Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Donnerstag, 11, September 2003

Missbraucht - hier finden die Opfer Hilfe

“Notruf”: 1500 Gespräche führten Beraterinnen im vergangenen Jahr.

Susie ist 14, als sie den blanken Horror erlebt: Ein älterer Nachbar, bis dahin unbescholten, stets freundlich und zurückhaltend, lauert ihr auf dem Nachhauseweg auf, zerrt sie in ein Erdloch. Vergewaltigt, tötet sie.

Diese grausige Geschichte ist zum Glück nur Fiktion, die Schlüsselszene des Romans von Alice Sebold “In meinem Himmel”, aus dem die Hamburger Autorin Peggy Parnass heute, 19.30 Uhr, lesen wird. Die Veranstaltung ist Auftakt einer Lesereihe zu Gunsten der Beratungsstelle “Notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen”, Beethovenstraße 60, Tel. 25 55 66, (E-Mail: ).

Die drei Beraterinnen dieser inzwischen fast 23 Jahre alten Einrichtung setzen sich tagtäglich mit den schlimmsten Fällen von Vergewaltigungen auseinander. Ihre Beratungsstelle ist die einzige in Hamburg, bei denen betroffene Mädchen und Frauen Hilfe finden - etwa in akuter Krisensituation direkt danach oder während Gerichtsverhandlungen.

“Jeden Tag gehen bei uns ein bis acht Anrufe von Frauen ein, die vergewaltigt wurden”, sagt Gudrun Orthmannm (59), Diplom-Pädagogin und Beraterin. 350 Mädchen und Frauen meldeten sich allein im vergangenen Jahr, sprachen beim “Notruf” erstmals über das, was sie erleiden mussten. 1500 Telefongespräche mit Betroffenen führten die Beraterinnen insgesamt. Das entspricht einem Anstieg von 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die Zahlen sind erschreckend. Etwa 500 Vergewaltigungen werden jedes Jahr in Hamburg angezeigt. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Expertinnen vom “Notruf” schätzen, dass die Zahl der tatsächlichen Fälle zwischen 2500 und 8000 liegt. Dass sich immer mehr Frauen beim “Notruf” melden, werten die Mitarbeiterinnen einerseits als Erfolg ihrer Arbeit, andererseits bringt es sie an persönliche Grenzen: “Unsere Kapazitäten sind ausgereizt”, sagt Gudrun Orthmann: “Wir bräuchten dringend eine weitere Mitarbeiterin.”

Tatsächlich aber kämpft die Einrichtung jedes Jahr aufs Neue ums bloße Überleben. Die 176 000 Euro, die die Behörde für Soziales und Familie jedes Jahr überweist, reicht gerade für die Gehälter der drei Beraterinnen. Nicht aber für den größten Teil der Betriebskosten sowie die Verwaltungskraft. Bleibt ein Loch von 80 000 Euro, das durch Spenden und Zuschüsse von Stiftungen geschlossen werden muss. Orthmann: “Uns bleibt nur Klinkenputzen.”

Die meisten, die kommen, sind Opfer so genannter Beziehungstaten: Der Vergewaltiger ist ein Mann, den die Frauen kannten, manchmal erst ein paar Stunden. Immer öfter kommen ganz junge Mädchen zum “Notruf” - solche, die sich beim Disco-Besuch verknallt haben und bereits auf dem Nachhauseweg auf grausamste Weise erleben müssen, wie der Typ mit dem süßen Lächeln zum Monster mutiert. Oder Mädchen, die auf Feten von Jungs aus der eigenen Clique vergewaltigt werden.

Frauen, die von Unbekannten überfallen werden, sind seltener. Sie werden von ihrem Umfeld allerdings leichter als Opfer anerkannt, sagt Orthmann. Doch ganz gleich, ob Jung oder Alt oder auf welche Weise sie ihr Trauma erlebten: Alle sind gebeutelt von Schuld- und Schamgefühlen, die die Demütigung der Vergewaltigung, das Entwürdigende der Tat und das Gefühl des grenzenlosen Verletztseins noch verstärken: “Das werden die Mädchen und Frauen nie wieder los”, sagt Gudrun Orthmann: “Wir können ihnen nur helfen damit zu leben.” kg

erschienen am 11. Sep 2003 in Hamburg

Quelle:

http://www.abendblatt.de/daten/2003/09/11/206566.html

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Gepostet von am 09/11 um 02:06 AM

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