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Bundesverband Psychiatrie Erfahrener e.V

im Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V.
Thomas-Mann-Strasse 49 a
53111 Bonn

Sexualisierte Gewalt und Psychiatrie

Das Thema sexualisierte Gewalt war und ist immer noch ein Thema, mit dem sich die Psychiatrie sehr schwer tut. Die Erfahrung betroffener Frauen zeigt, daß ihnen, wenn sie dann den Mut fanden über ihren Mißbrauch zu reden, oft nicht geglaubt wurde, es als Wahnsymptom deklariert wurde und z.B. mit erhöhter Medikamentierung beantwortet wurde. Oder aber, daß ihre Äußerungen einfach ignoriert wurden. Hinzu kommt, daß betroffene Frauen nicht selten erneute sexuelle Grenzüberschreitungen seitens der Mitpatienten erleben mußten.

Aber auch sexuelle Grenzüberschreitungen seitens der psychiatrisch Tätigen sind leider keine Seltenheit:

amerikanische Studien zeigen, daß zwischen 7-16,8% aller männlichen Mitarbeiter und zwischen 1,9 und 10,5% aller weiblichen Mitarbeiterinnen sexuelle Kontakte zu Patienten angaben.

Abgesehen von diesen direkten Formen der erneuten Traumatisierung der Betroffenen gibt es aber außerdem strukturelle Elemente in der Psychiatrie, die für Gewaltopfer eine Wiederholung ihrer früheren Erfahrungen auf einer anderen Ebene darstellen können, wie z.B.:

a) die Verletzung der Intimsphäre durch Mehrbettzimmer, Nichtabschließenkönnen von Badezimmern, rigorose Durchsetzung körperlicher Untersuchungen ohne Berücksichtigung der speziellen Ängste der Betroffenen, etc.

b) Nichtrespektieren des „Neins” (sei es zu Therapieplänen oder Medikamenten oder Alltagsangelegenheiten),

c) Die „Bestrafung”, wenn Betroffene Gefühle von Wut, Trauer, etc. Offen zeigen in Form unangenehmer bis gewaltvoller „Therapiemaßnahmen” ( Medikamentierung, Verlegung, Ausgangssperre bis hin zu Fixierungen),

d) die Infragestellung der Wahrnehmungen der Betroffenen und eine Wiederholte indirekte Schuldzuweisung durch Krankheitszuschreibung der unterschiedlichsten Art,

e) das Wiederalleingelassenwerden mit schmerzhaften Erinnerungen.

Diese und ähnliche Erfahrungen, die sicher für alle Psychiatrie-Erfahrenen nicht besonders gesundheitsförderlich sind, führen aber insbesondere bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen häufig nicht nur dazu, daß die Chance zu einer Aufarbeitung der Gewalterfahrung für lange Zeit wieder vertan wird, sondern sie führen häufig auch zu einer erheblichen Verschlechterung des Befindens der Betroffenen, was damit zusammenhängt, daß genau die zerstörerischen Täterstrategien wiederholt werden, wie z.B.

a) Leugnen des Geschehens
b) das Opfer wird zum Schuldigen gemacht
c) dem Opfer wird unter Androhung von Strafe Schweigen geboten
d) dem Opfer werden Gefühle verboten bzw. Ihm werden andere Gefühle versucht einzureden wie es hat
e) das Opfer erfährt keinen Schutz seitens des Umfeldes.

Bedenkt man, daß davon auszugehen ist, daß ein sehr großer Anteil der Psychiatrie-Erfahrenen Opfer von sexualisierter Gewalt war und nach neueren Untersuchungen vieler Symptome in Zusammenhang mit diesen Erfah-rungen zu sehen sind, ist es meines Erachtens längst überfällig, daß sich in der Psychiatrie stärker als bisher mit diesem Thema auseinandergesetzt wird. Und Überlegungen angestellt werden, in welcher Form psychiatrische und gemeindepsychiatrische Angebote verändert werden müssen, um den Bedürfnissen der Betroffenen gerecht zu werden.

