Samstag, 08, November 2003
Prag über Studie zu Kinderprostitution empört
Tschechiens Regierung fordert Beweise / Unicef verteidigt die Ergebnisse Von Heiko Krebs
Prag – Die Autorin der Studie „Kinder auf dem Strich“, Cathrin Schauer, sieht sich der Forderung nach Beweisen für ihren Vorwurf ausgesetzt, wonach im deutsch-tschechischen Grenzgebiet bei Cheb (Eger) massenweise Minderjährige und Kleinkinder zum sexuellen Missbrauch angeboten würden. Sollte der Bericht nicht mit Beweisen belegt werden, erwarte er von den Verantwortlichen des deutschen Sozialprojekts „Karo“ eine Entschuldigung, erklärte Tschechiens Innenminister Stanislav Gross. Sein Ministerium kündigte zudem rechtliche Schritte an, sollten die Sozialarbeiterinnen von „Karo“ selbst Straftaten begangen haben, indem sie beobachtete Fälle der Polizei nicht meldeten und nicht versuchten, sie zu verhindern.
Tschechische Behörden reagieren in der Regel schroff auf Kritik von deutscher Seite. Aber selbst tschechische Sozialarbeiter vom Projekt „Time of Life for Street“ in Cheb halten die Angaben von „Karo“ für übertrieben. Auch Bundesinnenminister Otto Schily hatte unlängst erklärt, dass die Beschuldigungen ohne Beweise ihren Sinn verlören. Schauers Studie dürfe nicht als wissenschaftliche Analyse verstanden werden, erklärte hingegen die Sprecherin der tschechischen Sektion des Kinderhilfswerks Unicef, Pavla Gomba, der Süddeutschen Zeitung. Es handele sich lediglich um „persönliche Erkenntnisse“.
Schauer und ihre Mitarbeiterinnen habenseit 1996 in Cheb Sozialarbeit für Prostituierte geleistet. Grundlage für ihre jetzt als Buch herausgegebene Studie sind vor allem Interviews mit 40 Kindern. Die angeführten Zahlen – die Rede ist von 500 Kindern – und Formulierungen, wonach selbst Babys von Zuhältern den Pädophilen ins Auto gereicht werden, sind allerdings nicht neu. Bereits vor zwei Jahren war Schauer damit an die Öffentlichkeit getreten. Die Stadt Cheb sah damals ihren Ruf beschädigt und kündigte die Zusammenarbeit mit den deutschen Sozialarbeiterinnen auf.
„Das Problem wird aber immer wieder hochkommen, solange man nichts dagegen unternimmt“, betonte Unicef-Sprecherin Gomba. Man dürfe die Augen nicht davor verschließen, dass es in Tschechien Kinderprostitution gebe. Die Verbrechen geschähen allerdings im Verborgenen. „Wenn man durch die Straßen von Cheb geht, wird man kein Kind finden, das zum Missbrauch verkauft wird“, erläuterte Gomba. „Die Kinder werden von Eltern und Geschwistern in Wohnungen angeboten, man findet sie nicht in den Bordellen.“ Allerdings sind in Tschechien offiziell nur sieben Fälle von Kinderprostitution aufgedeckt worden. Die neu entfachte Diskussion bewertete die Unicef-Mitarbeiterin positiv. Als Sozialarbeiter schon vor Jahren die zuständigen Behörden und die Polizei darauf aufmerksam gemacht hätten, seien sie stets nur vertröstet worden, kritisierte sie. Unter dem jetzigen Druck der Medien zeichneten sich tatsächlich wirksame Schritte der Polizei gegen Zuhälter und Kinderschänder ab.
http://www.sueddeutsche.de/sz/politik/red-artikel1048/
08.11.2003
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