Montag, 03, November 2003
Pornoringe ziehen immer größere Kreise
Dresden. Wunderschöne Aufnahmen von russischen Wäldern, stimmungsvolle Bilder und romantische Landschaftsszenen. Dann ein abrupter Riss. Plötzlich nackte Kinder, die so grausam missbraucht werden, “dass es sich niemand vorstellen mag”. Der Fahnder des Landeskriminalamtes in Dresden geht bei seiner Schilderung nicht ins Detail und schüttelt nur den Kopf.
Tag für Tag wühlen sich vier, demnächst sogar fünf, Mitarbeiter des Dezernats Kinderpornographie durch Berge von Videos, die “Charmante Cousinen” oder “Brillant Boys” heißen, aber manchmal als Versteck für brutale, illegale Aufnahmen dienen. Sie durchkämmen Festplatten voller Ekelfotos, 600F000 Bilddateien allein in diesem Jahr. Mal nur Pornographie, oft aber auch brutaler Kindesmissbrauch, dargestellt in schmuddeligen Videos mit Schummerlicht.
Über 300 Ermittlungsverfahren werden es in diesem Jahr im Freistaat, sagen die Beamten, die ungenannt bleiben müssen. 300 Menschen in Sachsen, die Kinderpornos beschaffen, besitzen, verbreiten oder gar Kinder sexuell missbrauchen. Die Dunkelziffer, so heißt es im LKA, liege noch 30-mal höher. “Manchmal sehen wir schon Säuglinge unter sechs Monaten”, sagt eine Fahnderin. “Und das verfolgt die Kinder ein Leben lang.” Einer der größten Fälle wurde erst Ende September bekannt: Bei der Aktion “Marcy” sprengten die Ermittler 38 Kinderporno-Zirkel, durchsuchten über 500 Wohnungen und stellten zigtausende CD-Roms, Rechner und Disketten sicher. Die Spuren führten zu 26 500 Pädophilen in 166 Ländern fast aller Kontinente.
Die Täter seien meist Männer, alle Berufsgruppen und jedes Alter sei dabei. “Wer in einen Ring aufgenommen werden will, muss selbst Material beibringen”, sagt LKA-Sprecher Lothar Hofner. So sichern sich die geschlossenen Ringe ab und ziehen immer größere Kreise. Meist würden die Beteiligten hoffen, anonym zu bleiben. Ein großer Irrtum. “Die Computer hinterlassen im Internet Spuren, die uns zum Nutzer führen”, sagt Hofner.
Die Büros der LKA-Fahnder sehen aus wie in jeder Straßenverkehrsbehörde: Schlichter Schreibtisch, Computer, Palme, Hundeposter an der Wand. “Man darf das nicht an sich ranlassen”, sagen die Leute vom LKA. Sie versuchen, die Fälle zu bearbeiten, wie einen banalen Aktenvorgang. Obwohl sie manchmal der Zorn packt. “Im Unterbewusstsein”, das wissen die Leute vom “KiPo”-Dezernat, “gärt das weiter”. Sie hatten mal einen Fall, in dem ein Mann mit versteckter Kamera im Hut Aufnahmen am FKK-Strand machte. “Da guckt man beim Baden schon anders”, erzählt eine Beamte, die selbst Kinder hat. Und ihr Kollege ergänzt: “Manche Täter fangen bei Sandburgen an. Doch die Perversion steigert sich immer weiter.”
Den größten Teil des weltweit verbreiteten Materials, das sie täglich sichten, kennen die Fahnder schon. Nur ab und zu tauchen neue Gesichter und Körper auf. Dann wird das Bundeskriminalamt informiert und mitunter ein neues Verfahren eingeleitet. Die Fallzahlen steigen seit Jahren. Allerdings auch, weil die Technik der Ermittler langsam besser wird und weil aufmerksame Internet-Surfer häufiger die Kripo alarmieren.
Es solle sich aber niemand als Privatdetektiv versuchen. “Wer sich solche Dateien beschafft, belebt den Markt und macht sich strafbar”, warnt Hofner. Für Funde von Kinderpornos gelte nur eins: Internet-Adresse notieren und sofort bei der Polizei Bescheid sagen.
Sven Heitkamp
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