Mittwoch, 12, November 2003
Kinder auf dem Strich
Tschechische Politiker dementieren – doch vor Ort zeigt sich die abstoßende Wahrheit.
Einen solchen Aufruhr um ein Buch hat es in Tschechien noch nicht gegeben. Die Politiker sprechen von Verunglimpfung des Landes. Vertreter von Hilfsorganisationen beschuldigen die Autorin des Betrugs. Die Polizei denkt über die Einleitung eines Strafverfahrens gegen sie nach. Und das alles, wegen eines Buchs: In „Kinder auf dem Strich – Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze“ hat die deutsche Autorin Cathrin Schauer das Grenzgebiet als eine Region beschrieben, in der die Kinder-Prostitution blüht (siehe Infokasten auf dieser Seite). Die Tschechen dementieren beinahe einstimmig und verlangen Beweise von Schauer. Doch jeder, der einmal im Grenzgebiet des westlichen ehemaligen Sudetenlandes war, sieht: Es ist nicht gerade das Schaufenster des tschechischen Kapitalismus.
„Kinderprostitution? Die gab es hier, aber die gibt´s jetzt nicht mehr.“ Der Mann im Unterhemd, der sich aus dem Fenster eines Mietshauses am Stadtrand von Cheb lehnt, schaltet sich gern in die Unterhaltung ein. Ein später Nachmittag, vor den zerfallenden Häusern herrscht reges Leben: Kinder rennen zwischen den parkenden Autos, am Treppenaufgang halten ein paar Frauen ein Schwätzchen. Auch sie schütteln verneinend den Kopf: „Wir kennen niemanden, der hier von Prostitution lebt.“
Der Mann im Fenster fügt spöttisch hinzu: „Wir sind jetzt andersgläubig. Jetzt sind wir evangelisch. Gott würde uns solche Dinge nicht verzeihen. Früher waren wir katholisch und deshalb war das egal.“ Wir sind an einem der Orte, an dem sich Touristen angeblich Kinder für Sex kaufen können.
Zehn Uhr am Abend: Am Aufgang vor dem Haus stehen fünf Mädchen, alle um die 13, und ein kleiner Junge. Durch die nasskalte Nacht dringt ihr Gesang. Zwei junge Männer beobachten vom Eingang aus die Gruppe. Plötzlich verschwinden alle: Die Männer im Eingang, die Kinder im Schatten hinter dem Haus. Ein Polizeiauto fährt die Straße entlang. Es biegt um die Ecke, die Kinder kehren zurück. Sie setzen sich am Hauseingang gegenüber auf die Treppe und winken den Autos mit deutschen Kennzeichen zu, die vorbeifahren.
Eine erfahrene 25-jährige Prostituierte aus Cheb gibt Einblicke in die Szene, die in dem Buch von Cathrin Schauer beschrieben wird. Das magere Mädchen weiß alles über das Leben auf der Straße, sie lebt von Prostitiution, seit sie 17 ist. Sie erzählt gerne, aber nur unter der Bedingung, dass ihr Name und der Ort, an dem die Unterhaltung stattfindet, nicht genannt wird. „Nennen sie mich einfach Mirka, das gefällt mir.“
Îhre zerrissene Erzählung klingt wie die Nachricht aus einer anderen Welt. Schwer zu sagen, was wahr ist und was nicht. „Ich bin ein einem Heim aufgewachsen. Ab zwölf war ich dann bei Pflegeeltern. Dort habe ich dann das Familienleben kennengelernt. Das liebe Väterchen hat angefangen, mich zu vergewaltigen. Mit vierzehn habe ich dann ein Kind bekommen.“ Das schwangere Mädchen flüchtete von den Pflegeeltern zu seiner richtigen Familie: „Sie haben mich verdroschen. Ich kam ins Krankenhaus und dann wieder ins Heim.“ Ihr Sohn blieb bei den Pflegeeltern. „Ich hab dann einen anderen Kerl gefunden und habe zwei Kinder mit ihm.“
Von der jüngeren Tochter weiß Mirka nur, dass „sie im Krankenhaus geblieben ist, weil sie Atemprobleme hatte“, die ältere lebt angeblich bei ihrem Vater. „Ich möchte die Kinder auch nicht bei mir haben, was soll ich mit ihnen. Mein Zuhause ist der Bahnhof, die erste Bank“.
