Donnerstag, 12, Dezember 2002
GRENZÜBERSCHREITUNGEN
Mord vor laufender Kamera
Seit rund dreißig Jahren kursieren Gerüchte über eine Filmer-Szene, die vorzugsweise im Verborgenen agiert: Da werden Menschen vor laufender Kamera getötet, manchmal sogar gegessen. Im Web hat diese Szene neue Vertriebs- und Kommunikationswege gefunden.
Irgendwann in den achtziger Jahren begann die unbegreifliche Erfolgswelle eines Filmes, der in seiner ungeschnittenen Version nur unter den Ladentheken vorzugsweise schmieriger Videotheken weitergereicht wurde. Auf eine Geschichte hatten die Macher verzichtet: Das Machwerk zeigte nichts als den Tod. Echt, wirklich, in all seinen blutigen Schattierungen. Exekutionen, Verstümmelungen, Folterungen, Detailaufnahmen zerfetzter Körper nach Unfällen, Mordopfer. Nonstop, über 90 Minuten lang. Der Film wurde weltweit zum unheimlich heimlichen Erfolg. Die Macher produzierten einen zweiten, einen dritten, einen vierten Teil. Es folgte die 150-Minutenversion “Worst of”: Je schlimmer, desto geiler empfand und empfindet das eine Szene, die lange weit verteilt und mit vergleichsweise wenig Kontakten zueinander existierte, und seit Mitte der neunziger Jahre boomt und wächst. Denn 1994 begann der Siegeszug des World Wide Web. Seitdem stehen vielfältige Kontakt- und Vertriebswege offen. Längst geht das Video, mittlerweile zeitgemäß auch als DVD, vor allem über die virtuelle Ladentheke. Die schauerlichen Sammlungen sind die bekanntesten Filme einer Szene, deren härterer Teil über diese Machwerke fürs breite Publikum nur lacht: Irgendwann waren den Machern die Menschenmorde ausgegangen. Irgendwann zeigten sie auch das Morden von Tieren. Jeder Tod war recht. Mantafahrer-Futter sei das, kommentieren die Harten, Stoff für Luschis, nichts wirklich Hartes.
SPIEGEL-ONLINE
12.12.02
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