Dienstag, 05, November 1996
Die Opfer sind irgendwie seelisch tot
Datum: 05.11.1996
Ressort: Lokales
Autor: REICH, HASSELMANN
Seite: 18
“Die Opfer sind irgendwie seelisch tot”
Kriminaloberrat Jörg-Michael Klös: Berlin ist die Hochburg des Kindesmißbrauchs / Zahl der Fälle verdoppelt
Berlin hält einen traurigen Rekord: Die Hauptstadt hat sich zum Zentrum der Päderasten- und Pädophilen-Szene und zum internationalen Umschlagplatz von Kinder-Pornos entwickelt. Bis zu 45 neue Fälle landen täglich auf den Schreibtischen der Ermittler. Anja Reich und Fred Hasselmann sprachen mit Kriminaloberrat Jörg-Michael Klös, zuständiger Inspektionsleiter für Sexualdelikte beim Landeskriminalamt, über Täter, Opfer und Ursachen.
Berliner Zeitung: Wie groß ist das Problem des sexuellen Mißbrauchs von Kindern in Berlin wirklich?
Jörg-Michael Klös: Mit der Statistik arbeite ich ausgesprochen ungern, weil die Zahlen das wahre Bild überhaupt nicht widerspiegeln können. Nach den Paragraphen beginnt der Mißbrauch bei exhibitionistischen Handlungen und geht bis zum Geschlechtsverkehr mit Kindern. Das liegt von der Qualität weit auseinander, wird aber nach dem gleichen Paragraphen geahndet.
Wo fängt denn der sexuelle Mißbrauch eines Kindes an? Schon beim Streicheln oder beim Waschen des eigenen Kindes in der Badewanne?
Das Gesetz sagt aus, daß die sexuellen Handlungen nicht unerheblich sein dürfen, um als Mißbrauch gewertet zu werden. Das ist allerdings auch wieder so ein Gummibegriff. Schwierig ist natürlich festzustellen, ab wann so ein Prozeß beginnt, der schließlich beim sexuellen Mißbrauch endet. Denn es stimmt nicht, daß die Tat einfach so passiert, wie uns die Täter immer weismachen wollen. Die Taten werden ganz subtil vorbereitet und geradezu inszeniert. Das beginnt damit, daß der Täter das spätere Opfer an einer Stelle des Körpers berührt, wo man das normalerweise nicht machen würde. Das Kind denkt an ein Versehen und reagiert möglicherweise gar nicht. Das merkt der Täter natürlich sehr genau. Beim nächsten Mal wird dann der Griff in diese Körperregion schon etwas gezielter. Und spätestens, wenn das Kind jetzt nicht deutliche Signale aussendet und sagt, nein, das will ich nicht, dann ist eigentlich schon das weitere Vorgehen vorgegeben. Dann werden die Handlungen massiver und noch gezielter. Und wenn das Kind protestiert, heißt es, na, komm`, du hast es ja selbst gewollt. Dann kommt das große Geheimnis, das man miteinander hat. Es folgen die Drohungen.
Und diese Kinder leiden später dann unter Schuldgefühlen.
Ja, die fragen sich, ob sie sich nicht hätten frühzeitig wehren sollen. Andererseits war es ihnen am Anfang vielleicht gar nicht unangenehm, daß sie liebkost wurden. Sicherlich, das Anfassen an bestimmten Körperregionen mochten sie nicht, aber die Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuneigung allgemein. Dazu kommt, daß der Täter den Kindern klarmacht, daß sie allein dafür verantwortlich sind, wenn etwas passiert. Er muß ins Gefängnis, das Kind ins Heim. Das Heim wird geschildert wie ein Zuchthaus. So daß die betroffenen Kinder Angst haben. Ich habe von einem Fall gehört, da ging es um ein sechsjähriges Mädchen. Es wurde von einem Mann brutal mißbraucht. Hinterher erklärte der Täter dem Kind, er habe ihm jetzt was in den Magen hineingesetzt. In dem Moment, wenn sie darüber erzählt, geht es auf wie eine Saat und vernichtet nicht nur die Familie, sondern die ganze Menschheit. Das muß man sich mal überlegen, mit welchen psychischen Dingen das Kind konfrontiert wird und fertigwerden muß.
Wie ermitteln Sie in solchen Fällen?
