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Allgemeine Informationen
www.kindesmisshandlung.de - Medizinische DiagnostikB.Herrmann - Kinderklinik, Klinikum Kassel
Thesen und Fakten zu sexuellem Kindesmißbrauch
[SKM = sexueller Kindesmißbrauch]
1. Ort des Geschehens:
SKM ist kein Phänomen des fremden Mannes von der Straße oder des `Buschspringers’. In etwa 60% handelt es sich um innerfamiliären Inzest (davon etwa die Hälfte durch Väter), in ca. 30% um Bekannte und nur in ca. 6-8% um Fremdtäter
2. Häufigkeit:
SKM ist nicht selten oder Ausnahmeerscheinung; nach zahlreichen Untersuchungen liegt die Prävalenz im Prozentbereich und ist damit häufig !! Genaue Zahlen sind wegen schlechter Vergleichbarkeit der Untersuchungen und zum Teil wechselnder Definitionen schwer zu erhalten. Bei Mädchen scheint die Prävalenz 15-25% und bei Jungen 5-10% zu betragen (SKM mit Körperkontakt = `hands-on’-Kontakte; hohe Dunkelziffer )
3. Alter:
SKM ist kein primäres Problem von Adoleszenz, sogenannter Verführung durch `frühreife Lolitas’- in 50-60% beginnt der Mißbrauch im Vorschulalter; sogar Säuglinge werden mißbraucht. Wichtig ist die Unterscheidung des Alters bei Aufdeckung und bei Beginn des Mißbrauchs
4. Dauer:
SKM ist fast nie ein einmaliger Akt - auch wenn selbst die Opfer das anfangs oft aus Selbstschutz behaupten. In ca. 70% dauert er mehr als 2 Jahre, in ca. 40% 2-4 Jahre, in ca.20% mehr als 5 Jahre - fast immer sind es Wiederholungstaten. Nicht selten werden von eifem Täter mehrere Kinder mißbraucht
5. Opfer/Täter:
SKM ist nicht nur ein Problem von Mädchen als Opfer (6-25% Jungen betroffen) und Männern als Täter (insgesamt ca. 6-10% weibliche Täter, bei Jungen als Opfer werden bis zu 20% weibliche Täter angenommen)
6. Die Täter sind keine `perversen Irren’ oder `geisteskranke Zombies’ sondern ganz `normale’, sozial angepasste und meist unauffällige Menschen aus allen sozialen Schichten und Berufsgruppen (in letzter Zeit vermehrte Aufmerksamkeit auf Berufe, die mit Kindern arbeiten: Heime, Erzieher etc.)
7. Als Ursache für SKM werden einerseits gesellschaftliche, patriarchalische Machtstrukturen, andererseits eine massive Familiendysfunktion bzw. Beziehungsstörung angesehen, dazu kommt die individuelle Psychopathologie des Täters. Nur ein Teil der Täter wurde selbst mißbraucht. Von Finkelhor stammt ein `Vierfaktorenmodell’: emotionale Übereinstimmung zwischen emotional zurückgebliebenem Täter und dem Kind/Opfer, abweichendes sexuelles Erregungsmuster des Täters: Erregung durch Kinder Versagensängste oder -erlebnisse mit erwachsenen Partnern und Blockierung sexueller Wünsche, Aufhebung (moralischer) Hemmungen durch Auslöser wie Stress, Arbeitslosigkeit, Versagensgefühle, Ehe- oder Beziehungsstörungen u.a.
8. Auswirkungen:
auch wenn es immer wieder bestritten wird: SKM an sich ist schädlich und hat zum Teil gravierende unmittelbare und Langzeitfolgen, deren Ausmaß von verschiedenen Faktoren bestimmt wird (Grad der Gewaltanwendung, Art und Invasivität des Mißbrauchs, Grad der Nähe zwischen Täter und Opfer, Reaktion auf die Aufdeckung durch die Umgebung u.a.). Häufige Folgen sind langfristig eine gestörte Identitätsentwicklung, Sexualität, Beziehungsfähigkeit und seelische Erkrankungen.
9. Verantwortung:
Kinder wollen nicht mißbraucht werden - die Verantwortung liegt immer(!) beim Täter, der z.B. angeblich `kokettes’ Verhalten mißdeutet; andererseits ist kindliches `kokettes’ Verhalten fast immer Folge und nicht Ursache von SKM.
10. Glaubwürdigkeit:
Kinder erfinden extrem selten Geschichten über sexuelle Kontakte zu Erwachsenen - dahingehende Äußerungen oder Andeutungen sind immer ernst zu nehmen. Nach zahlreichen gerichtspsychiatrischen Untersuchungen sind Kinder sehr glaubwürdige Zeugen.
11. Was passiert ?
SKM beinhaltet alle Formen sexuellen Verhaltens, einschließlich Vergewaltigung (vaginal, anal, oral), Masturbation, Berührungen, Pornographie, Perversionen - laut Fürniß ist „die Realität schlimmer als jede Phantasie”.
