
Achtung Wichtig
Wir sind KEINE Meldestelle für Darstellungen sexueller Gewalt (Kinderpornografie). Bitten nutzen Sie eine der Meldeadressen
Fachstellen
Limita, Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung von Mädchen und Jungen, Zürich.
Tel.: 01- 450 85 20
Castagna, Beratungs- und Informationsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, weibl. Jugendliche und in der Kindheit betroffene Frauen, Zärich.
Tel.: 01 - 364 49 49
Ähnliche Stellen:
Triangel, Bern: Tel.: 031 - 332 14 14
Viva, Luzern: Tel.: 041 - 211 00 15
Opferhilfe, St.Gallen: Tel.: 071 - 223 48 77
Bei den Jugendsekretariaten und -beratungsstellen immer nach einer Ansprechperson fragen, die mit dem Thema «Sexuelle Ausbeutung» vertraut ist.
anti-kinderporno.de
Wenn Lehrer Täter werden
Brückenbauer Nr. 43, 20.10.1998
Was in Uster ZH, Schlieren ZH, Möriken AG und Heiden AR geschehen ist, passiert auch anderswo: Lehrer stimulieren und befriedigen sich sexuell an Kindern. Wie merkt man, ob das eigene Kind ein Opfer solcher Übergriffe ist? Eine betroffene Mutter und zwei Fachfrauen geben Auskunft.
Alle Warnlampen leuchten
Ruth Ramstein erzählt, wie sie reagierte, als ihre siebenjährige Tochter verstört von der Schule nach Hause kam.
«Lisa hatte sich auf die erste Klasse gefreut. Doch bereits nach etwa zwei Wochen war sie ganz seltsam. Als ich sie fragte, was los sei, begann sie zu weinen und sagte: "Mama, du sagst doch immer, dass uns niemand anfassen darf, wenn wir es nicht wollen - aber du findest das jetzt sicher blöd ...", und ich erwiderte: "Du weisst, dass ich nichts von dir blöd finde."
Da brach es aus ihr heraus:
"Der Lehrer küsst mich immer auf den Mund, und ich muss ihm auf den Schoss sitzen beim Lesen." Da begannen bei mir alle Warnlämpchen zu leuchten.
Ich war sensibilisiert, weil mir eine Cousine erzählt hat, dass sie als Kind sexuell missbraucht worden sei. Ich hatte den Kindern immer freigestellt, mit wem sie wieviel Körperkontakt haben wollten.
Sie mussten auch Verwandte nicht aus Höflichkeit küssen. Mit den Kindern war ich manchmal an der Turnhalle vorbeispaziert, wo Herr F. abends die Kunstturnerinnen trainierte, und da war mir schon aufgefallen, dass er sich den Mädchen gegenüber distanzlos verhielt.
Weil ich den damaligen Schulpflegepräsidenten Albert Suter, Gerichtspräsident des Bezirks Lenzburg, in solchen Dingen für kompetent hielt, rief ich ihn an. Mir war nur klar: Da muss etwas passieren.
Er erzählte mir, er habe in der Badi auch schon Herrn F.s Körperkontakt mit den Kindern beobachtet und zu seiner Frau gesagt: "Mit unserer Tochter müsste er so was nicht machen." Er riet mir, mit Herrn F. selber zu reden.
Also gingen mein Mann und ich bei ihm vorbei und sagten ihm, sein Verhalten sei unakzeptabel. Darauf setzte er unsere Tochter in die hinterste Reihe und liess sie fortan links liegen. Gegenüber den anderen Kindern verhielt er sich wie bisher, biss sie in den Po und presste sie an sich.
Eine Mutter erzählte mir, er habe ihre Tochter ins Bett gezogen, als die Klasse bei ihm zu Hause übernachtete. Häufig ging ich in die Schule, um Herrn F. zu zeigen, dass ich ihn im Auge hatte. Einmal kam er mit hautengen, silberfarbenen Leggins und nacktem Oberkörper und ein andermal mit knappsten Badehosen aus dem Schulzimmer, als ich Lisa abholte.
Immer wieder überlegten wir uns, ob wir sie aus der Klasse nehmen sollten. Wir befürchteten jedoch, sie könnte es als Strafe auffassen, von ihren "Gspänli" weggerissen zu werden. Dabei sollte doch der Lehrer bestraft werden. Wir glaubten, sie sei geschützt, und nahmen nicht wahr, unter welchem Stress sie die ganze Zeit stand.
Denn sie musste mitansehen, wie ihre Klassenkameraden belästigt wurden, und war doch nie ganz sicher, ob er sie nicht doch wieder packte. Was sie mir nie erzählt hatte: Sie und viele andere Mädchen duschten nach dem Turnen nicht mehr, weil Herr F. auch in die Dusche gekommen war.
Dies erfuhr ich erst Jahre später aus dem Polizeiprotokoll. Lisa weiss noch, dass sie sich damals vorgenommen hatte, mich nicht mit Dingen, die sie selber lösen konnte, zu belasten. Dass sie mich als Siebenjährige bereits schonen wollte, ist mir nachträglich sehr unter die Haut gegangen. Im nachhinein finde ich, dass wir sie viel zu lange in dieser Klasse gelassen haben.
Sie klammerte sich damals extrem an mich, reagierte beispielsweise mit Panik, wenn ich auch nur kurz in den Keller ging. In der Nacht schlafwandelte sie. Erst als sie die Klasse wechseln musste, weil Herr F. es untragbar fand, das Kind einer solchen Mutter zu unterrichten, verschwanden diese Verhaltensauffälligkeiten langsam.
Mittlerweile geht es ihr gut, sie ist ein kontaktfreudiger und lebenslustiger Teenager geworden. Doch solange dieser Mann frei ist, ist es noch nicht ausgestanden.»
Aufgezeichnet von Lisa Ibscher
Ruth Ramstein
Ruth Ramstein, 48, aus Möriken AG, Hausfrau und Mutter dreier Kinder, hat den Prix Courage 1998 der Zeitschrift «Beobachter» erhalten. Sie hatte sich 1992 als Schulpflegerin und betroffene Mutter mutig gegen den beliebten Primarlehrer Köbi F. gestellt, als sie erfuhr, dass er ihre Tochter und andere Kinder sexuell belästigt hatte.
Daraufhin geriet jedoch sie selbst ins Kreuzfeuer der Kritik und wurde aus der Schulpflege ausgeschlossen, während der Täter von Schulpflege, Lehrerkollegium, Gemeinderat sowie Elternschaft unterstützt wurde. Die Beschwerden kamen bis vor den Schulrat und die Erziehungsdirektion. Auch sie blieben jedoch untätig. 1997 sagten zahlreiche Mädchen gegen Köbi F. aus.
Obwohl er geständig ist, hielt es kaum jemand für nötig, sich bei Ruth Ramstein zu entschuldigen. Köbi F. arbeitet heute beim Turnverband Satus Schweiz als Ausbildner. Sein Prozess findet voraussichtlich im Oktober statt. Die Staatsanwaltschaft fordert zweieinhalb Jahre Gefängnis wegen sexuellen Handlungen mit Kindern und Nötigung.
ib