Wünsche/Forderungen von Überlebenden

Allgemein (Psychiatrie/Gemeindepsychiatrie):

  • die Anerkennung der sexuellen Gewalterfahrungen, kein Abtun als Wahnsymptom o.ä.,
  • sensibler Umgang mit den Überlebenden
  • Fortbildung und verpflichtende Supervision für die Mitarbeiter, damit diese ihre eigenen Anteile reflektiert werden können und Informationen zum Thema erhalten

in den Kliniken:

  • Schaffung und Wahrung der Intimsphäre (z.B. eigenes Zimmer, abschließbares Bad / Toilette, Schutz vor Grenzüberschreitungen seitens der Mitpatienten),
  • die Einrichtung von Frauenstationen, sowohl als Fluchtraum in akuten Krisen, wie auch speziellen Langzeittherapiemöglichkeiten
  • freie Therapeuten und ÄrztInnenwahl
  • individuelle Therapieplanung
  • Freiwilligkeit der Angebote
  • Aggressionsraum mit Begleitung ( die „Bestrafungvon Wut und anderen starken Gefühlen in Form der üblichen psychiatrischen Reaktionen ist für Überlebende sexualisierter Gewalt äußerst schädlich. Statt dessen sollte den Betroffenen die Möglichkeit gegeben werden diese Gefühle auszudrücken.
  • Insbesondere das Ausdrücken von Wut ist meist ein wichtiger Schritt auf dem Weg der Heilung!)
  • bei notwendigen körperlichen Untersuchungen die Berücksichtigung, daß diese für die meisten Betroffenen sehr belastend sind.

Zu Zwangsmaßnahmen:

  • Zwangseinweisungen, Fixierungen und Zwangsmedikation sind für Opfer von Gewalt retraumatisierend, es sollte also soweit irgend möglichst darauf verzichtet werden (meist ist dies möglich). Sollten Zwangsmaßnahmen stattfinden oder stattgefunden haben, sollte der PatientIn auf jeden Fall die Möglichkeit eingeräumt werden mit einer Person außerhalb der Klinik die Situation zu besprechen, z.B. mit einer Ombudsfrau/PatienenanwältIn.
  • Klare Berücksichtigung der Schweigepflicht, bei Weitergabe von Informationen im Team eine klare Information darüber, was weitergegeben werden darf und was nicht.
  • Teaminterne Konflikte dürfen nicht auf dem Rücken der PatientInnen ausgetragen werden.

in der Gemeinde:

  • die Schaffung frauenspezifischer Angebote z.B. ein Frauentherapiezentrum mit einem Krisenraum (wo frau hingehen kann, z.B. wenn frau Flashbacks hat, Angstzustände etc. Und einfach jemand da ist)
  • die Möglichkeit alltagspraktischer Hilfen ohne großen Aufwand, Wartezeiten und ohne langfristige Behandlungsverträge eingehen zu müssen,
  • spezifische Angebote für obdachlose Frauen und Mädchen (auch sichere Unterkunftsmöglichkeiten für Frauen/Mädchen, die noch unter der aktuellen Verfolgung durch die Täter leiden)

Da sexualisierte Gewalt im bisherigen Ausmaß nur möglich ist durch die oft stillschweigende Duldung/Wegschauen durch die Gesellschaft, fordern wir alle auf, endlich klare Position für die Opfer sexualisierter Gewalt zu beziehen und endlich die Augen aufzumachen für das, was sich tagtäglich unter unser aller Augen immer noch abspielt. Viele Menschen kritisieren, daß beim Holocaust so wenige versucht haben, etwas dagegen zu unternehmen, aber es wird heute achselzuckend hingenommen, wenn jeden Tag in diesem Land Kinder gefoltert, verkauft, sexuell gefoltert werden. Vor diesem Hintergrund sind Sparmaßnahmen gerade in der Kinder- und Jugendhilfe zynisch. Es ist zu befürchten, daß im Rahmen der Möglichkeiten des Internets und der weltweiten Verflechtung immer mehr Kinder Opfer einer gut durchorganisierten Sexindustrie werden.

Wir fordern daher:

  • das den Opfern endlich geglaubt wird, auch wenn sie oft nicht in der Lage sind die Gewalttaten in Form eines präzisen, sachlichen Berichts zu erzählen.
  • Die Anerkennung eines Wiedergutmachungsanspruches der Opfer gegenüber der Gesellschaft in Form von angemessenen Hilfen (betrifft auch die Anerkennung von Rentenansprüchen, unbegrenzte Therapiekostenübernahme, Behindertenstatus etc.)
  • die Finanzierung von Maßnahmen, die die Machenschaften der Täter unterbinden (Ausstattung der Polizei mit entsprechend geschultem Personal und den notwendigen Sachmitteln, ein effektiver Opferschutz etc.)
  • mehr vorbeugende Maßnahmen, z.B. für Familien, (wie z.B. in Holland, die Einrichtung eines Krisentelefones für Eltern); Schulsozialarbeit in allen Schulen (auch vor dem Hintergrund der sexuellen Gewalt in Sekten, z.B. Satanismus)
  • klare öffentliche Stellungnahmen gegen täterfreundliche Gruppen, wie z.B. Pädophilenvereine. Klare öffentliche Stellungnahme für die Opfer

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