Sonntag, 26, Juli 1998
... Staat will das Netz kontrollieren
Bei der Aufklärung von Kindesmißbrauch im Internet ist in Deutschland nach Ansicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter viel zu wenig getan worden. Notwendig sei eine Zentralstelle zur Bearbeitung der Fälle. “Es gibt sehr viele Dienststellen, die sehr halbherzig im Internet surfen, um etwas feststellen zu können”, sagte der Vorsitzende Eike Bleibtreu am Samstag im Saarländischen Rundfunk.
Bundesjustizminister Edzard Schmidt-Jortzig (FDP) forderte die Bundesländer auf, im Kampf gegen Kinderpornographie verstärkt zusammenzuarbeiten. Die Länder sollten Bayerns Beispiel folgen und Internetspezialisten einsetzen, sagte der FDP-Politiker dem Kölner “Sonntag-Express”. “Eitelkeiten dürfen da keine Rolle spielen”, meinte Schmidt-Jortzig, der Forderungen nach schärferen Gesetzen gegen Kinderpornographie zurückwies und auf Versäumnisse bei Polizei und Justiz verwies. “Der Ruf nach schärferen Gesetzen ist natürlich billiger als die Anschaffung moderner Computer samt Internetzugang und Fortbildungskursen.”
Bilder nicht veröffentlichen
Der Kinderschutzverein “CareChild” protestierte gegen die Veröffentlichung reißerischer Kinderporno-Fotos im Fernsehen. Im Zuge des niederländischen Kinderschänder-Skandals “befriedigen einige Sender zum Teil die niederen Instinkte einer primitiven Sensationsgier”, sagte der Sprecher von CareChild, Jochen Lengerke, in Münster in einem dpa-Gespräch.
CareChild forderte Fernsehsender dazu auf, keine Bilder von sexuellen Handlungen an Kindern zu veröffentlichen und höchstens zur Unterstützung von Fahndungen das Gesicht von Opfern und Tätern zu zeigen. Es dürfe auch nicht gezeigt werden, wie solche Fotos im Internet zu finden sind. Lengerke räumte ein, die Veröffentlichung von Bildern könne zur Aufklärung der Verbrechen beitragen. Jüngstes Beispiel sei die Festnahme eines mutmaßlichen Täters aus Rheinland- Pfalz, dessen Sohn auf einem im Fernsehen gezeigten Foto erkannt worden war.
Suchprogramme sollen automatisch fahnden
Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) will Suchprogramme einsetzen, die das Internet nach verbotenen Inhalten durchforsten. Der Staatssekretär im Innenministerium, Kurt Schelter, (CDU) sagte zu “Focus”, bei Verdacht auf Straftaten wie Kinderpornographie werde damit die Möglichkeit zum “legalen Abhören” geschaffen. Die Bundesregierung will nach Informationen von “Focus” ferner die Internet-Zugangsanbieter (Provider) dazu verpflichten, bestimmte für die Strafverfolgung wichtige Daten zwischenzuspeichern und bei Bedarf den Behörden auszuhändigen.
Nicht zuviel Kontrolle
Der Deutsche Kinderschutzbund riet Eltern, auf die jüngsten Fälle von Gewaltverbrechen an Kindern nicht mit übertriebenen Schutzmaßnahmen zu reagieren. Wenn Eltern dazu übergingen, Kinder bei all ihren Aktivitäten zu beaufsichtigen, sei dies eine “fatale Sache”. Die Entwicklung der Kinder werde “massiv” eingeengt, sagte die Geschäftsführerin des rheinland-pfälzische Landesverbands, Beata Hoffmann.
dpa; Grafik: jo
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