Mittwoch, 19, Dezember 2001
Profit mit Kinderkörpern
Datum: 19.12.2001
Ressort: Politik
Autor: Angela Köhler
Seite: 02
Profit mit Kinderkörpern
KINDERPROSTITUTION - Millionen Mädchen und Jungen werden weltweit sexuell ausgebeutet. Eine internationale Konferenz im japanischen Yokohama soll Strategien dagegen entwickeln.
TOKIO, 18. Dezember. In Bangkoks Bordellen, auf den Bürgersteigen Manilas, in Moskaus Bahnhöfen, an den Lkw-Trassen durch Tansania, in den Vororten von New York, an den Stränden von Mexiko, im Internet oder am Telefon - Kinderprostitution breitet sich beinahe überall aus. Bisher gibt es nur wenig Gegenmittel, um den professionellen Missbrauch von Minderjährigen zu bekämpfen. Rund 3 300 Delegierte aus 138 Ländern, unter ihnen auch etwa hundert Jugendliche, sowie 21 internationale Organisationen fordern beim zweiten “Weltkongress gegen die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern” in Yokohama wenigstens schärfere Gesetze gegen den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen.
Japan, Gastgeber der bis Donnerstag tagenden Konferenz, scheint fast eine ideale Wahl zu sein. Noch 1998 - so ermittelte Interpol - hatten rund 80 Prozent aller Websites mit Kinderprostitution ihren Ursprung in dem fernöstlichen Industrieland. Striktere Kontrollen haben inzwischen dafür gesorgt, dass Japan nicht mehr zu den drei wichtigsten Quellen für pornografische Produkte mit Minderjährigen im Internet gehört.
Syndikate mit Milliardenumsätzen
June Kane, Wissenschaftlerin, Buchautorin und Mitorganisatorin der Yokohama-Konferenz, sieht das als Beleg dafür, dass man dieses Verbrechen auch in dem globalen Netz neuer Technologien wirkungsvoll bekämpfen kann - wenn man entschlossen und sich einig ist. “Allerdings läuft uns die Entwicklung davon”, klagt Kane. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef werden jährlich eine Million Kinder neu zur Prostitution gezwungen. In Yokohama halten Experten es sogar für möglich, dass die fünffache Zahl von Kindern und Jugendlichen Opfer des zunehmend von Verbrechersyndikaten dominierten Sexhandels wird. Boris Scharlowski von “Terre des Hommes” rechnete der Konferenz vor: “Hunderttausende Kinder, zumeist Mädchen, aber auch Jungen, werden allein in Asien jährlich verkauft: in Bordelle und an Zuhälter, die nur daran interessiert sind, den maximalen Gewinn aus den Kinderkörpern zu ziehen.” Unicef-Direktorin Carol Bellamy nennt das “eine Form von Terrorismus”, die es genauso zu bekämpfen gilt wie religiösen Radikalismus. Ihr leidenschaftlicher Appell: “Die mutwillige Zerstörung junger Menschen darf kein weiteres Jahr, keinen Tag, keine Stunde mehr geduldet werden”.
Das Problem ist vielschichtig. Zum einen wird das Geschäft von Schlepperbanden und Händlerringen immer besser organisiert und internationalisiert. “Kinderhandel ist heute lukrativer als Waffen- oder Drogenschmuggel”, sagt June Kane. Nach Unicef-Schätzungen setzen Verbrecherringe mit diesem Geschäft jährlich umgerechnet 5,62 Milliarden Euro um (rund elf Milliarden Mark).
Gleichzeitig verlagert sich die sexuelle Ausbeutung von Kindern immer stärker in den Cyber Space. “In diesem Bereich hat sich die Lage weltweit in den vergangenen Jahren verschlimmert. Es gibt immer mehr Filme und Fotos, die über das Internet verfügbar sind und mit denen Syndikate ihr Geld machen”, sagt Christa Dammermann von “Terre des Hommes”. Jeden Tag würden im Internet schätzungsweise hundert neue Seiten mit Kinderpornografie eröffnet. Als Extrembeispiele nennt Kane Webseiten im Netz, auf denen Kinder vor Livekameras sexuell missbraucht werden, wobei die Handlung von den Nutzern per E-Mail inszeniert werden kann.
