Montag, 14, Juli 2008
Theaterbus soll aufklären
“Jetzt geht´s um Sex und Gewalt, geil!”
Karlsruhe - Die Präsentation findet in einem nachtschwarzen Bus statt. An den Türen ist auf einem klassischen Schild der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) zu lesen: “Ab 12”, als erwarte einen gleich ein Film oder ein Computerspiel. Tatsächlich soll hier jedoch die harte Realität der sexuellen Gewalt unter Jugendlichen mit einem Theaterstück thematisiert werden. Mit dem Projekt “Am Ende der Angst” wollen die Stiftung Hänsel + Gretel und die Theatergruppe “Werkraum: Karlsruhe” Jugendliche, aber auch die gesamte Gesellschaft für dieses heikle Thema sensibilisieren.
In dem zweckentfremdeten Personenbeförderungsmittel begrüßt zunächst Jerome Braun, Geschäftsführer der Stiftung Hänsel + Gretel, die sich für die Prävention des Kindesmissbrauch und dessen Opfer einsetzt, mit Heidegret Siems-Fichter, Kulturmanagerin des Werkraums, die Anwesenden. “In diesem Projekt steckt viel persönliches und finanzielles Engagement”, betont er. Vor allem den Schauspielern und Helfern der Werkraum-Gruppe sei zu danken, da sie den Hauptteil der Arbeit zu leisten hätten. “Auch unseren Sponsoren sprechen wir unseren Dank aus.” Das Projekt gefördert hat, neben einer Anzahl von Unternehmen, auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Gesamtkosten für die Initiative würden sich auf etwa 70.000 Euro belaufen.
Oft nur “Spitze des Eisberges” bekannt
Dann wendet sich der Karlsruher Regierungspräsident Rudolf Kühner an die Gäste. “Tausendfach werden Kinder jedes Jahr Opfer sexueller Gewalt, und oft wird uns nur die Spitze des Eisberges bekannt”, erzählt er. Sexuelle Gewalt finde sich dabei in allen Gesellschaftsschichten, unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen. “Der beste Schutz für Kinder ist hierbei sachliche Aufklärung.” Man müsse das Selbstbewusstsein der Kinder stärken, aber ihnen auch “klare Schranken” aufweisen, damit sie nicht selbst zu Tätern würden. Man dürfe das Thema sexuelle Gewalt unter und an Jugendlichen nicht tabuisieren, sondern müsse es mit Zivilcourage angehen. Nur so könne man ein “gewaltfreies Zusammenleben” erreichen. Auch Landtagsabgeordnete Katrin Schütz spricht einige Worte. Man müsse den Jugendlichen Antworten auf die Frage “Wie gehe ich mit Gewalt um?” geben. Sie hoffe auf eine große Resonanz des Projektes und bedankt sich bei den beteiligten Gruppen für ihr Engagement.
Es folgt eine Videopräsentation des Werkraum-Mitglieds Boris Burghardt, die auch zu Beginn der “Vorstellung” für Schulklassen gezeigt werden soll. Diverse Jugendliche schauen mit Gesichtsausdrücken von apathisch bis verstört in die Kamera. Dazu hört man im Hintergrund Geschichten über Nacktfotos im Internet, Vergewaltigungen auf Partys oder die Unfähigkeit “kontra zu geben”. “Wir wollen hier Theater als Mittel des sozialen Lernens etablieren”, erläutert Drehbuchautor Christopher Maas. Dies gelte nicht nur für “Am Ende der Angst”, sondern für alle Projekte des Werkraums.
Spannungsfelder und Rapper
Regisseur Jürgen Sihler erklärt, dass auch positive Aspekte wie Liebe in dem Stück durchaus ihren Platz hätten. “Wir wollen ja nicht nur schocken.” Dennoch dürfe man nicht auf das Mittel der Konfrontation verzichten, um sich die Aufmerksamkeit der Jugendlichen zu sichern. Das Spannungsfeld zwischen “dem Interesse des Einzelnen, des Gruppenzwangs und der medialen Welt” müsse deutlich gemacht werden. 60 bis 70 Vorstellungen seien ab September geplant.
