Donnerstag, 11, April 2002
Tragödie eines Inzests
Irgendwann kam die Geschichte zurück. Zwanzig Jahre hatte sie brach- gelegen wie die Felder vor den Toren der kleinen Stadt, und die Bürger hatten sie schon vergessen. Damals, zu DDR-Zeiten, hatten sie weggeschaut, hatten ihre Sprüche gemacht über das deformierte Mädchen mit dem winzigen Gehirn und den riesigen Zähnen, und wenn sie den Täter sahen, grüßten sie still und gingen schnell weiter. Eines Tages war das kleine Mädchen dann weg, und mit dem Mädchen auch die Geschichte; sie war schließlich so weit weg, dass aus dem Täter im Ort wieder ein Bürger wurde: Hans Menzel*, ein drahtiger, aufbrausender Kerl, mit dem man wieder plauderte, dem man sogar ein paar Jobs verschaffte. Und nun ist alles wieder dahin. Nun ist Menzel unter Anklage. Aber nicht nur Menzel. Auch der Ort ist unter Anklage. Goldberg in Mecklenburg. Der kleine triste Ort, der eher eine Durchgangsstraße ist.
Warum, fragen die Goldberger, muss die Geschichte nun wieder hochkochen? Warum muss die Mutter des Mädchens nach all den Jahren zurückkehren und die Stadt in Verruf bringen? Sicher, über zehn Jahre vom eigenen Vater vergewaltigt zu werden ist keine schöne Sache, das sehen sie ja ein. Und dann auch noch ein behindertes Kind von ihm zu bekommen. Aber man sollte diese Dinge ruhen lassen, sagen sie im Ort. Es habe nun genug Jahre gegeben, in denen man die Vergangenheit umbuddelte wie eine Großbaustelle. Sie haben genug von diesem Umbuddeln. Sie wollen endlich leben, ohne Vergangenheit leben.
Silvia Kaelcke, geborene Menzel, die Mutter des kleinen Mädchens und Tochter des Hans Menzel, hatte eigentlich nie vor, die Vergangenheit umzubuddeln. Sie hatte sogar versucht, das Trauma aus ihrem Leben zu reißen. Aber immer, wenn sie ihre Tochter Sabrina anschaute, ein Mädchen, das weder sprechen noch lachen kann, nicht mal essen oder schlucken, das über eine Magensonde ernährt wird und einzig die Augen kreisen lässt, holte die Geschichte sie wieder ein.
Und so wühlt sie jetzt, da der Tod Sabrinas näher rückt, in den Schächten der Vergangenheit, bevor alles verschüttet ist, und konfrontiert die ganze Stadt - Nachbarn, Verwandte und Amtsträger - mit der einen Frage: Wie konntet ihr vor diesem Verbrechen die Augen verschließen?
So stehen sie sich gegenüber: eine Frau, die Gerechtigkeit will, und eine Stadt, die schweigen will. Aber es geht noch um mehr: ein Strafverfahren wegen versuchten Totschlags, einen Selbstmordversuch und einen Rechtsstreit vor dem Bundessozialgericht in Kassel. Nimmt man alles zusammen, ergibt sich folgendes Bild:
Silvia wird am 10. Oktober 1955 in Goldberg geboren, geht in Goldberg zur Schule, verbringt dort ihre Kindheit und Jugend. Das blonde Mädchen wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Zusammen mit seinen Eltern, einem Hausmeisterpaar, und vier Brüdern lebt es im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Brauerei, einem bunkerähnlichen Flachbau am Rande der Stadt. Als sie zwölf ist, holt der Vater sie zum ersten Mal allein in sein Zimmer. »Ich mache dich zur Frau«, sagt er, »das müssen Väter tun, es wird nicht wehtun.« Es tut schrecklich weh, erinnert sich Silvia Kaelcke, es blutet und brennt, und als es vorbei ist, fragt sie sich, ob das Dasein als Frau immer so sein wird.