Im allgemeinen machen die betroffenen Kinder wahrheitsgemäße und detailgetreue Aussagen. Wir wissen aber auch, daß Opfer, die über einen längeren Zeitraum hinweg mißbraucht worden sind, das tatsächliche Geschehen abspalten. Sie realisieren mitunter gar nicht mehr, daß der Mißbrauch mit ihnen stattgefunden hat. Auch dazu ein Beispiel. Ein Mädchen hat erzählt, daß sie auf der Gardinenstange gesessen und beobachtet hat, wie ihr Vater ein kleines blondes Mädchen im Bett mißhandelt hat. Oralverkehr, Analverkehr, alles, was da so denkbar ist. Nur, daß das kleine Mädchen eben nicht auf der Gardinenstange gesessen hat, sondern sie diejenige war, die mißbraucht wurde. Bei solchen Sachen ist die Erfahrung der vernehmenden Beamten sehr wichtig.
Man liest immer in Gerichtsberichten ungewöhnlich exakte Zahlen über die Häufigkeit des Mißbrauchs. Zum Beispiel, daß ein Stiefvater seine Tochter 352mal mißbraucht hat. Wie kann man das so genau feststellen?
Das sind lediglich Eckdaten. Wenn zum Beispiel eine Tochter aussagt, sie ist in der Woche dreimal mißbraucht worden, wird das hochgerechnet. Im Gerichtssaal finden diese Zahlen jedoch wenig Beachtung. Hier ist eine Tat, die absolut nachgewiesen werden kann, viel wichtiger für den Prozeßverlauf als die Aussage über 350 Taten.
Berlin leidet seit einiger Zeit unter dem Ruf, Hochburg der Kinderprostitution und des Handels mit Kinderpornos zu sein. Stimmt das?
Offenbar leider ja. Bei Kinderprostitution und Kinderpornographie haben wir im Moment in Berlin eine Steigerungsrate von weit über 100 Prozent gegenüber der Vergleichszahl vom letzten Jahr. Und hinter jedem einzelnen Verfahren stecken noch viele Unterverfahren. Bei Durchsuchungen stellen wir immer wieder Karteien sicher, auf denen zwischen 800 und 1 200 Kunden registriert sind, und weitere, wo Bestellisten vorliegen. Jeder Name ist wieder ein Unterverfahren.
Nach den Ereignissen in Belgien wird jetzt in den Medien mehr denn je über Kindesmißbrauch berichtet. Beeinflußt das Ihre Arbeit?
Auf jeden Fall. Durch die Sensibilisierung der Öffentlichkeit sind viele neue Anzeigen gekommen. Außerdem ist der Besitz von Kinderpornographie erstmalig seit Ende 1993 unter Strafe gestellt. Früher, wenn wir bei Durchsuchungen kinderpornographisches Material fanden, haben wir dem “Herrn” lediglich noch einen schönen Abend gewünscht und das Material dagelassen. Seit 1993 wird dieses Material konfisziert und ausgewertet. So kommen wir mit wirklich hervorragenden Erfolgen an die eigentlichen Mißbraucher heran.
Sind diese Täter auch in den Familien zu suchen?
Ja, leider. Was meinen Sie, wie viele Eltern ihre Kinder benutzen, um mit dem Mißbrauch, der dann gefilmt oder fotografiert wird, jede Menge Geld zu machen.
Was sind das für Menschen? Sind die krank oder einfach extrem skrupellos?
Es gibt Leute, die sind krank. Es gibt Leute, die einfach nur Gewalt anwenden wollen, weil sie Freude daran haben. Es gibt Leute, die Angst vor dem normalen Umgang mit Frauen haben. Die sich dann ein schwächeres Opfer suchen, um sich zu befriedigen. Ein Kind ist eben leichter zu bekommen. Außerdem gibt es die Pädophilen, die auf Kinder stehen, und die Päderasten, die speziell auf Jungs ausgerichtet sind. Es gibt Leute, die nur das Geschäft im Auge haben und nebenbei einen Mißbrauch begehen. Es gibt den Sextouristen, der ein vermeintlich völlig normales Liebesleben führt und dann innerhalb von vier oder sechs Wochen Urlaub sich so verhält, wie er es normalerweise nicht macht. Auf keinen Fall sollte man meinen, daß es sich hier um bedauernswerte kranke Menschen handelt, die überhaupt nicht in der Lage sind, ihr Triebleben zu steuern.