Im Unterschied zu den anderen Einwohnern spricht Mirka offen über die Kinderprostitution. Kinder auf dem Strich sehe sie regelmäßig. Sie erinnert sich, wie sie das zum ersten Mal sah: „Ein Deutscher hielt an und fragte – wieviel? Da kommt ein Mädchen, so um die sieben und sagt: Willst du Sex? Und er: Ich will die Kleine haben. Ich konnte es nicht glauben – ich hab ihn angeschrien: Hau ab! Und er ist weggefahren.“
Kinderprostitution – das überrascht sie heute schon nicht mehr. „Die Deutschen fragen mich nach Kindern“, erzählt Mirka. „Ob ich sie ihnen…? Darauf antworte ich nicht.“ Aber sie sagt: Mit dem Verkuppeln von Kindern kann man sehr viel mehr Geld machen, als wenn man sich selbst verkauft. „Ob mir die Kinder leid tun? Sie tun mir leid. Aber wenn ich auf den Strich gehe, kann ich nicht daran denken, da muss ich mich um mich selbst kümmern.“ Und nach einem Moment Nachdenken fügt sie hinzu: „Meine Kleine war zwei Jahre alt, als sie missbraucht wurde. In einer Wohnung. Ein Vater fuhr mit dem Mädchen dahin, mit meinem. Und ich war dabei.“
Das alles kann man an einem Abend in Cheb sehen und hören.
Keiner der scharfen Kritiker des Buches von Schauer hat das Buch gelesen. Und hätte es nicht Christine Rau, die Frau des deutschen Präsidenten präsentiert, hätte es wohl niemand wahrgenommen. Das Buch wurde von dem deutschen Zweig der UNICEF herausgegeben, deren Schutzherrin die Frau des Präsidenten ist. „Wenn die Frau des deutschen Präsidenten so etwas sagt, spielt sich das auf der diplomatischen Ebene ab. Das ist etwas ganz anderes, als wenn das irgendeine Hilfsorganisation sagt“, erklärt Jitka Gjurièová, Abteilungsleiterin des Innenministeriums.
Deshalb reagierte ihr Chef, Innenminister Stanislav Gross (Sozialdemokratische Partei), auf eine Art, die nichts mit dem Buch und den Ursachen der darin beschriebenen Probleme zu tun hat: „Wir werden von unseren deutschen Kollegen Beweise fordern.“ Und Ivan Langer, Schattenminister des Inneren von der bürgerlichen Oppositionspartei ODS, entfernt sich noch weiter vom Problem: „Wir dürfen nicht zulassen, dass der gute Name der Tschechischen Republik derart von den deutschen Nachbarn beschmutzt wird.“ Auch in Cheb ärgert man sich. Bürgermeister Jan Svoboda sagt: „Das schadet uns. Vielleicht wäre es am besten, wenn wir im Austausch jemanden nach Hamburg schicken und erkunden, wie es dort mit der Kinderprostitution steht. Und dann sagen – wir helfen euch.“
„Wir haben nicht erwartet, dass das Buch eine derartige Reaktion hervorruft. Angemessen wäre, sich darauf zu einigen, dass dies ein ernstes Problem ist und sich darum zu kümmern, was man unternehmen soll“, sagt Pavla Gombová, Leiterin der tschechischen Niederlassung von UNICEF. „Wir bedauern, dass Kinderprostitution in den Medien entweder als billige Sensation oder als politisches Problem erscheint.“
Dabei hatte sich die deutsche UNICEF mit der Veröffentlichung vor allem an die deutsche Regierung gewandt. Sie wollte zweierlei erreichen: erstens eine grundlegende Studie über die Kinderprostitution im Grenzgebiet. „Solche eine Analyse fehlt bislang. Das Buch von Frau Schauer will keine Analyse sein, es will nur darauf aufmerksam machen, dass die Kinderprostitution existiert. Und das ist ihr gelungen“, sagt Pavla Gombová. Und zweitens sollte die deutsche Polizei enger mit ihren tschechischen Kollegen zusammenarbeiten. Oder wie Gambová sagt: „Man muss die Übeltäter ausfindig machen, sie überführen und bestrafen.“
Das ist nicht so einfach, wie Ludmila Irmscher zu berichten weiß. Ludmila Irmscher, geborene Slowakin, ist Mitarbeiterin von Cathrin Schauer und hat die im Buch aufgeführten Interviews übersetzt. „Da kam einmal eine erwachsene Prostituierte zu mir und sagte – der Kerl, der gerade bei mir ist, will ein kleines Mädchen. Der Mann hat dann offen zugegeben, dass das so ist. Er hat sich so verteidigt: Ich brauche keine Therapie von Ihnen. Jeder macht das, also will ich das auch mal probieren. Daheim habe ich eine dicke Frau, ich brauche was Zarteres. Er sei sozusagen wie ein Sammler von Porzellan, der ein wertvolles Stück suche.“ Sie sei dann zur Polizei gefahren, sagt Ludmila Irmscher. Auf der Polizeiwache habe sich der Mann genauso aufgeführt: „Er hat denn Polizisten egsagt – ihr seid doch auch Kerle, sagt mir doch nicht, dass ihr noch nie an kleine Mädchen gedacht habt.“ Die Polizei übergab ihn den deutschen Kollegen, doch die ließen ihn laufen: „Man konnte ihm nichts nachweisen, solange es nicht zum Geschlechtsverkehr gekommen ist“, sagt Ludmila Irmscher.