VON NUN AN VERGEWALTIGT Hans Menzel seine Tochter regelmäßig. Wie das Bezirksgericht Schwerin später feststellen wird, elf Jahre lang, »manchmal mehrmals täglich«. Morgens um fünf klopft er an die Wand des Kinderzimmers, und wenn Silvia nicht freiwillig kommt, zerrt er sie an den Haaren ins Schlafzimmer. Die Mutter, eine schweigsame, ordnungsliebende Frau, kümmert sich derweil ums Frühstück. Ganz am Anfang, so erinnert sich Silvia Kaelcke, habe ihre Mutter den Vater noch zur Rede gestellt, als das Bett wieder mal voller Blut und Sperma war, aber schon bald beugt sich die Mutter der Macht ihres Mannes und zieht sich zurück an Orte, wo sie das Gewinsel ihrer Tochter nicht hören muss.
Für das zierliche scheue Mädchen, gut in der Schule, folgsam zu Hause, ergibt sich eine neue Welt, in der bizarre Regeln herrschen. Geschlechtsverkehr mit dem Vater gehört nun für sie zum Alltag, eine Art Pflicht, so wie es ihre Pflicht ist, abends die Zähne zu putzen. Wenn der Akt vorbei ist, sagt Menzel: »Siehst du, war doch ganz einfach. Du willst das doch.« Manchmal fügt er hinzu: »Ich liebe dich.«
Menzel kauft ihr fortan dieselben Schuhe wie seiner Frau und steckt sie in Skihosen aus den 30er Jahren, in denen sie zum Gespött der Mitschüler wird. Er zerstört ihre Wimpernbürste, zerfetzt ihre Kleider und reißt ihr Lockenwickler aus den Haaren, all die kleinen Dinge, die aus dem blassen Mädchen einen attraktiven Teenager machen sollen. Das Haus darf Silvia jetzt nur noch für den Gang zur Schule verlassen. Bis in den Abend hinein und an Wochenenden muss sie dem Vater in der Garage bei seinen Nebenjobs helfen, beim Schweißen und Lackieren, und selbst als sie bei einem Unfall eine schwere Gehirnerschütterung davonträgt, lässt Menzel sie zunächst nicht ins Krankenhaus. Sie ist sein Eigentum. Seine Mätresse. Verfügungsmasse.
Wenn sich der gelernte Schlosser beobachtet fühlt, fährt er mit Silvia in den Wald zum Pilzesammeln und missbraucht sie dort oder in seinem Trabi, in den er Gardinen aus buntem Stoff mit Oldtimer-Motiven einzieht, um Passanten am Einblick zu hindern. Silvia hasst diese Ausfahrten, aber dort, in den Wäldern der Mecklenburgischen Seenplatte muss sie wenigstens die Sprüche ihrer Mutter nicht ertragen, die sagt, sie solle das hysterische Schreien lassen. In einem Polizeiverhör wird die Mutter später Silvia die Schuld geben: »Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mir sagte, dass sie ihren Vater lieben würde. Eben so, wie man einen Mann liebt.«
Silvias Brüder wundern sich über die frühmorgendlichen Schreie ihrer Schwester, aber Gewalt und Krach gehören auch für sie zur Jugend. Ein jüngerer Bruder, dem sie sich anvertraut, kündigt an, dass er seinen Vater umbringen wolle. Er tut es nicht. Im Gegenteil: Jahre später beschuldigen die Brüder ihre Schwester, den armen Vater verführt zu haben. So hat Menzel es seinen Söhnen erzählt. Er kann gut erzählen. Er warnt sie eindringlich vor der Hinterhältigkeit der Frauen. Sie nennen ihn Gott. Einer wird später wegen eines Sexualdelikts verurteilt, ein anderer wegen mehrerer Diebstähle.
