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Kapitelauszug aus:
Laszig. P. (1992): Langzeitfolgen sexuellen Missbrauchs an Jungen - Physische und psychische Auswirkungen bei erwachsenen Männern. Unveröffentliche Diplomarbeit am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg.

5.2. Frauen als Täterinnen

"Das madonnenreine Mutterbild bekommt häßliche Flecken" (Cosmopolitan 9, 1991, 58) 

Das Thema der (sexuellen) "Kindesmißbraucherin" ist nicht neu. In verschlüsselter Form taucht es bereits im Märchen "Hänsel und Gretel" der Gebrüder Grimm auf. Am Finger des Jungen prüft die Hexe täglich, ob dieser "fett" genug sei, um von ihr gegessen zu werden; "Hänsel, streck den Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist!" (Brüder Grimm 1948, 82). Eine gängige (psychoanalytisch geprägte) Interpretation dieses Märchens besagt, daß der Finger des Jungen auf der Symbolebene mit dessen Penis gleichzusetzen ist. Angemerkt sei, daß auch aus dem Alltagsverständnis heraus das Befühlen eines Fingers nicht unbedingt die sinnvollste Kontrolle über die Gewichtszunahme des Körpers eines Jungen darstellt.

Direktere Hinweise auf sexuell mißbrauchende Frauen lassen sich in der belletristischen Literatur, schon um die Jahrhundertwende, finden. Als Beispiel hierfür möchte ich den Monolog des alkoholabhängigen Frederik in Strindbergs "Der Pelikan" anführen, der indirekt seine Mutter beschuldigt, ihm nicht geglaubt bzw. ihn nicht beschützt zu haben: 

"Aber weißt du auch, weshalb es um meine Gesundheit so elend bestellt ist? Weil ich nie die Mutterbrust bekommen habe; ich bekam nur ein Kindermädchen und eine Glasflasche! Und als ich älter wurde, nahm dieses Kindermädchen mich mit zu ihrer Schwester, die eine Prostituierte war - und dort wurde ich Zeuge von geheimnisvollen Szenen, wie sie sonst nur Hundebesitzer den Kindern zu bieten pflegen, im Frühjahr und im Herbst auf offener Straße! Als ich dir erzählte - ich war damals vier Jahre alt - was ich in der Höhle des Lasters gesehen hatte, da sagtest du das sei gelogen - und du schlugst mich für diese Lüge, obwohl ich doch nur die Wahrheit sagte. Ermuntert durch deinen Beifall weihte dieses Dienstmädchen mich dann im Alter von fünf Jahren in alle Geheimnisse ein - (schluchzend) - ich war gerade erst fünf Jahre alt. (...) wenn ich nüchtern bin, werde ich mich bestimmt erschießen; deshalb trinke ich weiter - ich wage es nicht, nüchtern zu werden - " (Strindberg 1907; Reclam 1989, 85) 

Das Thema der sexuell mißbrauchenden "Kinderfrauen" zur heutigen Zeit untersucht Finkelhor in seinem 1988 erschienenen Buch "Nursery Crimes, Sexual Abuse in Day Care", auf dessen Ergebnisse weiter unten noch genauer eingegangen wird. 

Die Vorstellung, daß Frauen ihre Machtposition gegenüber Kindern (womöglich auch noch den eigenen) sexuell mißbrauchen könnten, widerspricht dem verbreiteten Stereotyp der aufopfernden, asexuellen Mutter bzw. einer weiblichen, vorwiegend passiven und hingebungsvollen Sexualität der Frauen. Noch 1986 bezeichnet Helga Saller vom Kinderschutzbund Frankfurt sexuellen Mißbrauch an Kindern und Jugendlichen als eine vorwiegend männerspezifische Form von Gewalt, die überwiegend Mädchen als Opfer betrifft. 

1991 scheint diese Analyse überholt. Laut Jahresbericht 1990 des Kinderschutzbundes Frankfurt waren in 11% der bekanntgewordenen Fälle sexuellen Mißbrauchs Frauen die Täterinnen1. Von den registrierten Opfern waren 29,8% Jungen. Ein Drittel der Jungen wurden von ihren Müttern und Stiefmüttern sexuell mißbraucht. 

"Übergriffe von Frauen seien jahrelang, aus ideologischen Gründen ignoriert worden, behauptet Katharina Abelmann-Vollmer, Referentin in der Zentrale des Deutschen Kinderschutzbundes in Hannover. Die Frauenbewegung habe die Diskussion um Kindesmißbrauch "dogmatisch beherrscht" und Erkenntnisse, die ihr nicht ins Konzept paßten, unterdrückt. Mißbrauch von Söhnen durch Mütter sei als abträglich für den Feminismus bewertet worden und als Thema "unter den Tisch gefallen". Die Parteilichkeit habe zu "blinden Flecken" geführt." (SPIEGEL 33, 1991, 69) 

In der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur gibt es meines Wissens noch keine veröffentlichte Studie zum sexuellen Mißbrauch von Frauen an Kindern und Jugendlichen. 

Laut der "tageszeitung" vom 24.09.1990 wird jedoch am "Institut für empirische und angewandte Soziologie" (EMPAS) der Universität Bremen ein Forschungsprojekt zur "Phänomenologie sexueller Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern" finanziert und dabei auch sexuelle Kontakte zwischen Frauen und Kindern untersucht. Eine weitere Studie speziell über "Frauen als Täterinnen" wird meines Wissens z.Z. von Dr. Frauke Teegen am Psychologischen Institut III der Universität Hamburg durchgeführt. 

An angloamerikanischen Untersuchungen wären außer den bereits erwähnten Arbeiten von Forward & Buck (1978) und Finkelhor (1988) die Veröffentlichungen von Weinberg (1955), Litin et al. (1956), Raphling (1967), Condy (1979), Finkelhor (1979), Justice & Justice (1979), Yates (1982), Barry & Johnson (1985), Mc Carthy (1986), Russel (1986), Matthews et al. (1988) und Banning (1989) zu nennen. 

Autor:
Parfen Laszig (Dipl.Psych.)
Psychosomatische Klinik, Universitätsklinikum Heidelberg

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