An solche Möglichkeiten - auch das wurde auf der Konferenz von Yokohama klar - hatte man beim ersten Weltkongress im Jahr 1996 in Stockholm noch kaum gedacht. Damals hatte man sich vor allem mit dem Sextourismus und dem Handel mit klassischen pornografischen Erzeugnissen beschäftigt.
Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist global, eine seiner Ursachen aber ist durchaus lokalisierbar. Man muss nur immer der Armutsspur nachgehen. Die meisten minderjährigen Sexsklaven gibt es laut Unicef in Entwicklungsländern und in Osteuropa. In manchen reichen Ländern wird die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch krasse Sozialunterschiede begünstigt. Beispiel sind die USA mit geschätzten 244 000 bis 325 000 minderjährigen Prostituierten.
Die viertägige Konferenz in der ostjapanischen Hafenstadt wird gemeinsam von der Regierung, Unicef sowie zwei internationalen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) veranstaltet. Diese beispiellose Co-Schirmherrschaft verdeutlicht, wie komplex das Problem ist. Nur eine umfassende Kooperation ermöglicht Fortschritte bei der Bekämpfung von Kinderprostitution und Kinderhandel. Darüber war man sich von Anfang an einig - nicht aber in jedem Fall über die Konsequenzen daraus.
Viele Worte, wenig Taten
Die Bilanz der seit Stockholm vergangenen fünf Jahre fällt nüchtern aus. Von den 122 damals vertretenen Staaten haben nur 34 einen spezifischen Aktionsplan erstellt, weitere 26 arbeiten daran. Immerhin 21 Staaten haben Gesetze verabschiedet, die es ihnen erlauben, Sex-Touristen nach der Rückkehr in die Heimat vor Gericht zu stellen. In Deutschland gab es bisher allerdings zwischen 1993 und 1998 insgesamt nur 50 Verfahren mit zehn Verurteilungen.
In Yokohama ist deshalb immer wieder zu hören: Möglichst viele Staaten müssten sich auf grenzüberschreitende Strafverfolgung sowie auf eine weltweite Vereinheitlichung des Schutzalters auf 18 Jahre einigen. Minderjährige Prostituierte sollten geschützt und dürften nicht mehr abgeschoben werden. “Für Täter und Profiteure darf es keine Schlupflöcher mehr geben”, verlangt Unicef-Botschafter Roger Moore. Das schließt aber auch ein, zu fragen, warum die Kinderpornographie heute so viel Platz in der menschlichen Fantasie erobert.
Missbrauch in Zahlen // Zahlen über sexuelle Ausbeutung sind nur geschätzt - seriöse Institutionen wie Unicef oder Terre des Hommes geben sie auf Basis ihrer Projektarbeit in vielen Ländern heraus. Unicef geht davon aus, dass mehrere Millionen Kinder kommerziell sexuell ausgebeutet werden. In den vergangenen Jahrzehnten seien allein in Asien mehr als 30 Millionen Frauen und Kinder Opfer von Menschenhändlern geworden.
Länderbeispiele: In Kambodscha ist rund ein Drittel aller Sex-Arbeiterinnen zwischen zwölf und 17 Jahren alt. In Litauen sollen zwischen 20 und 50 Prozent der Prostituierten minderjährig sein. In Albanien verkaufen 30 000 Kinder ihre Körper. In den USA schätzen die Behörden, dass jährlich 45 000 bis 50 000 Kinder und Frauen in das Land verkauft werden.
QUELLE: UNICEF; BERLINER ZEITUNG/PUSCH Minderjährige Prostituierte (Brasilien, Thailand, Indien, USA, Ost- und Mitteleuropa, Philippinen, Sri Lanka).
REUTERS/CHOR SOKUNTHEA Jugendliche Prostituierte aus Vietnam in Phnom Penh, Kambodscha. Nach Angaben der dortigen Frauenministerin werden viele Sex-Arbeiterinnen von organisierten Händlern ins Land geschmuggelt. Man verspricht ihnen gute Jobs. Einmal in Kambodscha, müssen sich die jungen Frauen und Männer als Prostitutierte verdingen, um die Schulden zu bezahlen.
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