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Dokumentation der Fachtagung im Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Gesundheit

10.02.1999

Die interdisziplinäre Kooperation bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche aus Sicht eines freien Trägers

Ludwig Ecker (Kinderschutzbund Augsburg)

Sehr geehrte Frau Ministerin,
sehr geehrter Herr Staatssekretär,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich bedanke mich für die Einladung und die Möglichkeit, hier über den Arbeitskreis in Augsburg zu sprechen. Auch die Mitglieder des Arbeitskreises freuen sich über das Interesse auf Landesebene und verbinden dies mit dem Wunsch, hier einige Anregungen mitzuteilen. Dazu komme ich an späterer Stelle. Zu meiner Funktion: Ich bin Geschäftsführer im Augsburger Kinderschutzbund.

Mein Vorhaben besteht darin, eine interdisziplinäre Kooperation aufzuzeigen am konkreten Beispiel des Augsburger Arbeitskreises "Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" (kurz: AK). Ich beschreibe den AK anhand einiger wichtiger Merkmale.

Zeitlicher Rahmen:

Der AK besteht seit 1989, also nun zehn Jahre, und zwar im wesentlichen unverändert.

Spezieller Anlaß für die Bildung des AK: Den Anlaß für die Bildung dieses AK gab ein Jahr zuvor 1988 eine Anhörung im JHA der Stadt Augsburg zur Problematik der Hilfsangebote bei Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Eine Arbeitsgruppe unter Federführung des Kinderschutzbundes bekam vom JHA den Auftrag, ein Hilfekonzept auszuarbeiten: die heute bestehende

"Anlaufstelle für Kinderschutz".

Politischer Beschluß:

Für den AK war der politische Beschluß im JHA vom Oktober 1989 in mehrfacher Hinsicht von großer Bedeutung; und zwar im Hinblick auf:

Zitat:

"Die Notwendigkeit einer zentralen Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche in Notsituationen wird auf der Basis der Arbeitsergebnisse des Arbeitskreises "Gewalt gegen Kinder" anerkannt. Die Anhörung am 17.11.1988 im JHA macht insbesondere die Problematik der Hilfsangebote deutlich. Unter Federführung des Kinderschutzbundes hat der AK Gewalt gegen Kinder ein Hilfekonzept ausgearbeitet, das "(...) eine zentrale Anlaufstelle empfiehlt." (JHA, 16.10.1989).
  • seine ihm übertragenen Aufgaben (Verbindlichkeit, Klarheit)
  • seine Berechtigung, sich mit dem Thema Kooperation langfristig zu befassen

Zitat:

"Die Verwaltung wird mit dem AK sowie allen freien Trägern eine Konzeption zur Schaffung dieser Anlaufstelle ausarbeiten (...). Die Anlaufstelle hat dafür Sorge zu tragen, daß der trägerübergreifende Verbund von Hilfen dauerhaft sichergestellt ist und fehlende Hilfsangebote ergänzt werden. Die Anlaufstelle kann nur erfolgreich und zukunftsweisend arbeiten, wenn alle Träger und die Stadt Augsburg bereit und bemüht sind, am Grundgedanken eines Hilfeverbundes im Interesse der Betroffenen weiterzuarbeiten." (JHA, 16.10.1989)
  • und nicht zu vergessen, im Hinblick auf seine Finanzierung. Die Kosten, die u.a. durch den Versand von Einladungen, Protokollen, Vor- und Nachbereitungen von AK-Sitzungen entstehen, sind über die Zuschüsse für die Anlaufstelle abgedeckt.

Und:

Die Entsendung von Mitarbeiter/innen anderer Träger in den AK (Arbeitszeit!) ist politisch gewollt.

Federführung im AK:

Sie liegt, wie erwähnt, laut JHA-Beschluß beim Augsburger Kinderschutzbund und entspricht der Koppelung von Anlaufstelle für Kinderschutz als Einrichtung des Kinderschutzbundes und dem AK. Konkret heißt das: wir laden ein, schlagen die Tagesordnung vor, leiten die Sitzung, bereiten Themen und Inhalte vor, übernehmen besonderer Aufgaben zwischen den Sitzungsterminen usw. Diese Festlegung der Federführung ist für die Qualität eines AK m.E. äußerst wichtig.