DIE MENSCHEN IN GOLDBERG hören von den grausamen Dingen, die sich draußen, in diesem einsam gelegenen Flachbau beim Friedhof abspielen sollen. Silvias Oma erzählt es der Tante, die Tante der Cousine, und die Cousine der Freundin. Die Geschichte wabert durch das 5000-Einwohner-Städtchen, in dem sich die Top-Nachrichten sonst aus Planerfüllungsdaten der örtlichen LPG zusammensetzen. Schon früher, bald nach dem Krieg, so erinnern sich nun einige Goldberger, wurde Menzel wegen Missbrauchs eines Mädchens zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. »Wir haben die Sache mit Silvia alle gewusst«, sagt eine Verwandte heute. »Es war Stadtgespräch.« Ihren Namen möchte die Frau nicht nennen. Sie sitzt in ihrem engen Wohnzimmer, mit traurigen Augen und schwacher Stimme, und scheint in den Mustern ihrer Tapete nach einer Erklärung für ihr Schweigen zu suchen: »Er hat es bei uns allen versucht. Er ist brutal. Aber sagen Sie in der DDR mal was über diese Dinge. Das ging nicht.«
Damals, als »diese Dinge« passierten in Goldberg, ist Hans Menzel um die 40. Ein mittelgroßer, sehniger Mann mit einer losen Zunge und flinken Händen. Er hat kein Amt in der Partei und keinen Posten im Ort, und dennoch ist kaum ein Bürger so wichtig wie Hans Menzel. Er ist ein Erfinder. Ein Bastler. Er repariert die Trabis im Ort, konstruiert Ersatzteile und ferngesteuerte Türöffner und erfindet selbst eine Maschine zur Produktion von Maschendrahtzaun. Er mag ein Tyrann sein, dieser Hans Menzel, aber auf einen Magier wie ihn kann man nicht verzichten in einem Land der knappen Ressourcen, und so tauschen Goldberger bereitwillig ihr Schweigen gegen 15 Meter Maschendrahtzaun.
»Eigentlich ist er ein netter Kerl«, sagt der damalige Nachbar Fritz Möller heute. Möller, weißhaarig und wohl beleibt, steht hinter der halbgeöffneten Tür seines Eigenheims. Er ahnt, was nun kommt. Er antwortet schon mal, bevor die Frage gestellt ist. »Wir haben nichts gewusst«, sagt er. Seine Tochter kommt hinzu. »Wir haben nichts gewusst«, sagt die Tochter. Aber sie müssen die Schreie doch gehört haben. »Welche Schreie? Die haben wir nicht gehört«, sagt Möller. »Schreie waren nicht zu hören«, sagt die Tochter. »Er war vielleicht ein bisschen streng«, sagt Möller, »aber da mische ich mich nicht ein.« »Da mischen wir uns nicht ein«, sagt die Tochter. Dann schließen sie die Tür. Gemeinsam.
Als Silvia Kaelcke 16 ist, beginnt eine Zeit, in der sie versucht, sich gegen den erzwungenen Beischlaf zu wehren, mit Tritten und Flehen, aber nun schlägt Menzel zu, schlägt sie mit Riemen und Gürteln, sodass nur noch wenig Haut hervorschaut zwischen dem Blau ihrer Flecken. Wenn er fertig ist, sagt er: »Das ist gut für die Durchblutung.« Manchmal reißt Menzel in seiner Wut ganze Lampen aus der Decke. Er konstruiert auch ein stromerzeugendes Gerät, eine Art Kuhtreiber, und versetzt seiner Tochter damit Stromschläge. Silvia Kaelcke wird diese Jahre überleben, doch am Ende, sagt sie, sei sie kein Mensch mehr gewesen. Sie ist eine Maschine, die auf Knopfdruck funktioniert, die Seele entkernt, die Gefühle vergraben, ein willenloses Wesen, das nicht mal zum Selbstmord mehr in der Lage ist.
