Donnerstag, 13, November 2003
Kein Dorado für Kinderschänder
Tschechien wehrt sich gegen Vorhaltungen aus Deutschland - Drei Prostituierte packen aus
Von Hajo Schmidt-Knopp
Prag. Mann macht sich in diesen Tagen an einem Grenzübergang von Deutschland nach Tschechien schnell verdächtig. Es reicht aus, allein im etwas nobleren Auto zu später Stunde in Altenberg nach Nordböhmen einzureisen.
Die deutschen Grenzer begnügen sich noch damit, neben dem Pass zusätzlich die Fahrzeugpapiere und den Führerschein zu kontrollieren. Nach wie vor verschwinden gestohlene teurere Modelle auf Nimmerwiedersehen hinter dem Erzgebirgskamm. Biegt man einen Kilometer hinter der Grenze aus dem Kreisverkehr auf die Europastraße 55 Richtung Prag, kann es passieren, dass sich einem sofort ein Polizeiauto an die Stoßstange heftet.
Wer am Fuß des Gebirges im einstmals hübschen Kurort Dubi (Eichwald), auf dem “längsten Straßenstrich Europas” hält, riskiert zumindest eine Befragung nach dem Woher und Wohin. Erst nach der Durchfahrt der Stadt Teplice (Teplitz-Schönau) drehen die weißen Skodas mit dem grünen Streifen und der Aufschrift “Policie” bei. Es herrscht so etwas wie Ausnahmezustand im Grenzgebiet.
Ausgelöst hat den Ärger ein Bericht von Unicef, der hinter der deutschen Grenze, im “größten Freilichtbordell des Kontinents”, ein “Paradies für pädophile Deutsche” ausgemacht haben will. Vor allem Männer aus der gehobenen Mittelschicht mit edleren Karossen würden bei ihren Sextouren immer häufiger nach Kindern fragen. Den so genannten Freiern würden mittlerweile schon “Säuglinge und Kleinkinder durch die Autofenster gereicht”. Dass bei der Veröffentlichung der Studie in Berlin sorgenschwer die Schirmherrin von Unicef Deutschland, die Frau von Bundespräsident Johannes Rau, neben den Autoren saß, hat der Sache eine zusätzliche politische Note gegeben. Jetzt ist ganz Tschechien aufgeschreckt. Eine Kampagne, die an solch fundamentale moralische Dinge rührt, kann niemand dort gebrauchen. Jetzt schon gar nicht, da das Land in einem halben Jahr Mitglied der EU werden will.
Traum von der Hochzeit
Das mit dem “Freilichtbordell” ist nichts neues. Die Namen der einschlägigen Etablissements sprechen für sich: “Kiss”, “Libido”, “Alibi” oder “Love story”. Dass sie Zulauf haben, ist auch so genannten Infotainment-Magazinen deutscher privater TV-Stationen zu verdanken, die die “lüsterne Meile” immer wieder gern ablichten. Irina, Lucie und Ludmila gehören zu den Frauen, die dort anschaffen. Im Restaurant “Mefisto” essen sie nachmittags gegen vier eine warme Mahlzeit. Übernächtigt und noch ungeschminkt. Irina und Ludmila kamen aus Bulgarien an die tschechisch-deutsche Grenze. Legal? Sie lächeln vielsagend. Jetzt jedenfalls hätten sie Papiere. Falls Kontrollen kämen, wie Anfang Oktober, als in 435 Nachtclubs landesweit etwa 4000 Personen überprüft wurden. Irina und Ludmila schicken den Großteil der Euros nach Hause. Die Familien seien auf das Geld angewiesen.
Bei Lucie liegt der Fall anders. Die 20-jährige Blondine aus der Ostslowakei hat die Schule geschmissen und ist weg von zu Hause. Die Eltern seien totale Spießer. Rackerten sich ab, für nichts. Sie verdiene hier am Tag mehr als ihre Mutter in einem Monat, sagt Lucie. Hat sie also das große Los gezogen? Nein, sie hofft, dass ein Freier sie irgendwann mitnimmt. Am besten nach Deutschland. In einem Hochzeitsausstatter in Teplice hat sie ein Kleid gesehen, dass sie gern an ihrem schönsten Tag tragen würde. Als sie es sagt, kommt tatsächlich ein bisschen Glanz in ihren Blick. Für einen kurzen Moment.
Von Kindersex wollen die drei nie etwas gehört haben. Ob die Bars tatsächlich “diskrete Kontakte” vermittelten? Ihr Nachtclub mit Sicherheit nicht. Sie sagen es so ernst, beinahe erschrocken, dass man es ihnen glauben möchte. Sie selbst hätten zumeist Stammkunden. Ältere Männer, vorgeblich Witwer. Oder auch verklemmte Jüngelchen, die in Deutschland keine Frau abbekommen hätten. Gegen 17 Uhr ziehen die drei los. Eine Stunde später haben sie fit zu sein. Bis 6 Uhr früh heißt es dann durchhalten. Die ersten Kunden kommen gegen 20 Uhr. Doch die Zeiten, da die Parkplätze in den Hinterhöfen der Bars vollgestellt waren mit Autos aus Dresden, Kamenz oder Dippoldiswalde, sind vorbei. Auch die Behörden verzeichnen seit längerem schon einen Rückgang des Sextourismus.
Leserspalten in Prag voll
Die Verärgerung der Tschechen hat auf jeden Fall einen guten Grund. Sie fühlen ausschließlich sich angegriffen. Wenn es so viele Pädophile in Deutschland gebe, müsse auch in der Gesellschaft der Nachbarn etwas nicht stimmen. Die Leserspalten der Prager Zeitungen sind voll von solchen Äußerungen. Und dort wird auch gefragt, wozu eigentlich die Polizei aus beiden Ländern bis zu 70 Kilometer tief beim Nachbarn gemeinsam ermitteln kann.
Diese Debatte kochte auch bei einer Tagung der Kinderschutzvereine aus Sachsen, Tschechien und Polen am Wochenende hoch. Die Tschechen dort deuteten an, dass es schwierig sei, Kindesmissbrauch aufzudecken. Der Staat halte sich nach den Jahren der kommunistischen Indoktrination bewusst aus dem Leben der Familien heraus. Und eben in diesen Familien seien solche Fälle nicht auszuschließen. Um ein Massenphänomen aber handle es sich mit Sicherheit nicht.
http://www.zeitung.org/zeitung/0,2123,124112-1-0_0_0,00.html
13.11.2003 | 00:00 Uhr
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