Dann gibt es eine kleine Kostprobe: Die beiden Hauptdarsteller Ibadete Kadrijaj und Georgios Tzitzikos rezitieren das von Maas geschriebene Gedicht “Am Ende der Angst”. Dann springt plötzlich die Videowand an, die zwei begrüßen, scheinbar völlig überdreht, die “Schüler”: “Jetzt geht es gleich um Sex und Gewalt, geil!”. Dazu wäre auch jemand “eingeladen”, der viel über das Thema berichten könne: Tzitzikos mimt nun B-Tight, einen Rapper des berüchtigten Labels “Aggro Berlin”, der sich von “Talkmasterin” Kadrijaj interviewen lässt.
Opfer oder Täter: Alle sollen Hilfe finden
Szenenwechsel: Kadrijaj ist nun “Lisa”, eine frühreife 13-Jährige, die in einer Disco von einem Erwachsenen angequatscht und mit Hinweis auf seinen Porsche “abgeschleppt” wird. “Wenn es zu schlimm wird, schaue ich an die Decke. Ich kann einfach nicht Nein sagen.” Dass es in dem Stück aber eben um die Wichtigkeit des “Nein-Sagens”, der klaren Absage zur Akzeptanz von sexueller Aggression, Gewalt oder Missbrauch geht, wird deutlich.
Es ist geplant, dass der Theaterbus direkt an die jeweilige Schule fährt. Das Stück an sich soll dann etwa 40 Minuten dauern. Danach sollen die Schüler im Klassenzimmer mit geschulten Theaterpädagogen in einem Workshop arbeiten, der ihnen die verschiedenen Rollen und Perspektiven zu diesem Thema näher bringen soll. In geschlechterhomogenen Gruppen sollen anschließend Beratungsgespräche geführt werden. Diese sollen in Zusammenarbeit mit Karlsruher Beratungsstellen wie Pro Familia oder dem Verein Wildwasser durchgeführt werden. Betroffenen Schülern, “Opfern oder Tätern”, soll dann direkt geholfen werden, so Sihler. Des Weiteren sei auch eine Plakataktion geplant, um das Thema noch stärker ins kollektive Bewusstsein zu rücken.
Tabuisierte Problematik soll stärker behandelt werden
Man gehe davon aus, dass mittlerweile der Großteil der sexuellen Gewalt an Jugendlichen auch von Jugendlichen verübt würde. Es sei daher wichtig, in einer “übersexualisierten Welt”, so der Informationsflyer, die Jugendliche für den Umgang mit der tabuisierten Problematik zu gewinnen. Die Stiftung Hänsel + Gretel bitte daher um weitere Spenden, dies sei für einzelne Projekte oder allgemein möglich, so Siems-Fichter.
Wer Interesse an der Initiative “Am Ende der Angst” hat oder das Projekt an einer Schule einladen will, hat dazu unter der Nummer 0721/56841030 oder per E-Mail an die Möglichkeit. (pas)
Links:
http://www.am-ende-der-angst.de
http://www.haensel-gretel.de
http://www.werkraum-karlsruhe.de
Quelle:
http://www.ka-news.de/karlsruhe/news.php4?show=pas2008711-54E
Kommentar von Monika Gerstendörfer:
Beginnt schon mit dem nachtschwarzen Bus.
Dann stelle ich mir eine Schulklasse vor, die damit konfrontiert werden soll. Was tun diejenigen Schüler/innen, die Betroffene sind? Vermutlich schweigen. Wie immer. Aber was werden sie fühlen, denken, was löst das bei ihnen aus?
ALLE sollen Hilfe finden?
Pardon, aber Tätern und Opfern kann man nicht „gleichzeitig“ helfen. Schon gar nicht mit dem gleichen Konzept.
Und dann der Titel: “Jetzt gehts um Sex und Gewalt, geil!”
Ja, geht es noch?
Irgendwie wurde ich an den Buchtitel „Die hilflosen Helfer“ erinnert.
Schockierte Grüße
Monika Gerstendörfer
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