Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Montag, 07, Juli 2003

Keiner hat Angst vor dem netten Mann

Das Kindergarten-Projekt “Flipsy und Kasimir” soll sexuellem Mißbrauch von Kindern vorbeugen / Von Karin Truscheit

WERNAU, im Juli. Der schwarze Mann ist immer der Gärtner. Doch vor dem “Gärtner” hat man keine Angst - Erwachsene genausowenig wie Kinder. Also warnt man seine Kinder auch nicht vor dem “Gärtner”. Aber wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Jeder. So ist es der ominöse “schwarze Mann”, der “Fremde”, der ungepflegte Einzelgänger, mit dem Kinder nicht mitgehen, von dem sie nichts annehmen, vor dem sie schnell weglaufen sollen. Denn der “schwarze Mann” ist derjenige, der die kleinen Kinder ißt. Doch der Mörder ist immer der Gärtner.

Weder die Warnung vor dem “Fremden” noch die vor dem volkstümlichen “schwarzen Mann” taugen dazu, Kinder zu schützen. Doch darauf greifen die meisten Eltern zurück, aufgeschreckt durch Meldungen wie “Triebtäter fängt Kinder von der Straße weg”. Sexualmorde an Mädchen und Jungen, im öffentlichen Bewußtsein verbunden mit Opfernamen wie Nelly, Ulrike, Tom und Sonja, sind indes selten - so schrecklich jeder einzelne Fall ist. Seit den siebziger Jahren hat die Zahl der Sexualmorde an Kindern sogar abgenommen. Die Wahrnehmung ist heute aber folgende: “Man kann seine Kinder nicht mehr alleine auf die Straße lassen.” Man kann. Allerdings sollte man sich vergegenwärtigen, daß “sexueller Mißbrauch” viele Formen haben kann - von der Vergewaltigung bis zum einmaligen “Betatschen” oder exhibitionistischen Handlungen. In Baden-Württemberg hat die Polizeidirektion des Landkreises Esslingen daher ein Programm ins Leben gerufen, das in Deutschland wohl einmalig ist: Das Präventionsprojekt “Flipsy und Kasimir” für Kindergartenkinder. Eltern und Erzieher werden über Täterstrategien, Kinder in der Phase, in der sich ihr Sozialverhalten verfestigt, über bestimmte Verhaltensweisen aufgeklärt. Das Projekt verlangt nicht viel: Zwei Handpuppen, erfahrene Polizisten - und seriöse Aufklärung.

Die beginnt auf harten Kinderstühlen. Seit Stunden sitzen in Wernau 50 Mütter und Väter auf einem Informationsabend im Kindergarten hochkonzentriert und kleingekrümmt auf den Zwergenstühlen. “Was machen Sie, wenn Sie ins Badezimmer kommen, und Ihr Mann sitzt mit erigiertem Glied neben ihrer Tochter in der Badewanne?” Schweigen, Räuspern, Handtaschen werden auf- und zugemacht. Polizeiobermeisterin Ulrike Winter, der aus langen Jahren als Jugendsachbearbeiterin nichts Menschliches fremd ist, muß Tabus brechen, um Klischees zu korrigieren. Und in Wernau, einer ordentlichen Gemeinde, in der die Vorgärten so scheckheftgepflegt sind wie die Autos, bleibt die Schockwirkung nicht aus. “75 Prozent aller Mißbrauchsfälle passieren im sozialen Nahraum. Papa, Onkel, Cousin, die Nachbarin, der Mann von der Lotto- Annahmestelle.”

Die Väter reagieren zunächst empört. “Darf ich jetzt nicht mehr mit meinem Kind kuscheln?” - “Natürlich, auch das gemeinsame Baden ist nicht das Problem, sondern die Absicht dahinter”, sagt Ulrike Winter, die das Projekt “Flipsy und Kasimir” seit zwei Jahren leitet. “Wenn jemand zu dem Mädchen in die Wanne steigt, um sich daran zu erregen, ist das ein Problem.” So sei nicht die “körperliche Reaktion” des Mannes ausschlaggebend, das könne schließlich passieren. “Es geht um das Warum.” Dann stellt sie klar, daß es “den Tätertyp” nicht gibt, daß es Männer und Frauen sind, die Kinder mißbrauchen, daß es kaum um Sexualität und immer um Macht geht, daß es ein Irrglaube ist zu meinen, Eltern würden “sofort spüren, wenn meinem Kind etwas angetan worden wäre”.

