Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Freitag, 25, Mai 2007

Gewalt in lesbischen Beziehungen

“Da ist mir halt die Hand ausgerutscht” oder: das Schweigen der lesbischen Community

Dass Frauen nicht nur Opfer von häuslicher Gewalt sind, sondern auch zu Täterinnen werden, ist zwar seit längerem bekannt. Gewalt von Frauen und konkreter: Gewalt in lesbischen Beziehungen wird jedoch weithin tabuisiert - leider auch in der eigenen Community.

Dagegen will jetzt ein von EU gefördertes Forschungsprojekt des Vereins Broken Rainbow e.V. aktiv angehen, das sich mit den Strukturen von Gewalt in lesbischen Beziehungen beschäftigt und Strategien der psychosozialen Versorgung entwickelt. Im Mittelpunkt stehen dabei lesbische Täterinnen, ihre Handlungsmotivationen, ihre Lebenssituationen und Möglichkeiten einer spezifischen psychosozialen Beratungs- bzw. Antigewaltarbeit Titel des Projektes: “Arbeit mit lesbischen Täterinnen häuslicher Gewalt” Projektleitung: Constance Ohms Projektträger: Broken Rainbow e.V. - Bundesverband lesbischer und lesbisch-schwuler sowie transidenter Anti-Gewalt-Projekte
(http://www.broken-rainbow.de)

Pressemitteilung: “Da ist mir halt die Hand ausgerutscht” oder: das Schweigen der lesbischen Community

Schwul-lesbische Straßenfeste, CSD-Demos und queere Parties: Der Frühling ist eindeutig die Jahres-zeit, in der die Szene am ausgiebigsten feiert. Es gibt auch Grund genug dazu.

Bei aller Harmonie und Freude über schwul-lesbische Präsenz lässt sich aber nicht verschweigen, dass auch die Community einige Themen gern unter den Teppich kehrt. Eines davon ist das Thema Gewalt in Liebesbeziehungen. Gerade was lesbische Beziehungen angeht, scheint darüber ein besonders stark wirkendes Tabu zu liegen: Frauen als Täterinnen scheinen weiterhin außerhalb der Vorstellung und der Wahrnehmung zu liegen, also “kann” es auch keine Gewalt in lesbischen Beziehungen geben. Das The-ma wird oftmals heruntergespielt: “Ihr ist die Hand ausgerutscht” oder “sie ist halt ausgerastet”, so sagen die betroffenen Frauen oft selbst oder so heißt es in ihrem Umfeld. Dass Gewalt in lesbischen Beziehun-gen ein ernst zu nehmendes Thema ist, wird auf diese Weise bagatellisiert. Durch beschönigenden Ent-schuldigungen - “sie steht halt unter Stress” - erfolgt eine Solidarisierung mit der Täterin und wenn dann noch allgemein von “sie haben sich an die Köpfe gekriegt” die Rede ist, wird im Grunde damit unterstellt, dass beide Frauen gleichermaßen an dem gewalttätigen Geschehen beteiligt waren (was dann “weniger schlimm” ist). Auch wenn derartige Fälle tatsächlich vorkommen, so können im Regelfall doch Täterinnen und Opfer benannt werden. Zumal bei wiederholter, zyklisch wiederkehrender Gewalt, bei der die Abstände kürzer und die gewalttätigen Handlungen massiver werden: spätestens hier wird eine Partner-schaft zu einer Täterin-Opfer-Beziehung.

Um das Thema Gewalt in lesbischen Beziehungen aus der Tabu-Zone herauszuholen, ist der Verein Broken Rainbow e.V. - Bundesverband lesbischer und lesbisch-schwuler sowie transidenter Anti-Gewalt-Projekte aktiv geworden. Bereits seit einem Jahr läuft unter dem Titel “Arbeit mit lesbischen Täterinnen häuslicher Gewalt” ein mit EU-Mitteln gefördertes Modellprojekt, dass sich dieses Themas annimmt und gerade die Arbeit mit lesbischen Frauen in den Vordergrund stellt, die gegenüber ihrer Partnerin gewalttä-tig sind bzw. Zwang ausüben. Ziel des Projektes ist es, die Besonderheiten in gewalttätigen lesbischen Beziehungen herauszuarbeiten und Strategien zur Prävention und ein Konzept zur psychosozialen Ver-sorgung von Täterinnen und Opfern zu entwickeln. Im Rahmen dieses Projektes richtet der Verein Bro-ken Rainbow e.V. im November 2007 eine internationale Fachtagung zum Thema Täterinnenarbeit in Frankfurt/Main aus.

Ein wesentliches Anliegen der Projektleiterin Constance Ohms ist die Enttabuisierung dieses Themas, also das Durchbrechen des Schweigens, sowohl von Betroffenen als auch von Beobachterinnen von gewalttätigen Beziehungs “dramen” als auch seitens der lesbischen Community. Das setzt auch voraus, die eigene Hilflosigkeit zu überwinden und konkret zu überlegen, wie man/frau in den gewalttätigen Situa-tionen handeln kann. Denn das Schweigen und die Hilflosigkeit des Freundeskreises unterstützen die Wahrnehmung der gewaltausübenden Frau, “rechtens” zu handeln: Sie fühlt sich von ihrer Partnerin nicht verstanden bzw. wahrgenommen, fühlt sich ohnmächtig, ist enttäuscht und wütend -  und meint dann, keine Möglichkeit mehr zu haben, ihrer Verzweiflung und Ohnmacht anders Ausdruck zu verleihen als durch Zuschlagen. Und solange sich niemand offen gegen diese Sichtweise stellt, fühlen sich diese Frauen im Recht.

Zeuginnen von gewalttätigen Situationen können eine eindeutige Haltung dagegen zum Ausdruck brin-gen, können eine Solidarisierung mit der gewaltausübenden Frau vermeiden und sollten vor allem dem eigenen Gefühl vertrauen, wenn eine Situation als “komisch” empfunden wird. Die beobachtete Gewalt dann auch als das zu benennen und zu sagen, dass ein bestimmtes Verhalten als gewalttätig empfunden wird und nicht akzeptabel ist, ist ein Schritt, der nicht leicht fällt und mit dem frau sich nicht unbedingt Freundinnen macht, zumal wenn das Opfer dann plötzlich zu der schlagenden Freundin hält. Trotzdem: das einzige “Korrektiv” ist und bleibt das eigene Gefühl.

Auch in der lesbischen Subkultur sollte eine klare Position gegen Gewalt bezogen werden, sei es in Loka-len, Diskotheken oder anderen Lesbenräumen. Eine Politik der Gewaltfreiheit sollte der Regelfall sein. Es ist nicht mit einem Lokalverweis allein getan, viel wichtiger ist es, dass auch entsprechende Beratungsangebote für gewalttätige lesbische Frauen geschaffen werden, um ihnen zu ermöglichen, ihr Verhalten zu ändern. Auch dies ist ein Ziel des Projektes von Broken Rainbow e.V. , solche Angebote zu entwickeln.

Broken Rainbow Geschäftsstelle
c/o Büro Seehausen & Sandberg
Merseburger Str. 5
10823 Berlin
Tel. 030-78 00 63 31
Fax 030-78 71 17 53

http://www.broken-rainbow.de

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Gepostet von am 05/25 um 07:46 PM

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