Dienstag, 23, April 2002
«Endloser Skandal» um pädophile Priester erschüttert die Kirche
Rom (dpa)
Dem schwer kranken Papst Johannes Paul II. bleibt auch das nicht erspart:
Seit Wochen muss sich der 81-Jährige mit pädophilen Priestern und anderen sexuellen Verfehlungen von Kirchenmännern befassen, die dem Ansehen der katholischen Kirche schweren Schaden zugefügt haben. Im Mittelpunkt stehen die in den USA bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch. Aber auch Europa ist von Sexskandalen nicht verschont. Zuletzt mussten deshalb drei Bischöfe in Polen, Irland und Deutschland zurücktreten.
Angst im Vatikan
Johannes Paul II. sprach zum Auftakt zweitägiger Beratungen mit den US-Kardinälen heute in Rom von einem «Zeichen einer Krise, die Kirche und Gesellschaft betrifft». Im Vatikan geht die Angst um, dass es sich bei den bekannt gewordenen Skandalen bloß um die Spitze des Eisbergs handelt. «Wir haben es mit einem endlosen Skandal zu tun, der sich wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft und leider auch in der Kirche eingenistet hat», lautet etwa die schonungslose Diagnose des italienischen Kardinals Ersilio Tonini.
Mit seinen 86 Jahren gehört der Purpurträger zu jenen Kirchenmännern, die kein Blatt vor dem Mund mehr zu nehmen brauchen. «Auch die italienische Kirche darf nicht so tun, als ginge sie das alles nichts an», warnte Tonini heute in einem Interview der Tageszeitung «La Repubblica» vor einer Unterschätzung des Pädophilen-Problems.
Der Ernst der Lage wird allein schon beim Blick auf die Teilnehmerliste des heute in Rom begonnenen Gipfels mit den US-Kardinälen klar. Neben den 13 amerikanischen Geistlichen nimmt auch die Spitze der römischen Kurie an dem Treffen teil. Das ließ Vermutungen aufkommen, dass der Gipfel am Mittwoch nicht ohne Aufsehen erregende Beschlüsse zu Ende gehen wird.
Übliche Vorgehensweise des Vatikans
m Mittelpunkt der Kritik steht der Kardinal von Boston, Francis Bernard Law. Er muss in Rom zu den schweren Vorwürfen gegen ihn Rede und Antwort stehen. Law soll viel zu lange bei Fällen von Kindesmissbrauch durch Priester seiner Diözese keine Maßnahmen ergriffen haben und pädophile Priester einfach in andere, ahnungslose Pfarreien versetzt haben. US-Medien haben deshalb bereits auf einen Rücktritt Laws spekuliert. Doch der 70-Jährige hielt sich tatsächlich nur an die bisher übliche Vorgangsweise der Kirche in derartigen Fällen. Der Vatikan wollte nicht mit Sexskandalen belästigt werden und ließ die Diözesen mit Fällen von Priestern, die sich an Kindern vergingen, allein.
Gründung des Kirchenvolksbegehrens
Die Kirchenführung blieb zunächst auch untätig, als vor sieben Jahren der damalige Wiener Kardinal Hans Hermann Groer beschuldigt wurde, in den 70er Jahren einen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Die Folgen waren verheerend: Viele Menschen traten aus der Kirche aus, engagierte Katholiken gründeten die Initiative «Wir sind Kirche», die in einem Kirchenvolksbegehren weit reichende innerkirchliche Reformen fordert.
Keine Anschaffung des Zölibats
Und genau diese innerkirchlichen Folgen der Sexskandale lassen im Vatikan die Alarmglocken läuten. So fordern in den USA immer mehr Gläubige ein Ende des Pflichtzölibats für Priester. Auch Bischöfe verlangen zunehmend, auch verheiratete Männer zum Priesteramt zuzulassen. Doch Johannes Paul II. ist das Zölibat heilig. Erst am vergangenen Samstag hat er bei einem Empfang für nigerianische Bischöfe betont, dass am Zölibat nicht zu rütteln ist.
Der Papst will einzig durch härteres Vorgehen gegen straffällig gewordene Priester die Skandale bekämpfen. Bereits im Januar hatte er angeordnet, alle derartigen Fälle umgehend nach Rom zu melden. In seinem Gründonnerstagsbrief an die Priester beschuldigte er Pädophile Priester als Verräter an der Kirche. Jetzt wird erwartet, dass die Kirche Folgerungen zieht. So soll ein Vorschlag lauten, beschuldigte Priester in den Laienstand zu versetzen und mit den Justizbehörden bei der Aufklärung der Fälle mitzuarbeiten. Die katholische Kirche in den USA hat bereits eingewilligt, Entschädigungszahlungen an die Missbrauchsopfer zu leisten.
23.04.2002 Ster
Quelle
http://www2.e110.de/artikel/detail.cfm?pageid=67&id=35992
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