Es gibt einige Menschen in Goldberg, die überlegen, Hans Menzel anzuzeigen, aber sie fürchten sich vor der Auseinandersetzung mit dem Staat. Offiziell existieren in der DDR weder Kinderschänder noch Inzest. So wie es keine Nazis gibt und keine Arbeitslosigkeit. Es wird Jahre dauern, bis Fälle wie der von Silvia Kaelcke an die Oberfläche gespült werden. »Einen Teil der Kriminalitätsgeschichte in der DDR müsste man komplett neu schreiben«, sagt Deborah Schaffranek vom Weißen Ring. Sie ist eine junge, unbeugsame Frau, die im Landkreis Parchim von Dorf zu Dorf fährt und Vergewaltigungsopfer betreut: die Opfer der Politfunktionäre, der russischen Soldaten - oder des eigenen Vaters. »Erst heute«, sagt sie, »trauen sich viele Frauen raus mit ihren Geschichten der alltäglichen Gewalt.«
Mit 19 beginnt Silvia Kaelcke eine Ausbildung als Handelskauffrau in einem Großhandelsbetrieb, den der Vater für sie aussucht. Einmal versucht sie von zu Hause zu fliehen. Menzel fängt sie wieder ein. »Ich werde dir ein Kind machen«, droht er. »Dann wird dich kein Mann mehr nehmen.« Sie fleht ihn an, aber Hans Menzel lässt sich nicht aufhalten. »In der Tierwelt kommt Inzucht auch vor«, sagt er. Während einer vom Arzt verordneten Pillenpause missbraucht er sie nun regelmäßig, um sicher zu gehen, dass sie schwanger wird. Als er sein Ziel erreicht hat, sagt die Mutter zur Tochter: »Du hast ja nun, was du wolltest.«
Am 16. Dezember 1979 wird Sabrina geboren, ein »schwerst geistig behindertes« Kind, wie ein Gutachter später feststellt. Die ärztliche Diagnose lautet: Cerebrales Anfallsleiden, Cerebrale Blindheit, Tetraspastik, Mikrocephalus (zu kleines Gehirn) Hydrocephalus internus (Wasserkopf). Sabrina wird ihre Mutter in jeder Minute an den Vater erinnern, aber aus einem Grund, den sie nicht zu nennen vermag, liebt Silvia ihr Kind. Zum ersten Mal spürt sie so etwas wie Lebensmut und Widerstandskraft. Als Hans Menzel seine Tochter wenige Wochen nach der Geburt wieder missbrauchen will, schnallt sie sich ihren Säugling vor den Bauch und schreit: »Los, mach es. Aber dann musst du erst Sabrina töten.«
Die Goldberger beginnen sich nun abzuwenden von Menzel, dem Zeuger seiner eigenen Enkeltochter. Auch staatliche Stellen erfahren von dem Inzest-Mädchen mit dem winzigen Gehirn und den riesigen Zähnen, doch auch sie schreiten nicht ein. Eine Mitarbeiterin des Sozialamts rät, das Kind verschwinden zu lassen, abzuschieben in ein Heim, doch das lässt Silvia Kaelcke nicht zu. Die Frau vom Sozialamt erinnert sich noch gut an den Fall. »Die Silvia hat mich Nerven gekostet«, sagt sie, »mit der Frau bin ich durch.« Sie steht vor der Haustür ihrer Neubauwohnung, ihre Stimme ist brüchig, der Blick vorwurfsvoll. »Ich will davon nichts mehr wissen«, sagt sie. »Man muss da mal einen Schlussstrich ziehen.« Dann will sie nichts mehr sagen. Nur eines noch: »Keiner im Ort wird etwas zu dem Fall sagen.«
Als Silvia Kaelcke mit Sabrina schließlich die Flucht aus dem Elternhaus gelingt, ist sie eine erwachsene Frau, 26 Jahre alt, ein nervliches Wrack, wie sie sagt. Im Betrieb hat sie einen Mann kennen gelernt, Eckard Kaelcke, einen ruhigen verlässlichen Handelskaufmann aus der Nachbarstadt Lübz, der sich rührend um sie und Sabrina kümmert.
SEHR BALD JEDOCH muss Silvia feststellen, dass sie in der so ersehnten Freiheit nicht leben kann. Sie ist ein konditioniertes Wesen, für das die Gewalt zum Tagesablauf gehört wie das Aufstehen. Sie beschimpft andere Menschen auf der Straße, brüllt sie ohne jeden Grund in der Kaufhalle an und ist unfähig, eigene Entscheidungen zu treffen.
Als sie ihren Lebenspartner zwingt, einen stromleitenden Weidezaun anzufassen, merkt sie, dass ihr Vater in ihr weiterlebt und immer wieder triumphiert. In ihrer Verzweiflung beschließt sie, ihre Tochter und sich selbst zu töten, damit sie, wie sie später in der polizeilichen Vernehmung aussagen wird, endlich ihre Ruhe hat und ihr Leiden beendet ist. Am Morgen des 2. April 1990, während sich ihre Landsleute noch im Wendetaumel befinden, schluckt sie laut Krankenbericht ein Schlafmittel, »30 Tabletten Faustan«, und verabreicht ihrer Tochter »15 Tabletten Faustan und eine unbekannte Menge Antikonvulsion«.