Regelmäßigkeit der AK-Sitzungen:

Der AK trifft sich vier- bis sechsmal im Jahr, immer an einem Mittwoch, im Zeitraum von 15.00 bis 16.30 Uhr.

Übrigens:

Der AK ist fast immer vollzählig anwesend.

Besetzung des AK:

Der AK besteht aus einem festen Mitgliederkreis, entsprechend der Delegation des entsendenden Trägers. Was an unserer Kooperation interdisziplinär ist, zeigt deutlich die Liste der beteiligten Einrichtungen:

  • zwei Schulpsychologen des Staatlichen Schulamtes der Stadt und der staatlichen Schulberatungsstelle Schwaben,
  • die Frauenbeauftragte des Polizeipräsidiums Schwaben
  • der Allgemeine Sozialdienst der Stadt Augsburg,
  • Wildwasser Augsburg,
  • die Erziehungsberatungsstellen der AWO, der Stadt Augsburg, des Diakonischen Werks und der katholischen Jugendfürsorge,
  • das überregionale Beratungszentrum,
  • die Jugendamtsleitungen von Stadt und Landkreis Augsburg, vom Landkreis Aichach-Friedberg,
  • die Staatsanwaltschaft, in Fortsetzung der Sonderstaatsanwaltschaft "Gewalt im sozialen Nahraum",
  • eine niedergelassene Psychotherapeutin,
  • Ärzte aus Augsburger Kinderkliniken und der Kinderpsychiatrie,
  • eine Vertreterin der offenen Jugendhilfe der katholischen Jugendfürsorge,
  • eine Vertreterin des Augsburger Kreidekreises
  • die Ökumenische Telefonseelsorge,
  • Sonderschullehrerinnen der Mobilen Erziehungshilfe und
  • die Mitarbeiter/innen der Anlaufstelle für Kinderschutz selbst.

Die Gesprächsleitung im AK liegt seit einigen Jahren bei mir. Ein wesentlicher Vorteil dieser fachlichen Zusammensetzung liegt darin, die Arbeits-, Denk- und Sichtweise anderer kennen und vor allem berücksichtigen zu lernen.

Hinsichtlich der räumlichen Zuständigkeit ist zu ergänzen, daß im AK Einrichtungen aus der kreisfreien Stadt und den beiden umgebenden Landkreisen vertreten sind.

Die Zahl der festen Mitglieder ist seit Jahren weitgehend konstant. Neuaufnahmen werden im AK gemeinsam und einvernehmlich beschlossen. Ein beliebiges Kommen und Gehen ist nicht möglich. Der Mitgliederkreis wird eng gehalten, im Interesse der Arbeitsfähigkeit.

Als Alternative zu festen Mitgliedern gibt es die Möglichkeit, Gäste zu speziellen Themen, auch über mehrere Sitzungen, einzuladen. In jüngster Vergangenheit waren dies ein leitender Oberstaatsanwalt zum Thema Datenschutz und Kooperation mit der Justiz und Gutachter/innen zum Thema Glaubhaftigkeitsgutachten und Opferentschädigung.

Aufgaben des AK:

Sie sind im JHA-Beschluß von 1989 allgemein festgelegt und finden sich wieder in der Arbeitskonzeption der Anlaufstelle für Kinderschutz. Sie umfassen:

  • Einzelfallbesprechung

Damit ist nicht eine Hilfe- bzw. Beteiligtenkonferenz gemeint. Hier erfolgen Nachbesprechungen schwieriger, oft problematischer Fallverläufe. Fragestellungen sind:

Wo gab es in der Zusammenarbeit gravierende Probleme?

Wie ist die Kooperation grundsätzlich zu verbessern?

Wie wir aus den Erfahrungen wissen, braucht Kooperation Rückmeldung! Zusammenarbeit darf sich nicht im bloßen Abgeben von Zuständigkeiten erschöpfen. Dies bestätigen Erwartungen von Professionellen ebenso wie die von Klienten. Dabei ist dem Datenschutz besonders unter dem Gesichtspunkt der Vertraulichkeit Rechnung zu tragen. Ein wichtiger Hinweis, auch weil wir negative Erfahrungen gemacht haben: Bei Falldiskussionen ist die Anwesenheit von Polizei und Justiz zu beachten, die bei allzu genauen Details ihrem Auftrag zur Strafverfolgung nachkommen müssen. Hier ist mindestens die Anonymisierung des Falls erforderlich. Setzen Sie Vertreter von Polizei und Justiz nicht unnötig unter Druck!