Täter haben viele Strategien. Das kann der nette, ältere Herr im Schwimmbad an der Wasserrutsche sein, der immer hilfreich mit anfaßt, wenn ein Kind herunterrutscht. “Sehen Sie, wenn er unter Wasser in die Badehose greift?” Das kann der nette Nachbar sein, der die Kinder darum bittet, mal kurz die Einkaufstüten mit nach oben in seine Wohnung zu tragen. “Wird Ihr Kind Ihnen erzählen, wenn es sich bei dem netten Herrn Fotos von nackten anderen Kindern angucken sollte und dafür ein Eis bekommen hat?” Die Beispiele sollen immer wieder darauf hinweisen, daß Entführung und Mord die Ausnahme und Annäherungsversuche immer noch selten, aber wahrscheinlicher sind. Sexueller Mißbrauch ist für viele immer noch Schmuddelkram, der nicht der eigenen Wirklichkeit zugehört, mit dem man sich höchstens angeekelt während der Abendnachrichten auseinandersetzt. “Die Unsicherheit der Leute schützt auch die Täter. Man schiebt weg, verdrängt, denkt sich: ,Das betrifft uns nicht’”, sagt Ulrike Winter. Das Anzeigeverhalten bei Fremdtätern liegt bei 1:1, bei Tätern im “sozialen Nahraum” bei 1:10. “Es wird immer eher der Fremde angezeigt als der Pastor.” Mütter und Väter können einiges dagegen tun. Eltern sollten ihren Kindern so früh wie möglich klarmachen, daß sie allein über ihren Körper bestimmen, daß niemand das Recht hat, sie gegen ihren Willen anzufassen. “Schon Vierjährige müssen lernen, ,nein’ zu Erwachsenen zu sagen.” - “Wie soll man das anstellen?”, fragt eine Mutter. Man müsse ihnen natürlich nicht den “Tatbestand Mißhandlung” erklären, niemand wolle den Kindern Angst einjagen, sagt die Polizistin. Kinder sollen aber wissen, daß sie sich nicht von allen küssen, drücken, streicheln lassen müßten.

Dazu gehört auch eine altersgerechte Sexualaufklärung. Nach Angaben von Pädagogen sollen Kinder mit vier bis fünf Jahren über Geschlechtsunterschiede Bescheid wissen, mit sechs bis sieben Jahren sollen sie wissen, wie Kinder gezeugt werden. Wenn die Kinder wüßten, daß mit Sexualität etwas Positives verbunden sei, stelle das einen Schutzmechanismus dar. “Kinder merken genau, was der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Körpergefühl ist.” Denn das gesteigerte Körper- und Selbstbewußtsein erschwert es Tätern, diese Kinder zu Opfern zu machen - meist suchen sich Sexualstraftäter schüchterne und schwache Kinder aus.

Der sexuelle Mißbrauch gründet auf Geheimnisse. “Machen Sie Ihren Kindern klar, daß es gute und schlechte Geheimnisse gibt.” Gute Geheimnisse seien zum Beispiel “die Verstecke für Papas Weihnachtsgeschenke”. Ein schlechtes Geheimnis seien Dinge, mit denen Kinder ein “schlechtes Gefühl” verbänden - zum Beispiel, weil jemand dem Kind droht: “Wenn du etwas sagst, dann stirbt dein Meerschweinchen.” Dazu gehört auch, daß Kinder genau wissen, wer für sie als “fremd” zu gelten hat. “Für Kindergartenkinder sollte dieser Kreis sehr überschaubar sein: Mama, Papa, Oma, Opa, vielleicht noch eine Tante oder ein Nachbar.” Alle anderen hätten als “fremd” zu gelten - der wirklich “Fremde” genauso wie der Mann vom Kiosk. “So wissen die Kinder, daß sie nicht mit anderen mitgehen dürfen, auch wenn sie diese schon oft gesehen haben und beim Namen kennen.