Spielen soziale Kriterien eine Rolle?
Nein, sie finden bei den Tätern alle Altersklassen - von 16 bis 84 - und alle sozialen Schichten. Das geht bis hin zur Kirche, zu Ordnungsbehörden. Es gibt Professoren, Akademiker, alles.
Wann verjährt sexueller Mißbrauch?
Je nachdem, wie schwer der Mißbrauch und wie erheblich der Gesetzesverstoß ist. In der Regel nach etwa zehn Jahren. Allerdings beginnt die Verjährungsfrist erst dann zu zählen, wenn das Opfer sein 18. Lebensjahr vollendet hat. Was sehr sinnvoll ist, weil viele, die als Sieben- oder Achtjährige mißbraucht wurden, sich gar nicht trauen, darüber zu sprechen, ehe sie nicht aus dem Haus sind.
Wie offenbaren sich die Opfer?
Meistens versucht das Kind, sich dem jeweils anderen Elternteil zu offenbaren. Es versucht durch Signale die Mutter dazu zu bringen zu verstehen, was gewesen ist. Mütter reagieren darauf sehr unterschiedlich. Häufig wollen sie gar nichts darüber hören, weil sie es vorher schon mitbekommen haben. Natürlich steht die Beziehung zu ihrem Partner auf dem Spiel. Und dann ist da die Frage, hätte ich nicht schon längst etwas machen müssen. Also ist es dann einfacher zu sagen, das bildest du dir ein, erzähl’ nicht so einen Blödsinn. Dann wendet sich das Kind häufig an eine Freundin. Es will, daß dieser Mißbrauch aufhört. Und der Mißbrauch kann nur aufhören, wenn diese Sache öffentlich gemacht wird.
Wie hoch ist das Strafmaß für solche Täter?
Das kann ich Ihnen konkret nicht sagen. Es gibt auf alle Fälle ein Mißverhältnis zwischen den laufenden Anzeigen, der tatsächlichen Zahl der Taten und den Verurteilungen vor Gericht. Das Problem ist, daß die Beweislage oft schwierig ist. Meistens sind ja nur zwei Personen an den Tathandlungen beteiligt. Es gibt kaum Zeugen und wenig Spuren.
Sind die Täter geständig?
Meistens nicht. Die Täter versuchen ihre Handlungen zumindest sehr zu beschönigen und zu bagatellisieren. Bei Extremhandlungen wie Geschlechtsverkehr oder Oralverkehr wird die Tat im allgemeinen abgestritten. Wobei der Täter einen erheblichen Nachlaß im Strafmaß bekommt, wenn er zumindest ein Teilgeständnis ablegt, weil dem betroffenen Kind dadurch die Anhörung vor Gericht erspart bleibt. Das halte ich persönlich für einen ausgesprochen faulen und unfairen Kompromiß. Warum wird der Täter für etwas belohnt, was eigentlich selbstverständlich ist? So sind dann Haftstrafen von vier Jahren für jahrelangen Mißbrauch schon fast sensationell.
Was passiert nach dem Prozeß?
Die meisten Kinder kehren in ihre Familie zurück, weil sich die Mutter dann doch für das Kind und gegen den Mann entschieden hat. Aber ich glaube, die Opfer sind irgendwie seelisch tot. Wenn sie über lange Zeit mißbraucht wurden und erfahren mußten, wie wehrlos sie den Dingen ausgeliefert sind, ist das auch eine Art von Sterben.
Und die Täter?
Die leben weiter wie immer. Das Umfeld bekommt das ja meist gar nicht mit. Durch den Datenschutz wird ja viel zuviel verschleiert. Wenn jemand als Trainer in einem Sportverein tätig ist und dort rausgeschmissen wird, hat er die Möglichkeit, in den nächsten Sportverein zu gehen. Ich finde, daß solche Fälle grundsätzlich öffentlich gemacht werden müssen. Es kann nicht angehen, daß Päderasten oder Pädophile praktisch einfach nur ihr Betätigungsfeld verändern.
