Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Montag, 15, Januar 2001

Einmaliges Projekt zur Suche nach vermissten Kindern im Internet

Von KNA-Redakteur Klaus Riddering

Natascha Kampusch aus Österreich und der Tscheche Jan Nejedly sind nicht nur gleich alt. Die beiden teilen auch ein anderes Schicksal: Seit 1998 sind beide spurlos verschwunden. Die heute 12-jährige Natascha verschwand in Wien auf dem Schulweg, Jan war in Prag unterwegs zu einem Freund und gilt seitdem als vermisst. Lebenszeichen und konkrete Hinweise, wo sich die beiden befinden,
gibt es nicht.

Die Schicksale von Natascha und Jan sind keine Einzelfälle. Exakte Zahlen über die genaue Zahl verschwundener Kinder zu erhalten, ist schwierig, die Dunkelziffer sehr hoch. In den meisten Fällen findet sich schnell eine Spur. Sei es, weil die Kinder aus eigener Initiative von zu Hause fortgelaufen sind und sich irgendwann von selbst melden, sei es, weil sie von Familienangehörigen entführt wurden. Experten schätzen, dass es in den USA rund 200.000, in Europa knapp 50.000 verschwundene Kinder gibt. Immerhin: Selbst in einem kleinen Land wie der Schweiz zählte 1998 die Bundespolizei 1.231 vermisste Kinder. Darin sind allerdings alle Formen des Verschwindens enthalten, also auch die Ausreißer.

In Frankreich oder der Bundesrepublik sehen die Zahlen wesentlich düsterer aus. Während französische Experten jährlich von 1.000 Kindesentführungen mit kriminellem Hintergrund ausgehen - darunter knapp 20, die keinerlei Spur hinterlassen - weist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) in Deutschland allein für 1999 rund 2.000 Fälle von Menschenraub, Entziehung Minderjähriger oder Kinderhandel aus. Monat für Monat verschwinden durchschnittlich sechs bis acht Kinder, hat das Internationale Kindersuchwerk ermittelt. Mehr als 1.000 Kinder gelten in Deutschland derzeit als langfristig vermisst.

Fundgrube für Kinderschänder

“Viele von ihnen sind Opfer von Kindesmissbrauch, werden irgendwo versteckt und tauchen nicht selten auf Fotos im Internet wieder auf”, ist sich Detlef Drewes sicher. Der Augsburger Journalist, der in der jüngsten Vergangenheit im weltweiten Netz mehrere spektakuläre Fälle von Kindsmissbrauch aufgedeckt hat, schätzt, dass von den rund zwei Milliarden derzeit zur Verfügung stehenden Internet-Seiten mindestens 16 Millionen kriminelle Inhalte haben. “Das ist eine wahre Fundgrube für Kinderschänder”, weiß Drewes, der für seine umfangreichen Recherchen und sein Engagement 1996 mit dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet wurde. “Wenn es einmal Erfolge bei der Suche nach vermissten Kindern in diesem Milieu gab, so waren das oft reine Zufallstreffer”, so der Journalist.

Damit könnte jetzt Schluss sein. Denn seit Beginn des Jahres stehen verzweifelten Eltern und Angehörigen, Polizei und Kinderschützern völlig neue Wege bei der Suche nach vermissten Kindern offen. Die Verbrecher mit den eigenen Mitteln schlagen, heißt die Devise. Und hier kommt dem Internet eine entscheidende Rolle zu. Bisher war es üblich, Fahndungsfotos der gesuchten Kinder mit einem Aufruf, sich bei Erkennen des Kindes bei einer Suchagentur zu melden, ins Netz zu stellen. Nun bietet eine neue Technik erstmals die Möglichkeit, vollautomatisch nach vermissten Kindern zu suchen. Auch wenn man die Hoffnungen auf schnellen Erfolg “nicht ganz so hoch hängen” sollte, bieten sich für Drewes “damit ganz neue Perspektiven”.

Ungewöhnliche Suchmaschine

Entwickelt wurde die ungewöhnliche Suchmaschine von der in Kassel ansässigen Firma Cobion, die als weltweit führender Anbieter von Produkten und Dienstleistungen für Bilderkennung im Internet gilt. “Im Vordergrund stand dabei natürlich nicht der Gedanke, damit verschwundene Kinder aufzuspüren”, gibt Cobion-Geschäftsführer Jörg Lamprecht unumwunden zu. “Aber wir stellen unsere Technologie, die ansonsten beispielsweise von großen Konzernen zum Auffinden ihrer Markenlogos genutzt wird, für diesen Zweck gern zur Verfügung”, so der Computer-Experte.

Gleiche Bedingungen

Abschrecken lassen wollen sich die engagierten Kinderschützer, die ihre Fahndungsaktivitäten keineswegs nur auf Europa beschränken, von diesen Problemen nicht. Sie wollen ihre Dienste weiter für alle anbieten, die hier eine vielleicht letzte Chance zum Aufspüren ihres Kindes sehen. “Dabei spielen weder Staatsangehörigkeit oder Religion noch Reichtum oder Armut eine Rolle. Es gelten für alle die gleichen Bedingungen.” Dazu gehört auch, dass für die Veröffentlichung einer Vermisstenanzeige kein Geld genommen wird.

Dabei könnten die FREDI-Mitarbeiter finanzielle Hilfe gut brauchen. Auf Unterstützung durch Sponsoren wurde bislang verzichtet. Mittel aus öffentlicher Hand: Fehlanzeige. Die Stiftung funktioniert nur dank der Vorauszahlungen seiner Team-Mitglieder, die auch noch ihre eigene Informatikausstattung zur Verfügung stellen müssen. Die Internet- Seiten - mittlerweile in fünf Sprachen unter FREDI abrufbar - werden nur dank einer tatkräftigen Unterstützung eines Internet-Zugang-Betreibers am Laufen gehalten.

