Dienstag, 07, Oktober 2003
Polizeiaktion «Marcy» geht in die Verlängerung
Verdächtige im Bundespräsidialamt und noblem Internat
VON Jan Wätzold, 07.10.03,
Halle/MZ. Die Mitglieder der weltweit über das Internet agierenden Kinderpornografie-Szene geraten aufgrund der von Sachsen-Anhalt ausgehenden Ermittlungen immer mehr unter Druck. Nachdem bereits zum Auftakt der von der Staatsanwaltschaft Halle und dem Magdeburger Landeskriminalamt (LKA) eingefädelten Operation «Marcy» vor zwei Wochen allein in Deutschland mehr als 500 Wohnungen und Büros durchsucht worden waren, geraten nun immer neue Verdächtige ins Visier der Fahnder.
Eine erste Auswertung der sichergestellten Datenträger hat allein bei der in Halle ansässigen Zentralstelle zur Bekämpfung der Kinderpornografie zu Ermittlungen gegen 200 bislang unbekannte Verdächtige geführt.
“Es scheint, als haben wir mit der Operation eine Lawine losgetreten”, sagte Oberstaatsanwalt Peter Vogt gestern auf MZ-Anfrage. Fast jede Durchsuchung fördere neue Namen und Internet-Adressen zu Tage. Ob die Ermittler nicht befürchten müssten, im Eifer des Erfolgs womöglich Unschuldige zu kompromittieren? “Bislang sind nur zwei Fälle bekannt geworden, in denen Außenstehende ins Visier gerieten”, so der Zentralstellen-Leiter. Überdies werde mit den Personalien aller mutmaßlichen Tauschpartner diskret verfahren.
Trotz der von vielen Dienststellen verhängten Nachrichtensperre sind in den vergangenen Tagen einige Fälle bekannt geworden. Darunter der eines Musiklehrers aus Baden-Württemberg, dem jetzt nicht mehr nur der Besitz verbotener Bilder und Filme vorgeworfen wird. Darüber hinaus steht der Mann im Verdacht, von ihm eingeladene Kinder aus Tschernobyl (Ukraine) missbraucht zu haben. Der 35-jährige Pädagoge wurde ebenso festgenommen wie ein Kollege aus demselben Bundesland.
Ebenfalls in Baden-Württemberg steht nach MZ-Informationen der Mittelstufen-Koordinator eines renommierten Internats unter dringendem Tatverdacht. Der Mann soll noch im Urlaub sein. Bestätigt wurde unterdessen die Beurlaubung eines Polizisten aus der Wachmannschaft von Bundespräsident Johannes Rau. Dem 35 Jahre alten Beamten des Bundesgrenzschutzes drohe die Entlassung, so ein Behördensprecher.
Die Operation “Marcy” war nach dem Fund eines umfangreichen Adressverzeichnisses auf dem Computer eines Magdeburgers ein Jahr lang vorbereitet worden.
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