Genauso schwierig ist es, die Opfer zum offenen Reden zu bringen. „Sie wollen nicht aussagen, sie haben Angst. Und das Hauptproblem ist – sie betreiben das meist zusammen mit den Eltern, älteren Verwandten, mit jemandem der ihnen nahe steht. Sie wollen nicht gegen die eigene Familie aussagen“, sagt Pavla Gombová.
Es ist schon schwierig, Kindern soviel Vertrauen zu vermitteln, dass sie ganz einfach erzählen, was sie erdulden. „Als vor anderthalb Jahren ein Artikel über Kinderprostitution in der Süddeutschen Zeitung erschien, habe ich alle angesprochen – Sozialarbeiter, Lehrer, Psychologen. Ich habe gefragt – kennen sie so einen Fall?“, sagt Jitka Gjurièová, die schon zitierte Abteilungsleiterin aus dem Innenministerium. Das Ergebnis: „Nicht einer wurde mir gemeldet.“ Und deswegen geht das Ministerium davon aus, dass es in Tschechien nicht sehr viel mehr als die sieben Fälle von Kinderprostitution gibt, welche die Polizei im vergangenen Jahr aufklärte.
Die Cheber Prostituierte Mirka hat da andere Erfahrungen: „Sozialarbeiter? Die wissen überhaupt nichts. Die müssten sich mehr Zeit für ein Kind nehmen, lange mit ihm reden. Dann würde man anfangen, ihnen zu vertrauen.“ Auf die Frage, ob man nicht Hilfsorganisationen beauftragen solle, sich um Risikofamilien zu kümmern, antwortet der Bürgermeister von Cheb: „Das ist eine interessante Idee. Aber der sind leider durch unsere finanziellen Möglichkeiten Grenzen gesetzt.“
Vielleicht ärgern sich tschechische Politiker und Beamte gerade deshalb so über dieses Buch und seine Autorin, weil es so schwierig ist, die Wahrheit zu ergründen. „Kinderprostitution ist schwer aufzuklären“, bekennt der Bürgermeister von Cheb. „Was können wir denn gegen sie machen? Alle Pädophilen schriftlich auffordern, das zu lassen?“
Die Politiker versichern lieber, dass es kein Problem gibt, als sich an die – zugegebenermaßen schwierige – Lösung des Problems zu machen.
Eine Rolle spielt auch, dass Kinderprostitution häufig in Roma-Familien vorkommt. Die Gleichgültigkeit gegenüber deren Problemen drückt am besten eine E-mail aus, die der tschechischen Niederlassung von UNICEF zugeschickt wurde: „Ich kenne keinen Kindesmissbrauch. Ich kenne nur zwölfjährige Zigeunerinnen, die sich verkaufen.“
Innenminister Stanislav Gross drohte, die Buch-Autorin anzuzeigen, weil sie Straftaten, von denen sie wusste, nicht angezeigt habe. „Wir können mit einem Kind, das uns so etwas mitteilt, nicht zur Polizei gehen. Das wäre Verrat – es darf eigentlich nicht darüber sprechen und sagt uns das nur, weil es uns vertraut“, sagt Ludmila Irmscher dazu
Die Leiterin des tschechischen UNICEF-Büros Pavla Gambová hält die Anschuldingen des Innenministers für absurd: „Am Ende wird nur einer wegen Kinderprostitution bestraft – derjenige, der davor gewarnt hat.“
Die Autoren sind Mitarbeiter der tschechischen Wochenzeitung Respekt, in der dieser Beitrag zum ersten Mal veröffentlicht wurde.
Von Hana Èápová und Marek Švehla
12. 11. 2003, Themenbereich: Politik
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