Mittwoch, 01, September 2004
Ich hatte keine Angst - denn der war anfangs richtig nett
Studie: Jeder zwölfte Junge wurde schon einmal sexuell missbraucht
Sabine Deckwerth
Fast jeder vierte Berliner Junge ist schon einmal in der Öffentlichkeit von einem Fremden angesprochen worden. Jeder zwölfte hat bereits sexuellen Missbrauch erfahren, wurde von Pädophilen angefasst oder vergewaltigt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Projektes Subway, das sich seit zehn Jahren um sexuell missbrauchte Jungen kümmert, und der Freien Universität in Berlin. Wochenlang waren Mitarbeiter an zufällig ausgewählten Orten unterwegs, auf Plätzen, in Schwimmbädern oder Einkaufszentren. Sie haben 500 Jungen im Alter von zehn bis 15 Jahren nach ihren Erfahrungen gefragt. Ein Fragenkatalog war vorgegeben, die Antworten tippten die Jungen anonym in einen Laptop.
Tobias zum Beispiel war 15 und allein am Potsdamer Platz un- terwegs. Er sagt, “ich wollte Klamotten kaufen”. Ein Mann hat ihn angesprochen, auf ihn eingeredet und ihn dann gefragt, ob er ein Handy habe. Tobias sagt: “Ich habe mir nichts dabei gedacht und ihm meine Handy-Nummer gegeben.” Tage später rief der Mann an und lud Tobias zu einem Einkaufsbummel ein. “Er hat mir dies und das gekauft, das fand ich gut.” Danach nahm ihn der Mann mit in seine Wohnung. Tobias sagt: “Ich hatte keine Angst, denn der war anfangs richtig nett und ich war ein bisschen neugierig, eigentlich hatte ich Langeweile.” In der Wohnung fasste der Mann ihn an, wollte ihn küssen, da hat sich Tobias gewehrt, hat ihm mehrmals gesagt, dass er jetzt gehen wolle und den Mann schlagen werde, wenn er nicht sofort loslasse. Manchmal ruft der Mann noch an. “Das ist mir eigentlich egal”, sagt Tobias. “Ich sag dann, was willst du Idiot schon wieder, dann lege ich auf.” Er hatte nur seiner Schwester davon erzählt.
Pädophile seien überall in der Stadt unterwegs, es gebe keine Un-terschiede zwischen den Bezirken, erklärte FU-Professor Dieter Kleiber. Gymnasiasten würden ebenso angesprochen wie Hauptschüler oder Sonderschüler, das Bildungsniveau mache ebenfalls keinen Unterschied. “Das hat uns selbst überrascht”, so Kleiber. Anders als Mädchen würden Jungs öfter außerhalb der Familie Opfer sexuellen Missbrauchs. Kleiber wies darauf hin, dass sexuelle Übergriffe “nicht einfach so passieren”, sie seien “geplant und spielen sich nach ähnlichem Muster ab”. Die Kontaktaufnahme laufe in der Regel über mehrere Stufen, in denen Vertrauen aufgebaut werde. Dass die Männer ein sexuelles Interesse haben, sei von den Jungs zunächst nur schwer zu durchschauen.
Anfällig für die Angebote Pädophiler sind der Studie zufolge insbesondere Kinder, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, die aus einem zerrütteten Elternhaus kommen, deren Väter nur selten zu Hause sind oder sich nicht um die Söhne kümmern. Viele Jungs hätten außerdem Frust in der Schule oder seien schon mal von zu Hause ausgerissen. Auch würden Einzelgänger häufiger angesprochen als jene, die mit Freunden unterwegs sind.
Die Studie ist Grundlage für ein neues Präventionsprogramm, mit dem sich Subway speziell an gefährdete Jungs wenden will. “Wir werden mit unseren Angeboten direkt an die Orte gehen, wo sich die Kontaktaufnahme abspielt”, kündigte ein Subway-Mitarbeiter an.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/berlin/372745.html
Mittwoch, 01. September 2004
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