Da Kooperation unser zentrales Anliegen ist, haben wir als Ergebnis einer Fortbildungsveranstaltung einen "Leitfaden Kooperation" entwickelt.

  • Fortbildungen, Fachtagungen

Der AK organisiert außer AK-internen auch Fortbildungen für die breite Fachöffentlichkeit. Beispiele aus den letzten Jahren:

  • Kinderpornographie, eine Autorenlesung mit anschließender Podiumsdiskussion, 1992
  • Fachtagung "sexueller Mißbrauch von Kindern und Jugendlichen aus psychologischer, juristischer und therapeutischer Sicht", 1994
  • Fortbildung Hilfekonferenz in gewaltbelasteten Familien am Beispiel Vernachlässigung und Verdacht auf sexuellen Mißbrauch, 1995 Fortbildung Datenschutz - Beachtung rechtlicher Grundlagen der Kooperation bei Fällen des sexuellen Mißbrauchs, 1997.

Die Teilnehmerzahlen bewegten sich je nach Veranstaltungsform zwischen 60 und 180 Teilnehmern. Die Ergebnisse wurden jeweils dokumentiert.

  • Erfahrungsaustausch, gegenseitige Information, Diskussion aktueller Themen, Vorstellung neuer Einrichtungen

Als Beispiele wären zu nennen:

  • Vorstellung von Wildwasser, der Sonderstaatsanwaltschaft,
  • Schnittstelle ASD-Kinderkliniken,
  • Zusammenarbeit von Justiz und Beratungsstellen,
  • Vorstellung der neuen Inobhutnahme-Einrichtung,
  • Diskussion Jugendkriminalität,
  • Leitfaden für Kinderarztpraxen,
  • Präventionsprogramm, Auswertung und Fortführung.

Geplante bzw. begonnene Maßnahme des AK:

  • Verstärkte Kooperation zwischen Kinderärzten und Beratungsstellen, Ausgangspunkt hierfür war der "Leitfaden für Kinderarztpraxen". Vertreter des AK haben sich in den letzten Wochen in den bestehenden Qualitätszirkeln der Kinderärzte vorgestellt und Verbesserungen in der Kooperation besprochen. Vertreter niedergelassener Kinderärzte werden künftig im AK vertreten sein.
  • Gemeinsame Beteiligung an der weiteren Durchführung des Präventionsprogramms der Anlaufstelle für Kinderschutz in Form von
  • Multiplikatorenschulungen für Kindertagesstätten,
  • Fortbildung für Jugendgruppenleiter,
  • Intensivierung der Zusammenarbeit mit Schulen,
  • Aufbau eines Medienpools, Bausteine für Unterrichtseinheiten etc.
  • Gemeinsame Vorbereitung einer Fachtagung zum Thema "Prävention von Gewalt und sexuellem Mißbrauch", insbesondere für Multiplikatoren aus Schule, Kindertagesstätten etc

Welche Unterstützung wünscht sich unser AK?

Bei der letzten AK-Sitzung am 20. Januar 1999 haben wir diese Frage diskutiert und ich wurde gebeten, Ihnen heute unsere Anregungen mitzuteilen:

  • Die Unterstützung von AK's durch Kostenzuschüsse für Referenten zur Durchführung interner wie öffentlicher Fortbildungen betrachten wir als sehr nützlich.

Ein regelmäßiger Austausch der AK's auf Landesebene, organisiert und finanziert durch das Sozialministerium, ist wünschenswert und sinnvoll angesichts der Ziele:

Erfahrungen anderer AK's kennenlernen, deren Ideen aufnehmen, Vermeiden von überflüssiger Parallelarbeit, Erzielen von Fortschritten.

Und schließlich ein dringender Hinweis auf die endlich stärkere Zusammenarbeit von Sozial- und Kultusministerium, was für uns vor Ort äußerst hilfreich wäre.

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