Mittwoch, 21, August 1996
Westliche Sextouristen fördern Kinderhandel
Datum: 21.08.1996
Ressort: Nachrichten
Autor: Jutta Kramm
Seite: 2
Westliche Sextouristen fördern Kinderhandel
UN-Bericht zur sexuellen Ausbeutung Minderjähriger
Zwei Millionen Kinder werden weltweit kommerziell sexuell mißbraucht. Auf einem Kongreß des Kinderhilfswerks der UNO sollen jetzt Strategien gegen Kinderhandel, Kinderpornographie und Kinderprostitution beraten werden.
Die meisten Opfer des Milliardengeschäfts leben in der Dritten Welt. Sie kommen von den Philippinen, aus Indien, Sri Lanka, Kambodscha, Thailand oder Brasilien. Und inzwischen auch aus Osteuropa. Insgesamt, so Unicef, werden zwei Millionen Kinder sexuell versklavt. Organisierte Händler kaufen die Minderjährigen meist von ihren Eltern - bereits in der Familie waren diese zuvor Opfer sexueller Gewalt. Das “Gros der Nachfrager sind Einheimische”, wie das UN-Kinderhilfswerk feststellt. Doch das entlaste die Sextouristen nicht. “Denn der Sextourismus aus den Industrieländern hat dem ,Sexmarkt’ in den Entwicklungsländern entscheidende ökonomische Impulse gegeben. Die Kaufkraft westlicher Sextouristen hat den Kinderhandel in einigen Tourismuszentren maßgeblich gefördert”, schreibt Unicef in seinem Bericht zur sexuellen Ausbeutung von Kindern, der heute offiziell vorgestellt werden soll. Etwa 10 000 der bis zu 400 000 deutschen Männer, die jährlich als Sextouristen in exotische Länder reisen, bedienen sich nach Erkenntnissen von Experten Minderjähriger. Dabei steigt die Nachfrage nach immer jüngeren Sexsklaven - sie nimmt proportional zur Angst vor Aids zu.
Angesichts dieser alarmierenden Zahlen haben Kinderschutzorganisationen und Politiker wirksame Maßnahmen gegen Pornographie, Handel und Prostitution von Minderjährigen gefordert. So schlagen “Terre des hommes” und der FDP-Rechtsexperte Jörg van Essen den raschen Abschluß eines Rechtshilfeabkommens mit den fraglichen Ländern vor. Die “Deutsche Arbeitsgemeinschaft gegen Kinderprostitution im Sextourismus” will speziell geschulte Verbindungsbeamte des Bundeskriminalamtes (BKA) in den Reiseländern einsetzen, die dort die Kinderschänder aufspüren sollen. Nach Bundesrecht kann nämlich seit 1993 selbst im Ausland begangener Mißbrauch verfolgt werden. Dennoch habe es, so beklagt die Vorsitzende der Kinderkommission des Bundestages, bislang erst ein Urteil gegeben. 15 weitere sind vor deutschen Gerichten anhängig. “Klarer läßt sich nicht ausdrücken, daß das neue Gesetz nicht greift”, stellt Dorle Marx (SPD) fest. Das Bundesinnenministerium dagegen verweist darauf, daß bereits zwei BKA-Mitarbeiter in Bangkok tätig sind, die dort nicht nur Rauschgiftdelikte verfolgen.
Doch nach Erkenntnis der Arbeitsgemeinschaft werden die meisten ertappten Täter am Urlaubsort von den Behörden gegen Kaution freigelassen, Verfahren werden nach Schmiergeldzahlung eingestellt oder die Täter diskret des Landes verwiesen.
“Grundsätzlich geht es darum”, schreibt Unicef zur Frage nach Lösungsansätzen für das Problem, “den Markt für Kindersex ,auszutrocknen’.” Wirksame Strategien müßten international angelegt sein. Auf einem “Welt-Kongreß gegen sexuelle kommerzielle Ausbeutung von Kindern” wollen deshalb erstmals Regierungsvertreter aus mehr als 100 Ländern auf Einladung von Unicef in der kommenden Woche mit Gesundheitsexperten, Juristen, Psychologen und Sozialarbeitern sowie Vertretern der Tourismusbranche Ansätze zur Vermeidung und Bekämpfung des Mißbrauchs beraten. Daß dabei nicht nur über die Opfer in der Dritten Welt debattiert werden muß, zeigt der jüngste Fall aus Belgien. Pornographie mit Kindern stammt zu 85 Prozent aus den USA und Europa. +++
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