Trotz der keinesfalls optimalen Arbeitsbedingungen: Für Natascha und Jan gibt es neue Hoffnung. Ihre Bilder wurden jetzt nämlich von FREDI als Erste in das Cobion-Suchprogramm aufgenommen. In den kommenden Monaten sollen je drei weitere folgen.

Hinweis:
Fotos, auch per ISDN, abrufbereit bei KNA-Bild,
Telefon 06109/7036-0
Telefax 06109/703612

Hinweis:
Nähere Informationen bei
Stiftung Hänsel & Gretel http://www.haensel-und-gretel.org/
Friedrich-Eberle-Straße 4d
76227 Karlsruhe
Tel.0721/9431922

Links
http://www.ddrewes.de/
http://www.vermisste-kinder.de/
http://www.fredi.org/

“Kostenlos”.

Die Technik, an der die Tüftler des Kasseler Software-Entwicklers vier Jahre lang gefeilt haben, ist hoch kompliziert. Fotos der verschwundenen Kinder werden in die Bildersuchmaschine eingelesen, um diese nach gesichtsspezifischen Kriterien “anzulernen” und mit mathematischen Verfahren der Mustererkennung zu definieren. Je mehr Bilder vorliegen, desto einfacher ist es dann für die Software, sich das jeweilige Konterfei “einzuprägen”, erzählt Lamprecht. Hat die Suchmaschine die Lernphase abgeschlossen, forstet sie die vorhandene Bilderdatei nach der entsprechenden Person durch. Wird der Computer fündig, erfolgt ein exakter Abgleich der vorhandenen und im Internet befindlichen Bilder. Das ist noch nicht alles. Denn mit der Cobion-Technik kann nicht nur das eingelesene Bild aufgefunden werden, es können auch unterschiedliche Bilder recherchiert werden. So können nach Aussage Lamprechts auch Bilder gefunden werden, die das gesuchte Kind gealtert zeigen, auf denen die Kopfhaltung eine andere ist oder auf dem ein Schatten das Gesicht verdunkelt. Selbst Bilder von eher schlechter technischer Qualität stellen für die Computer kein unüberwindliches Hindernis dar. “Mit unserer Technologie können wir in Bilder des Internets sehen und erkennen Gesichter, die sich an beliebigen Stellen im Bild befinden können. So ist es möglich, ein Kind aufzufinden, sofern sich ein Bild von ihm im Web befindet”, erklärt der Cobion-Geschäftsführer.

Bis zu 1.000 Computer

Die praktische Prüfung fiel für die High-Tech-Tüftler zufrieden stellend aus. So filterte der Computer problemlos eine Vielzahl von Albert-Einstein-Konterfeis aus dem Netz, nachdem er zuvor anhand von vier erlernten Bildern trainiert worden war. Die Software fand neben einem Mann mit “Einstein-Schnurrbart” auch Bilder des naturwissenschaftlichen Genies, die ihn abstrahiert oder in jungen Jahren zeigen. Ganz billig ist das aufwendige Verfahren indes nicht. “Zwischen 3.000 und 5.000 Mark müssen unsere Kunden aus der Wirtschaft für eine Suche zahlen”, so Lamprecht. Dafür beschäftigen sich dann aber auch schon mal bis zu 1.000 Computer einen ganzen Monat mit der komplizierten Suche, die im Wesentlichen auf Forschungsergebnissen der gemeinsamen Zusammenarbeit mit führenden europäischen und US-amerikanischen Universitäten beruht. Immerhin gilt es mehr als zwei Milliarden Internet-Seiten mit rund 500 Millionen Bilder zu durchforsten. Tendenz stark steigend.

Drewes und seine Mitstreiter sind froh, dass sie die Nutzung der High-Tech-Maschine “Gott sei Dank” nicht bezahlen müssen. Seit einigen Tagen nutzt die Schweizer Kinderschutzinitiative FREDI - Abkürzung für “Fondation pour la Recherche d´Enfants Diparus, par Internet” (Stiftung für die Auffindung von vermissten Kindern, per Internet) - die Cobion-Technik als erste Organisation. Im Februar soll die im schleswig-holsteinischen Kisdorf ansässige “Elterninitiative Vermisste Kinder” folgen und im März wird mit der Stiftung “Hänsel & Gretel”, der Drewes als Vorstandsmitglied angehört, eine Dritte hinzukommen.

Das kleine Schweizer FREDI-Team - alle arbeiten hier ehrenamtlich - setzt große Hoffnungen darauf, mit der neuen Technologie Spuren zu finden, die verschwundene Kinder auf Bildern im Internet hinterlassen haben. “Das kann von zufälligen Aufnahmen auf einem Bahnsteig oder Flughafen bis hin zu Fotos auf privaten Seiten reichen”, so die Schweizer Internet-Fahnder, die seit ihrer Gründung 1995 fast ganz ohne behördliche Unterstützung auskommen müssen. Grund für die Zurückhaltung sei wohl “ein gewisses Misstrauen auf Seiten der Kontaktpersonen”, dass die Ehrenamtlichen störend in die Kompetenzen von Politikern, Untersuchungsrichtern, Polizei- und Untersuchungsbehörden eingreifen könnten.

15.01.2001 13:20

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Gepostet von am 01/15 um 11:40 PM

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