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Kapitelauszug aus:
Laszig. P. (1992): Langzeitfolgen sexuellen Missbrauchs an Jungen - Physische und psychische Auswirkungen bei erwachsenen Männern. Unveröffentliche Diplomarbeit am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg.
5.2.2. Täterinneneinteilung
Der folgende Abschnitt bezieht sich auf die Täterinneneinteilung, die von Finkelhor (1988) in drei Kategorien vorgenommem wird: "lone abusers", "multiple-perpetrator initiators" und "multiple-perpetrator followers".
Die Einzeltäterinnen ("lone abusers")
"A total of 4 of 22 female perpetrators in the in-depth cases and 19% of the 270 full-sample cases involved a lone female perpetrator" (Finkelhor 1988, 45).
Als Motivation dieser "lone abusers", also Einzeltäterinnen, werden von Finkelhor (1988) Isolation und Stress genannt, kombiniert mit der Möglichkeit Macht über ein kleines Kind auszuüben.
Auffallend ist meiner Meinung nach, daß im Fall, der "lone abusers", die mehrfach Kinder sexuell mißbrauchten, die Frauen als "severly psychologically disturbed" beschrieben wurden. Dies wirft die Frage auf, ob hier nicht eine ähnliche (Abwehr- bzw. Minimalisierungs-) Tendenz - in Form einer Pathologisierung der Täterinnen - zu sehen ist, wie sie in Bezug auf männliche Täter von feministischer Seite zu Recht kritisiert wird. Trotzdem sollte man, meiner Meinung nach, eine mögliche Persönlichkeitsstörung bei Tätern und Täterinnen (vgl. Faller 1987) in Betracht ziehen. Wird dies versäumt, ist die "innere Dramatik des sexuellen Mißbrauchs an Kindern in ihrer Gesamtheit" (Schnack & Neutzling 1991), nicht zu verstehen.
Mehrere TäterInnen: Frauen als Initiatorinnen
In der zweiten Gruppe, der "multiple-perpetrator initiators" und damit den häufigsten Fällen, tauchte wieder das Motiv der Macht auf. Diesmal in Form von Macht und Kontrolle über die/den CotäterInnen, wie auch über die sexuell mißbrauchten Kinder. In einigen Fällen war der/die CotäterIn ebenfalls Opfer sexuellen Mißbrauchs oder physischer Mißhandlung.
"In some cases it was suggested that initiators had also physically or sexually abused the co-perpetrators. In several cases the co-perpetrators were the women's sons." (Finkelhor 1988, 47)
Ein weiteres Motiv stellten kommerzielle Interessen dar, wie finanzielle Gewinne durch Produktion, bzw. Verkauf von Pornographie und/oder Prostitution der Kinder.
In keinem der beschriebenen Fälle wurden die erwachsenen CotäterInnen von den Frauen körperlich/gewaltsam gezwungen, die Kinder sexuell zu mißbrauchen. "
Female initiators did use persuasion and loyality to gain the cooperation of weaker relatives or friends in abusing the children." (Finkelhor 1988, 48)
Ebenso wie die Gruppe der "lone abusers", die mehrfach Kinder sexuell mißbrauchten, wurden diese Frauen als "severely psychologically disturbed and lacking in impuls control" (Finkelhor 1988, 48) beschrieben.
Mehrere TäterInnen: Frauen als "Mittäterinnen"
Die dritte Gruppe, der "multiple-perpetrator as followers" bildeten Frauen, die in dem/der TäterIn untergeordneter Rolle Kinder sexuell mißbrauchten.
"Socially isolated or emotionally and economically dependent women, who were influenced by a more powerful individual - a husband, a mother, or a female friend." (Finkelhor 1988, 48).
Nur selten wurden die Frauen zur Mittäterinnenschaft körperlich/gewaltsam gezwungen.
Usually she was socialized by the other(s) and encouraged to show allegiance and friendship by parcipating. Sometimes the follower cooperated because she could thus remove pressure from herself and deflect the abuse to the children." (Finkelhor 1988, 48)
Trotzdem sollte dieser Punkt nicht unbeachtet bleiben, da Frauen Kinder nicht selten gemeinsam mit ihrem Lebenspartner sexuell mißbrauchen und das Ausmaß der Abhängigkeit und des (ausgeübten) psychischen Drucks durch den männlichen Partner nur schwer einzuschätzen ist.
Auffallend ist, daß die meisten dieser "followers" weiterhin Kinder sexuell mißbrauchen, auch wenn der/die (mächtigere) InitiatorIn längst nicht mehr präsent ist. Eine Erklärung der Motive dieser Täterinnen wäre, daß der Wechsel von der relativ machtlosen Cotäterin zur Initiatorin Macht und Kontrolle über das Kind mitsichbringt und somit einen Zugewinn an Selbstwertgefühl für die Täterin darstellt.
Eine weitere Überlegung wäre, inwieweit diese Frauen Opfer sexuellen Mißbrauchs in ihrer eigenen Kindheit/Jugend wurden und - vergleichbar den männlichen Tätern - in den "cycle of abuse" eintreten.
Insgesamt machen die geschilderten Ergebnisse deutlich, daß in Bezug auf Täterinnen bisher keine einheitlichen Ergebnisse existieren. Gesichert scheint, daß Täterinnen im Vergleich zu den männlichen Tätern signifikant jünger sind. Die Prävalenzrate von Täterinnen ist nur tendenziell auszumachen. Gerade die Problematik der Mittäterinnenschaft macht dahingehend eine eindeutige Operationalisierung des Täterinnenbegriffs notwendig. Unübersehbar bleibt, daß Jungen auch von Frauen sexuell mißbraucht werden. Frauen, die ebenso wie die männlichen Täter nahe Bezugspersonen für die Jungen darstellen. Wie die oben dargestellte Täterinneneinteilung zeigt, scheinen auch hier Macht, Kontrolle und Abhängigkeit wichtige Faktoren zu sein. Inwieweit die Tatsache, von einer Frau sexuell mißbraucht worden zu sein, sich auf die Folgedynamik der betroffenen Jungen auswirkt, kann an dieser Stelle nicht geklärt werden und bedarf weiterer Forschung.
Auch wenn Frauen als Täterinnen nicht unberücksichtigt bleiben dürfen, werden Kinder jedoch in der Mehrzahl von Männern sexuell mißbraucht. Im Gegensatz zu der Problematik weiblicher Täterinnen ergeben sich hierbei geschlechtsspezifische "Verknüpfungspunkte" zu den Opfern. Die Tatsache, daß Täter und Opfer dem selben Geschlecht angehören, bildet einen - trotz der Einfachheit - zentralen Faktor. So werden sexuelle Kontakte zwischen erwachsenen Männern und Jungen oftmals fälschlicherweise mit dem Stempel der "Homosexualität" versehen.
Autor:
Parfen Laszig (Dipl.Psych.)
Psychosomatische Klinik, Universitätsklinikum Heidelberg