Eckard Kaelcke findet Silvia und Sabrina regungslos in ihren Betten. Sie werden in zwei getrennte Kliniken geliefert, in »tiefem somnolenten Zustand«, und überleben die Vergiftungen. Nun jedoch ermittelt die Kripo wegen versuchten Mordes gegen Silvia Kaelcke. Auch die Eltern werden verhört. Erstmals gibt Hans Menzel zu, »Zeuger des Kindes Sabrina« zu sein und »mit meiner Tochter geschlechtliche Beziehungen unterhalten« zu haben, allerdings »in beiderseitigem Einvernehmen«. Knapp vier Monate später steht Silvia Kaelcke wegen »versuchten Totschlags« an ihrer inzwischen zehnjährigen Tochter vor Gericht. Eine schuldbewusste, in sich gekehrte Frau, die vom Opfer zur Täterin geworden ist. Das Gerichtsgutachten kommt zu dem Schluss, dass die »Persönlichkeitsentwicklung der Angeklagten durch den massiven sexuellen Missbrauch seitens des Vaters geprägt« ist. Sie wird zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.
Silvia Kaelcke, inzwischen 34 Jahre alt, ist am Tiefpunkt ihres Lebens angelangt. Für die Umgebung ist sie wahlweise eine Kindesmörderin, eine Selbstmörderin oder Mutter eines Monsters. »Früher wäre so was vergast worden«, sagen Jugendliche auf der Straße mit Blick auf Sabrina.
Silvia Kaelcke bewohnt jetzt mit Tochter und Partner ein kleines Haus in Lübz und versucht zaghaft die ersten Schritte in ein neues Leben. Kauft ihre ersten eigenen Schuhe, eigene Wimperntusche, auch mal ein Schmuckstück und kümmert sich Tag und Nacht um ihr pflegebedürftiges Mädchen. Der Staat, in dem sie nun lebt, heißt BRD und nicht mehr DDR, aber von der Wende bekommt sie kaum etwas mit. Die Autos sind andere, auch die Geschäfte, und im Fernsehen laufen Sendungen, in denen die Menschen auf den Staat schimpfen statt ihn zu loben. Hinterfragen, so stellt Silvia Kaelcke fest, ist kein Delikt mehr und Missbrauch kein Tabu. Irgendwann besitzt auch Silvia Kaelcke die Kraft für die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Sie will Gerechtigkeit.
Gegen den Vater strebt sie eine Klage wegen sexuellen Missbrauchs an, aber nach DDR-Recht ist der Fall verjährt. 1999 verklagt sie das Versorgungsamt des Landes Mecklenburg-Vorpommern auf Entschädigung und zieht schließlich bis vor das Bundessozialgericht, um erstmals durchzusetzen, dass ein als Folge einer inzestuösen Vergewaltigung gezeugtes Kind als Opfer anerkannt wird. Dies sei ein Präzedenzfall in Deutschland, teilt man ihr mit. Bis zu einem Urteil würden Jahre vergehen.
Im Herbst 2001, mehr als 20 Jahre nach der Geburt ihrer Tochter, kehrt Silvia Kaelcke, inzwischen verheiratet, zurück in ihre Heimatstadt Goldberg. »Normal werde ich nicht mehr«, sagt sie, »aber ich will herausfinden, was die Menschen damals wussten.« Sie fragt Verwandte und Nachbarn, die Freundin und Staatsbedienstete, doch die meisten schweigen. Schlimme Geschichte, ja, armes Mädchen, ja, aber sie wussten von nichts, nein. Eine Ahnung, ja, aber kein Wissen, nein. Eine Cousine, die der Vergewaltigung durch Hans Menzel nur knapp entging, möchte sich lieber nicht äußern, nein. Und selbst die einzige Jugendfreundin Silvias, an der sich Menzel ebenfalls vergriff, möchte nichts mehr sagen, nein. Warum? »Das ist lang her«, sagt die Freundin. »Ich möchte niemandem schaden.« Aber sie schadet Silvia damit. »Silvia sollte die Vergangenheit in Ruhe lassen«, rät die Freundin. »Es bringt nur Unfrieden.«
ALSO ERZÄHLT SILVIA ihnen ihre Geschichte, lässt nichts aus, und wenn die anderen nun mit der Schuld des Schweigens leben müssen, dann ist das nur gerecht, findet sie. Das ist ihre Anklage.