Auch die Autorität “Polizei” muß von den Kindern richtig erkannt werden. Die Mörder von Tom und Sonja haben sich bei ihren Opfern mit Videotheksausweisen als Polizisten ausgegeben. Ulrike Winter kommt in Uniform in die Kindergärten, wenn sie “Flipsy und Kasimir” vorführt. “Was gehört alles zur Polizei?” Dutzende Drei- und Vierjährige zählen auf: Mütze, Wappen-Abzeichen, Jacke, natürlich die Pistole und das grüne Auto. Die Polizistin ist zufrieden, die Vorstellung beginnt. Die pinkfarbene Handpuppe Flipsy, das Mäusekind, ist vom Kindergarten auf dem Weg nach Hause. Der Kater Kasimir spricht sie an: “Du bist aber ein nettes Mäusekind, wie heißt du denn?” Der Kater sieht nett aus. Also bleibt Flipsy stehen und nimmt gerne das Stück Käse an, obwohl sie das nicht darf, “das sagt die Mama”. - “Ich bin nicht fremd, wir unterhalten uns doch so nett, außerdem bleibt das unser Geheimnis, ich verrate dich nicht.” Flipsy nimmt den Käse, Kasimir will mehr. “Im Auto habe ich noch viel mehr leckeren Käse, magst du nicht mitkommen?” Flipsy fragt die Kinder um Rat: “Soll ich mitgehen?” Wildes Geschrei: “Nein, nein, der will dich fressen”, “Nein, die Mama wartet”, “Flipsy, lauf’ weg”. Doch auch: “Ja, hol dir den Käse.” - “Ich hab’ aber ein ganz komisches Gefühl im Bauch”, sagt Flipsy. “Dann lauf weg.” - “Er hat doch gesagt, daß es ein Geheimnis ist. Darf ich es der Mama erzählen?” - “Nein!” brüllen manche, “Ja, weil er böse ist”, die meisten. “Jetzt frag’ ich die Polizei”, sagt Flipsy. Kasimir geht das Auto holen, Ulrike Winter klärt über “gute und schlechte Geheimnisse” auf. “Sobald man ein schlechtes Gefühl bei etwas hat, muß man es sofort erzählen, dann geht das schlechte Gefühl auch weg - auch wenn es einmal eine Person ist, die man kennt. Man muß es Mama, Papa oder einer erwachsenen Person sagen, der ihr vertraut.” Die Kinder nicken. “Helft ihr mir jetzt, den Kater zu vertreiben? Ihr müßt alle ganz laut ,Nein’ sagen und Krach machen”, sagt Flipsy. Der Aufforderung wird gerne nachgekommen: Gebrüll, Geschrei: “Nein, nein, verschwinde.” Kater Kasimir gibt sich geschlagen. “Könnte euch das auch passieren, was der Flipsy passiert ist? Würde man euch auch Käse anbieten?” will Ulrike Winter zum Schluß wissen. “Bonbons”, “Spätzle”, “Geld”, antworten die Kinder.

Nachdem alle die Polizeimütze aufsetzen durften und sich sicher sind, später Polizist werden zu wollen, packt Ulrike Winter Flipsy und Kasimir wieder ein. In den nächsten Wochen werden die Erzieherinnen im Kindergarten und die Eltern zu Hause noch einmal über gute und schlechte Gefühle und Geheimnisse sowie über das Neinsagen sprechen. Das ist das “interaktive Drei-Säulen-Konzept” von “Flipsy und Kasimir”. Es funktioniert. Eltern und Erzieherinnen sind froh, “daß sie etwas gegen potentielle Gefahren unternehmen können”. Bei einer Umfrage des Südwestrundfunks unter Kindern konnten diese auch ein Jahr nach der Vorstellung in einem Kindergarten spontan die bei “Flipsy und Kasimir” vermittelten Verhaltenshinweise aufsagen. Für Ulrike Winter bedeutet das, von Kindergarten zu Kindergarten zu Kindergarten zu fahren. Bis zum Jahr 2004 ist sie ausgebucht.

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Bildunterschrift:  Die Täterstrategie des Katers: Spielerisch lernen Kindergartenkinder Kriminalitätsprävention beim Projekt “Flipsy und Kasimir” kennen.

Fotos Rainer Wohlfahrt

Land:  C4GER C4EUGE Deutschland
Sachgebiet:  AUSB Ausbildung
SICH Innere Sicherheit
GEBE Gesellschaft
JUST Justiz
Datum:  20030712

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2003, Nr. 159, S. 9

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Dieser Eintrag wurde 191 mal gelesen.
Gepostet von am 07/07 um 01:52 AM
  1. Großen Respekt für Eure Arbeit. Ich kann einfach nicht verstehen, weshalb nicht viel massiver und mit allen Mitteln gegen Kindermissbrauch vorgegangen wird. Der Staat scheint mehr Ressourcen und Mittel in das Eintreiben von Falschparkgebühren ur Verfügung zu stellen als für so wichtige Probleme wie diese…

    Posted by Formatierung Diplomarbeit  on  04/04  at  01:25 AM
  2. Seite 1 von 1 Seiten

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