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Lara Andriessen:
Blutiger Sonnenaufgang. Missbraucht - und geliebt.
Becker (2002), broschiert,
ISBN: 3929480255,
Preis: EUR 14,80
Webseite: www.lara-fee-andriessen.de
Dazu das Vorwort einer Diplompsychologin und Menschenrechtlerin:
Das Bild heißt "Blutiger Sonnenaufgang" sagt die junge Lara trotzig zu ihrem schockierten Zeichenlehrer, der in der gleichen Hilflosigkeit wie alle anderen Erwachsenen erstarrt und auch dort bleibt; wie alle anderen...
Das kennt dieses Kind nur zu gut, und da können ihre seelischen und körperlichen Qualen sogar offen sichtbar sein. Man will es nicht sehen! Es ist zu ungeheuerlich.
In der Tat sind Sperma und Blut des eigenen Vaters in und auf einem Baby etwas Ungeheuerliches. Ein Baby, das von der Mutter nicht gewollt und in der Folge konsequent gehasst, gequält und zutiefst verachtet wird. Sie spricht ihm in Wort und Tat das Recht auf Menschenwürde ab. Die Stricknadeln, auf
den Fötus gerichtet, sind dabei nur der Anfang. Die Rechtfertigung der Mutter vor sich selbst: Lara ist das Produkt einer Vergewaltigung. Es ist ein und derselbe Mann, der dies alles tun darf und bis heute nicht wirklich behelligt wurde. Niemand hat ihn je gezwungen, Verantwortung zu übernehmen.
Jahrzehnte später tut dies eben seine Tochter für ihn: sie besteigt geradezu todesmutig eine "Zeitmaschine" und lässt sich selbst noch einmal auf ihre Lebenszeit als Baby, Kleinkind, Kind und Jugendliche ein. Das ist aus psychologischer Sicht ein lebensbedrohliches Unterfangen für die eigene Seele. Aber die Autorin Lara Andriessen begibt sich nicht zum ersten Mal auf
eine solch gefährliche Expedition in die eigene Vergangenheit. Ihre anderen Bücher - wie zum Beispiel "Verdauung der Masken" - beweisen es.
Doch das hier vorliegende Buch unterscheidet sich wiederum stark von den anderen: Es ist das Unerträglichste von allen. Es ist gar nicht verdaulich. Kaum zu ertragen ist der Inhalt; die Wahrheit. Aber was ihn unverdaulich macht, ist die Kunst des Schreibens darüber, die Andriessen im Lauf der Jahre entwickelt hat.
"Blutiger Sonnenaufgang" spiegelt die gesamte Palette und Entwicklung der Phänomenologie der sexualisierten Kindesmisshandlung aus der Sicht des kindlichen Opfers von Anfang an.
Die perfide "Gehirnwäsche" des Täters, der zugleich der geliebte Vater ist; die in ihrer Destruktivität kaum zu überbietende Projektion der Mutter, die von Hass und Verachtung auf sich selbst, auf den vergewaltigenden Ehemann und ihr gesamtes Leben so zerfressen ist, dass sie selbst in einem Baby nur noch ein Objekt ihrer Abreaktionen sehen kann und will; der Kirchenmensch, der sich im Grunde als Exorzist aufspielt; die hilflos ausweichenden Geschwister und all die anderen - helfen nicht. Niemand hilft!
Lara ist allein. Von Anfang an ist sie auf sich gestellt und der
sadistischen oder ignoranten Erwachsenenwelt ausgesetzt: Die kindliche Phantasie- und Märchenwelt wird benutzt, um sie komplett zu verwirren, damit der selbst ernannte "Zauberer", der eigene Vater, sie misshandeln kann. Wer wissen will, wie der Lolita-Mythos wirklich entsteht und welche grausame Wirklichkeit für die "Lolita" dahinter steht, bekommt hier eine Chance; nämlich Lara´ s Sicht auf ihren "Vater" und sein Verhalten.
Haut, Knochen, Muskeln und Seele werden von der Mutter srbarmungslos geschlagen; mit Methoden, die an professionell verübte Folterungen erinnern.
Wer wissen will, warum Mütter schweigen, wird es endlich verstehen: es ist nicht nur unterlassene Hilfeleistung. Es ist das perfekte Pendant zum Verhalten des Täters. Beides ist gleichermaßen kriminell.
Die Frontalangriffe auf ihr Intimstes, auf ihre Identität, auf ihr Energiezentrum werfen Lara auf eine Lebensbahn, die kalt, schwarz und eigentlich nicht "überlebbar" ist.
Es ist und bleibt ein Wunder, dass sie es dennoch überlebt hat. Genau das wird in diesem ganz besonderen Buch von Andriessen so klar und deutlich.
Wer die Autorin kennt, wird nach der Lektüre jedoch nicht nur verblüfft oder fassungslos ausrufen: "Ich kann nicht glauben, dass du das überlebt hast, Lara!"
Nein, es ist anders.
Lara Andriessen hat am Ende gewonnen. Sie ist ein wundervoller, lebendiger und starker Mensch von hoher Sensibilität und ebenso viel Mut geworden. Als Freundin mag man sie nicht missen; als Autorin aber auch nicht.
Danke für den Sonnenaufgang, Lara. Für mich bist Du der selbst.
Gerstendörfer (Diplompsychologin)