12. Die Psychodynamik von SKM ist sehr komplex und geprägt von den Grundgefühlen Vertrauensverlust, Angst, Schuld- und Schamgefühlen, Ohnmacht, Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, Rückzug auf sich selbst und Sprachlosigkeit. Es `verschlägt den Opfern die Sprache’, daher finden sich so selten verbale Hinweise auf SKM. Zentrales Moment ist der enorme Geheimhaltungsdruck (u.a. durch diverse Drohungen des Täters) und das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Täter und Opfer: SKM als „Syndrom von Geheimhaltung und Abhängigkeit” (Fürniß). Es besteht ein starker Loyalitätskonflikt, da die Kinder den Täter gleichzeitig lieben und fürchten. Dem Täter gelingt es fast immer, dem Kind das Gefühl zu vermitteln, es sei selber Schuld am Mißbrauch. Sehr selten kommt es zu sofortigen sexuellen Übergriffen, eher wird das Kind `vorbereitet’, indem es bevorzugt wird, Geschenke erhält und allmählich vom Rest der Familie/Mutter emotional isoliert wird. Es entsteht eine enge und starke Beziehung, in der erst nach und nach die zunächst positiv empfundenen Begünstigungen (auch `Kuscheln’ etc.) mit sexuellen Handlungen verknüpft werden.
13. Erkennen/Diagnose:
Die Opfer schweigen aus verschiedenen Gründen (Angst, Geheimhaltungsdruck, Loyalitätskonflikt, Schuld- und Schamgefühlen u.a.). Daher sind nonverbale, indirekte Hinweise, Verhaltensauffälligkeiten, psychosomatische und psychiatrische Erkrankungen und (seltener) körperliche Symptome, oft die einzige Diagnosemöglichkeit. Es gibt kein charakeristisches Mißbrauchssyndrom ! Altersunangemessenes Sexualverhalten ist ein sehr wichtiger, aber nicht völlig spezifischer Hinweis. Die zahlreichen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Symptome sind als Bewältigungsversuch und für die Kinder als psychisch überlebensnotwendig anzusehen.
14. Die medizinische Untersuchung von Mißbrauchsopfern ist nicht zwangsläufig erneut traumatisierend, wenn sie qualifiziert und einfühlsam durchgeführt wird. Sie hat jedoch das Potential zu einem schädigenden und grenzüberschreitenden Eingriff und erfordert spezielle Kenntnisse und Erfahrung. Mit guter Dokumentation kann sie die Notwendigkeit von Wiederholungsuntersuchungen reduzieren. Sie dient nicht primär dem Beweis von SKM, kann aber die Verdachtsdiagnose stützen, erhärten oder erst begründen; die Behandlungsbedürftigkeit von Begleitverletzungen oder Geschlechtskrankheiten feststellen. Hauptsächlich jedoch bestätigt sie dem Kind seine körperliche Intaktheit, Unversehrtheit und Gesundheit und kann dadurch enorm erleichtern, sogar `primär therapeutisch’ wirken (im Sinne von Fürniß 1986)
15. Aufdeckung:
Die Umgebung eines Mißbrauchsopfers reagiert hilflos, ungläubig, panisch oder aggressiv auf den Verdacht oder eine Aufdeckung: das Kind unternimmt oft viele vergebliche Versuche Erwachsenen seine Not auf nonverbaler oder symbolischer Ebene `mitzuteilen’ (ohne `das Geheimnis zu verraten’). Selbst bei den eher selteneren konkreten und klaren Aufdeckungen wird ihm/ihr oft nicht geglaubt. Gerade Mütter mißbrauchter Kinder haben in dieser Beziehung oft Wahrnehmungsprobleme, u.a. deshalb, weil sie überzufällig häufig selbst Mißbrauchsopfer waren und die Folgen der Aufdeckung für sie immer katastrophal sind. Der Verdacht und erst Recht die Aufdeckung lösen eine enorme Krise, Ratlosigkeit und Panik bei allen Beteiligten aus (leider zu häufig auch bei den beteiligten Professionellen !).
16. Die Intervention bei Verdacht auf SKM muß gut überlegt und durchdacht ein - niemals überstürzt handeln oder sofort Anzeige erstatten. Die Folgen für das Kind können katastrophal sein ! Fast alle Opfer werden schon länger mißbraucht und sind `adaptiert’. Daher ist immer Zeit für sorgfältige Vorbereitung der Intervention. Unüberlegtes Handeln und blinder Aktionismus können einen effektiven Kindesschutz unmöglich machen und sind letztlich dafür verantwortlich, wenn Kinder weiter mißbraucht werden. Es ist kontraindiziert primär den Eltern gegenüber den Verdacht auf SKM zu äußern !!! Es ist immer eine Vernetzung und Koordination verschiedener Berufsgruppen nötig (Stichwort „multiprofessionelle Kooperation”), damit Kinderschutz, rechtliche Maßnahmen und Therapie integriert und nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Art und Qualität der Krisenintervention bei SKM kann sowohl zusätzlich schädigende Auswirkungen als auch an sich therapeutische Wirkung haben („primär therapeutischer Effekt” nach Fürniß).
17. Der Forschungs- und Ausbildungsstand im medizinischen Bereich ist in Deutschland extrem schlecht und hinkt dem in USA und England weit hinterher.
SEXUELLER KINDESMISSBRAUCH - DEFINITION
Sexueller Mißbrauch von Kindern ist jede sexuelle Handlung eines Erwachsenen mit einem Kind. Kinder sind aufgrund ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung und aufgrund des Abhängigkeits- und Machtverhältnisses zwischen Kindern und Erwachsenen nicht in der Lage, diesen Handlungen wissentlich, informiert und frei zuzustimmen (`informed consent’). Beim Mißbrauch nutzt der Erwachsene seine Machtposition und Autorität aus, um das Kind zur Kooperation zu überreden oder zu zwingen. Er übertritt dabei geltende Familienregeln und gesellschaftliche Tabus.
Entscheidend ist die Absicht des Erwachsenen, sich einem Kind zu nähern um sich sexuell zu erregen oder zu befriedigen. (Es gibt also keine fließende Grenze zwischen `Kuscheln’, notwendiger körperlicher Zärtlichkeit und SKM!!)