Nur einer äußert sich, laut und wütend. Rainer Ruchhöft, der Nachbar oben am Friedhof, ein rotwangiger Maurer mit breitem Kreuz und kräftigen Händen. »Dass die Goldberger geschwiegen haben«, sagt Ruchhöft, »ist ganz schlimm. Der Menzel ist doch eine Bedrohung für alle, aber die Silvia lassen sie allein. Wenn ein Fremder so was getan hätte, hätte man den längst gelyncht. Aber den Menzel« Wie erwischt man den Menzel? »Am besten morgens in der Früh«, sagt Ruchhöft.
Einsam liegt er da in der Morgendämmerung, der rote Flachbau am Ortsrand, einem Bunker gleich, umgeben von hohen Zäunen. Eine Tür ist zugemauert, auch ein Fenster. Menzel steht hinter dem Zaun. Blaue Jacke, rote Baseballkappe, ein älterer Mann, 69 schon, aber noch immer agil und wendig. Er klettert auf eine Leiter und reißt Zweige aus der Tanne.
Herr Menzel, eine Frage zu ihrer Tochter Silvia. Menzel blickt auf. »Was wollen Sie? Meiner Tochter kann man nicht helfen. Die ist verrückt. Die habe ich rausgeschmissen.« Menzel arbeitet weiter. Aber die Geschichte mit Sabrina? »Das ist kalter Kaffee.« Aber das Kind ist doch von Ihnen? »Das Kind ist vom Fahrschullehrer.« Menzel wird unruhig. Bei der Kripo haben Sie zugegeben, dass Sie der Vater sind. Menzel rutscht ein Stück hinab von der Leiter. »Machen Sie, dass Sie fortkommen«, droht er. »Sonst werfe ich Ihnen die Axt an den Kopf.«
Es gibt kein Weiterkommen in Goldberg, dem kleinen, tristen Ort, der eher eine Durchgangsstraße ist. Silvia Kaelcke wird ihn nicht mehr betreten. Ihre Geschichte passt hier nicht hin. Auch ihre Brüder haben kein Verständnis für sie. Einer droht mit Rache, sollte Silvia die Vergangenheit wieder aufwärmen.
Die heute 46-Jährige sitzt in ihrer Wohnstube am Bett ihrer Tochter und streichelt sie zärtlich. Durch einen Schlauch läuft eine Eiweißmischung in den gekrümmten Körper hinein, 75 ml pro Stunde. Sabrina wiegt noch 20 Kilo. Sie ist jetzt 22 Jahre alt, 1,35 Meter klein, und im Januar wäre sie beinahe verhungert, weil der Körper keine Nahrung mehr annahm.
Hoffnung? »Nicht mehr viel«, sagt Silvia Kaelcke. »Jetzt bleibt nur noch das Bundessozialgericht.« Es wird eine wegweisende Entscheidung für viele Missbrauchsfälle treffen: Kann ein zum Zeitpunkt der Gewalttat noch nicht geborenes Kind Opfer sein? »Wenn Sabrina als Opfer anerkannt und entschädigt wird, kann ich abschließen«, sagt Silvia Kaelcke. »Das wäre Gerechtigkeit.«
Am kommenden Dienstag fällt die Entscheidung im 9. Senat des Bundessozialgerichts.
*Name von der Red. geändert
Der Ort ist unter Anklage. Goldberg in Mecklenburg. Die Bürger haben weggesehen. Warum, fragen sie jetzt, muss die alte Geschichte wieder hochkochen?
Als sie zwölf ist, holt der Vater sie zum ersten Mal in sein Zimmer: »Ich mache dich zur Frau, das müssen Väter tun«
»Dass die Goldberger geschwiegen haben, ist schlimm. Einen Fremden hätten sie gelyncht«
»Wenn Sabrina als Opfer anerkannt und entschädigt wird, kann ich abschließen«
MITARBEIT: TOBIAS BETZ
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