Samstag, 11, August 2007
Viele traurige Schicksale
Hamburger Innensenator und die Sekten Beauftragte fordern Verbot von Scientology
Von unserem Mitarbeiter
Volker Stahl
Hamburg. Ein Psycho-Konzern schmiedet - ungewollt - seltene Koalitionen. So saßen die ehemalige SPD - Linke und WASG-lerin Ursula Caberta und der kompromissloskonservative Hamburger Innensenator Udo Nagel (parteilos ) Schulter an Schuler auf dem Podium. Ihr gemeinsamer Gegner: die Scientolgy - Organisation
(SO).
Caberta, die als Hamburger Sekten – Beauftragte seit 1992 über die autoritäre Sekte aufklärt, stellt ihr ,, Schwarzbuch Scientology“ ( Gütersloher erlagshaus, 17,95 Euro ) vor, für das der bayrische Innenminister Günther Beckstein das Vorwort verfasst hat. Als die Journalistin eines Boulevardblatts auf der Pressekonferenz in einem rappelvollen Saal des Hamburger Rathauses fragt, ob die 750 vom Verfassungsschutz geschätzten Scientologen – bundesweit sind es knapp 6000 – wirklich eine Gefahr für die Hansestadt darstellten, redet sich die Autorin in Rage: ,, Ich kenne keine extremistische Organisation, bei der die Gefährlichkeit an der Mitgliederzahl festgemacht wird – außer Scientology.“ Ihr Chef, Senator Nagel, dessen Innenbehörde die 1991 noch zur Zeiten der SPD-Regierung gegründete Arbeitsgruppe Scientology unterstellt ist, beruhigt die resolute Caberta.
Seit der ,, Operierende Thetan“ Tom Cruise als Darsteller des Hitler-Attentäters Graf von Stauffenberg verpflichtet wurde und der Fall der beiden vor der Einweisung in ein Scientology-Internat geflohenen Kinder der Berliner Scientology – Direktorin durch die Medien geistert, kann sich Caberta vor Anfragen kaum retten. Immer wieder muss sie erklären, dass die Aktivitäten der Scientologen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung gerichtet sind. Mitglieder einer Art Gehirnwäsche unterzogen, finanziell ausgebeutet und Kritiker mit härtesten Bandagen bekämpft werden.
Mit Genuss verweist Caberta auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Köln: ,, Das besagt, dass die SO Gegnern in ihrer Lehre und mit ihrem Handeln die Menschenwürde abspricht.“ Erst im Juli hatte sie ein juristisches Scharmützel gegen ihren Lieblingsfeind gewonnen. Laut OVG Hamburg darf Caberta weiter verbreiten, dass die Behauptung, Kinder hätten in der SO ein ganz normales Leben, als widerlegt angesehen werden kann.
Die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie durch die SO nahm der
Hamburger Innensenator gestern zum Anlass, seine Forderung des Verbots von Scientology zu erneuern.
Begründung: ,, Die angestrebte Abschaffung der Meinungsfreiheit, die Außerkraftsetzung der Menschenrechte und das Lehre gewordene wahnhafte Gedankenkonstrukt eines amerikanischen Science-Fiction-Autors.“ Damit meint er den 1986 verstorbenen SO Gründer L. Ron Hubbard. Während Nagel von Bundesländern wie Baden – Württemberg, die die SO vom Verfassungsschutz beobachten lassen, um vom bayrischen Innenminister Günther Beckstein (,,Die SO ist keine Religionsgemeinschaft und darf nicht verharmlost werden“) Unterstützung bekommt, plädiert Andreas Fincke von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen für ,,mehr Augenmaß“. Scientology vertrete zwar eine Ideologie“. Aber selbst wenn die Scientologen es wollten , werde die Organisation nicht morgen die Macht in Deutschland übernehmen können.
Ursula Caberta hält solche Positionen für naiv: ,, Man darf nicht vergessen, dass die Organisation normal denkende Menschen zu Rädchen in einem totalitären System machen.“ Um das aufzuzeigen, habe sie das Schwarzbuch verfasst: ,, Darin erzähle ich viele traurige Schicksale.“
Gut funktionierende Kinder werden ,,Kadetten“ genannt, Aufsteiger in der Organisationshierarchie sind ,,Operierende Thetane“. Und Promis, die erfolgreich Werbung für Scientology gemacht haben, bekommen die ,,Platin Maritorious Medaille“ verliehen. Darüber dürfte der aufgeklärte Mitteleuropäer noch lächeln. Das Gegner der abstrusen scientologischen ,,Religion“ von deren Führern als ,,Krankheit der Gesellschaft“ oder ,,Kloake“ verumglimpft werden, ist schon weniger lustig.
Unerträglich aber ist der Gedanke daran, dass diese autoritäre Organisation, die mit dubiosen Persönlichkeitstests auf Seelenfang geht, ihr angestrebtes System umsetzen könnte. Also ein Welt schafft, in der es keine Kritik und keine Opposition mehr gibt. Ein totalitäres System, in sich geschlossen, mit eigener Sprache, Ideologie, Regierung und eigenen Straflagern.
So weit wird es nicht kommen. Aber auf dem Weg in die unschöne neue Welt wird Scientology – und das ist gewiss – vieles Opfer produzieren: Menschen, die nach mehr in der Lage sind, selbstständig zu denken: durch Scientology – Schulen und Nachhilfe-Kurse manipulierte Kinderhirne; Mieter, die aus ihren Wohnungen gemobbt werden. Wer in den 1990er Jahren die mit rüden Methoden durchgeführt Umwandlung von Wohnungen durch scientology – nahe Firmen miterlebt hat, kennt das.
In Hamburg machte damals ein breites Bündnis Front gegen die Sekte: Mieterverein und Eigentümerverband übten den Schulterschluss und betrieben mit Unterstützung aus dem Rathaus Aufklärung. Die 1992 gegründete Arbeitsgruppe Scientology ist ein politisches Kind dieser Zeit und bis heute unverzichtbare Anlaufstelle für Aussteiger aus der dubiosen Organisation. Ob das vom Hamburger Innensenator Udo Nagel geforderte Verbot der Psycho-Organisation der Weisheit letzter Schluss ist, darf allerdings bezweifelt werden. Besser ist Aufklärung. So schwer es auch fällt: Die knapp 6000 hiesigen Hubbard – Jünger muss eine funktionierende Demokratie ertragen können.
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