühl entwickeln. Ein fester Bestandteil der typisch männlichen Sozialisation ist jedoch, sich selbst nicht zu spüren: „Ein Indianer weint nicht“, „ein Junge hat keine Angst“. Das sind leider nicht nur Phrasen, sondern nach wie vor Erziehungsmaximen, nach denen Jungen - und später Männer - zugerichtet werden. Es gibt Frauen, die mittlerweile dafür plädieren, diese Art der Zurichtung auf Mädchen anzuwenden. Sie begreifen nicht, was sie damit anrichten (können). Oder ist es schon passiert?
Wer sich selbst nicht spürt, kann aber keine Empathie entwickeln, und hier ist der Knackpunkt: Empathiefähigkeit spielt eine, wenn nicht die wesentliche Rolle für die Ausübung oder Ablehnung von Gewalt.
Solche Zusammenhänge sind eigentlich längst bekannt. Das Wissen ist da. Wer ruft es ab und setzt es um?
Trotz all des vorliegenden Wissens bekommen unsere Kinder nämlich - anstatt konkreter, menschlicher Zuwendung, Interesse an ihrer Person und Einfühlung - vermehrt technische „Babysitter“: Fernseher, Computer, Spielekonsolen und Simulationsgeräte, mit denen sie lernen, wie man virtuell Lebewesen abschießt (Dave Grossman: „Stop teaching our Kids to kill“). Das Ganze am besten als Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk verpackt! So etwas ist aus psychologischer Sicht nichts weiter als systematische Vernachlässigung; von der wiederum bekannt ist, dass sie zu Traumatisierungen führen kann.
Beziehungsfreie Gesellschaft
Interessant wäre an dieser Stelle sicher auch eine Diskussion über die Empathie- und Beziehungsfähigkeit unserer heutigen Gesellschaft, denn ihr Sprechen über und ihr Umgang mit Gewalt, Gewalttätern und Gewaltopfern steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erziehung zur Empathie-Unfähigkeit. Es sind ja tatsächlich nicht Wenige, die sexualisierte Gewalt gegen Frauen und/oder Kinder ausüben.
Die Beziehungslosigkeit zwischen Männern und Frauen, die Beziehungslosigkeit zwischen Männern und Kindern, die Beziehungslosigkeit zwischen Eltern und Kindern ist das jeweilige Endergebnis einer zunehmend „kälteren“, entmenschlichenden Sozialisation und Erziehung, die auf Härte und Coolness setzt, Gefühle mit Schwäche synonymisiert und so die Voraussetzungen für die Ausübung von Gewalt vorprogrammiert.
Die empathiefreie Virtualität unseres sozialen Umgangs miteinander steht längst in „Harmonie“ mit der kalten Künstlichkeit der Computersysteme. Wer vor solchem Hintergrund Mitgefühl, Wärme, Achtung vor Lebewesen - eben Empathiefähigkeit - erwartet, muss wohl selbst empathiefrei - oder zumindest extrem naiv - sein.
Wie sagte ein Kollege von mir, der jahrelang mit Kindesmisshandlern gearbeitet hatte, sinngemäß? „Wenn ein solcher Mann eine wirkliche Beziehung zu dem Kind hätte, dann könnte er es gar nicht mehr misshandeln.“ Ich behaupte, dass dies auch für Frauen gilt, die Kinder misshandeln oder tatenlos zusehen, wie das geschieht.
Simone Veil drückte das aus weiblicher Sicht so aus: „Einen Menschen lieben, heißt nichts anderes, als ihm zuzugestehen, dass er genauso existiert wie man selbst.“
Aktualisierte und stark erweiterte Version. Artikel ursprünglich erschienen in:
ak Analyse & Kritik, Zeitung für linke Debatte & Praxis (Innenpolitik), Hamburg 5. Juni 1997: Verantwortungsabgabe und Aggressionsverschiebung: Sexualstraftäter und ihr Dienst an der „guten“ Gesellschaft. S. 29-30.
Quellen:
Sander J. Breiner, 1990, Slaughter of the Innocents - Child Abuse through the Ages and Today, Plenum Press, New York.
Norbert Klose, 2002, Zur Beratung von Männern, die ihre sexualisierte Gewalt gegen Kinder nicht mehr wollen, In: Männer gegen Männer-Gewalt (Hrsg.), Handbuch der Gewaltberatung, Hamburg 2002, S. 59-81.
Carol Hagemann-White, 1992, Strategien gegen Gewalt im Geschlechterverhältnis, Centaurus, Pfaffenweiler.


