Montag, 05, April 2004
Ihre Kindheit - vom Vater zerstört
Misshandlung: Zwei Opfer schildern ihr Martyrium. Experten-Tagung in Hamburg.
Von Geneviève Wood
Eine Kindheit hatten sie nicht. “Wenn ich an meine Kindheit denke, ist es, als hätte ich unter einer Glocke gelebt”, sagt Sabine (45). Die Unbeschwertheit, die Leichtigkeit, die Neugierde - das, was Kindheit ausmacht, es war nie da. Geblieben ist ein dumpfes Gefühl. Sophies (26, Namen geändert) Erinnerungen beginnen erst mit 18 Jahren. Die Zeit davor: ausgeblendet, verdrängt, vergessen. Sabine und Sophie wurden sexuell missbraucht. Vom Bekannten der Eltern, vom Bruder, vom Vater.
Eine Million Kinder in Deutschland haben Ähnliches erlebt. Drei Tage lang haben Experten bei der “5. Bundestagung der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung” im CCH diskutiert. In jeder fünften Familie - in allen Gesellschaftsschichten - werden Kinder misshandelt. Und: Die betroffenen Kinder werden immer jünger, die Übergriffe heftiger, und auch das Alter der Täter sinkt stetig. So waren im Jahr 2002 etwa 27 Prozent der Tatverdächtigen, die sich an Kindern vergingen, unter 21 Jahre. Zahlen, hinter denen sich Schicksale verbergen.
Das von Sabine. Nachts wachte sie auf, weil ihr Kinderbett gewackelt hat. Dann sagten ihre Eltern: “Dreh dich um und schlaf weiter.” Das konnte Sabine aber nicht, wenn ihre Eltern im selben Zimmer miteinander schliefen. “Meine Eltern haben mich nicht vor ihrer Sexualität geschützt.” Sie haben das schüchterne Mädchen auch nicht geschützt vor diesem Mann, einem Freund der Familie - 50 oder 60 Jahre alt. Der sie küsste. Aber so, wie ein Mann eine Frau küsst. Es kam zu “sexuellen Übergriffen”, wie Sabine sagt. Sie war drei oder vier Jahre alt. “Meine Eltern saßen mit am Tisch und haben nicht reagiert.” Sabine senkt den Kopf. Die Eltern, der “Onkel”. Und der acht Jahre ältere Bruder: “Er küsste mich so komisch. Es war eklig.” Es blieb nicht beim Küssen. Er hat sie sexuell missbraucht. Bis in die Pubertät. “Die anderen Kinder waren frech, lebendig, verspielt. Für mich war Kindheit wie tot sein.” Die Erinnerungen waren lange Zeit weg.
“Für Kinder ist das der einzige Schutz, etwas zu verdrängen, mit dem sie nichts anfangen können”, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Wera Auras (45) vom Verein Zündfunke in der Kieler Straße (Eimsbüttel). Hier finden Frauen, die als Mädchen missbraucht worden sind, Beratung. Wie Sophie.
Bei ihr war es der Vater. Mit acht, neun Jahren. “Es passierte im Ehebett. Die Mutter lag daneben, ich schrie”, sagt Sophie. Die Mutter sagte: “Du hast nur schlecht geträumt.” Inzest. Sophie hat das verdrängt. Bis zu dem Tag, als sie mit 18 Jahren zum ersten Mal mit ihrem Freund im Bett lag. Und die Bilder wieder hochkamen, die Bilder von ihrem Vater und von dem, was er ihr angetan hat. Der Vater, der streng war, sie in allem kontrollierte. Der sie mit diesen Blicken musterte. Blicke, die ein Vater gegenüber seiner Tochter nicht haben darf. “Ich habe mich als Objekt gefühlt. Mal gab es einen Klaps auf den Hintern, mal diese Blicke”, sagt Sophie. Ihr Leben, sagt die Studentin, war wie im Gefängnis. “Ich durfte nicht telefonieren, hatte kaum Kontakt zur Außenwelt, ich hatte keine Rechte. Mein einziges Recht war zu existieren.” Neulich hat sie ihren Vater angerufen. “Ich habe ihm erzählt, was er mit mir gemacht hat. Er hat es nicht eingesehen.” Immer noch nicht.
Scham- und Schuldgefühle, Hilflosigkeit und Wut. Gefühle, mit denen Sophie und Sabine lebten. Sabine hatte Alkoholprobleme, Depressionen, Ängste. Sechs Jahre lang war die Verwaltungsfachangestellte in Therapie. Vor kurzem hat sie sich mit ihrem Vater getroffen. “Dass ich mich dazu überwunden habe, war toll.” Ihr Vater war sprachlos. Sabine geht es gut. Sie freut sich auf Motorradtouren. Und darauf, einen Partner zu finden. “Beinahe hätte er mein Leben zerstört.”
“Sie haben unser Leben zerstört”, sagt Sophie. Aber: “Dass wir hier sitzen, ist unsere Leistung.” Sophie geht es besser. Da ist diese Wut auf ihren Vater. In der Therapie kann sie mit Stöcken Sachen verdreschen. “Das tut gut.” Das befreit. Die Kindheit holt ihr das nicht zurück.
erschienen am 29. März 2004 in Hamburg
http://www.abendblatt.de/daten/2004/03/29/278397.html
Montag, 5. April 2004
Hamburg
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