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BdK) hat jüngst in der Öffentlichkeit scharf kritisiert, daß Ihre Behörde zu wenig Leute hat, um den Wust an Arbeit zu bewältigen. Im Bereich Kinderpornographie arbeitet zur Zeit lediglich ein Kommissariat mit zehn Mitarbeitern. Täglich landen neue Fälle auf den Schreibtischen. Ermittlungsverfahren dauern oft länger als ein Jahr. Frustriert Sie das nicht?
Die Engpässe sind vor allem darauf zurückzuführen, daß sich durch Gesetzesänderungen einerseits eine völlig neue Sachzuständigkeit ergeben hat und andererseits die hiesige Dienststelle wegen der besonders erfolgreichen Ermittlungsarbeit in letzter Zeit etliche Großverfahren parallel bewältigen muß. Es stimmt, daß momentan rund 7 000 Videokassetten liegen, die noch nicht gesichtet sind. Hinzu kommen etliche Dia-Serien, Bildbände, Zeitschriften, Kundenkarteien und Bestellisten, die alle ausgewertet müssen. Da ist wirklich viel zu tun. Wir tun unser Bestes.
Was kosten Videos mit Kinderpornographie auf dem illegalen Markt?
Nach unseren Erfahrungen so zwischen 300 Mark und 2 000 Mark. Je jünger das Kind, je brutaler die Handlung, um so teurer die Filme. Es ist interessant, daß Kunden meist nicht die in steriler Atmosphäre sprich Studio hergestellten professionellen Filme wollen, sondern möglichst solche Home-Videos, die eher dilettantisch in der Herstellung sind. Sie vermitteln dem Mißbraucher den Eindruck der Nähe zur Tat. Das Extremste in dieser Richtung kommt zur Zeit aus Amerika: Dem Kunden wird angeboten, ein Bild von sich einzuschicken. Sein Konterfei wird dann in den Film eingescannt. Er hat das Gefühl, selbst als Mißbraucher aufzutreten.
Weshalb sind viele Leute so erpicht auf solche Videos?
Ich glaube, daß es vielleicht eine Rolle spielt, daß wir heute in unserer sehr geordneten Welt, in unserem geregelten Ablauf und Leben wenig Möglichkeiten haben, Extremsituationen zu erleben. Es gibt alles, es geht alles einen geordneten Weg. Und die Grenzen sind sehr schnell erreicht. Das, was sich mitunter in Krisenzeiten abspielt, ist so extrem und so schlimm, daß man das gar nicht beschreiben kann. Die Perversität aber geht so weit, daß Leute Höchstpreise für Videos zahlen, die Aufnahmen von im Krieg vergewaltigten Frauen zeigen. Das ist für mich unvorstellbar.
In Berlin gibt es Lokale, in denen Adressen von Freiern und Kindern zu haben sind. Auch zweideutige Annoncen in Zeitungen werben für das Geschäft mit Kinder-Sex. Haben Sie Hinweise, daß sich diese Szene in Berlin stärker entwickelt als anderswo?
Die Möglichkeiten für Freier, an Kinder und Jugendliche heranzukommen, sind in Berlin sehr viel größer. Allein die geöffneten Grenzen zu den osteuropäischen Ländern lassen viele Personen nach Deutschland kommen, die hier bereit sind, für ein gewisses Entgelt Dinge mit sich machen zu lassen, die sie vielleicht ein paar Jahre später bereuen. Je größer das Wohlstandsgefälle zwischen den einzelnen Ländern ist, um so eher ist die Möglichkeit da, so etwas auszunutzen. Das passiert sowohl beim Sextourismus als auch momentan hier in Deutschland - insbesondere in Berlin. Aus Rumänien, Polen oder Tschechien kommen Kinder und Jugendliche mit Unterstützung der Eltern hierher, und sie sollen Geld nach Hause bringen. Egal, ob das Geld durch Diebstähle oder Raubtaten erlangt wird oder mit dem eigenen Körper “erwirtschaftet” wird.
Ist die Öffentlichkeit durch das Bekanntwerden der jüngsten Fälle von Kindesmißbrauch stärker sensibilisiert?
Eindeutig ja. Es gibt nicht nur mehr Anzeigen, sondern auch mehr Hinweise aus der Bevölkerung. Wir haben also sehr viele Informationen zu Sachverhalten bekommen, die zwar strafrechtlich nicht immer relevant sind. Aber ich stehe dazu, daß wir nicht statistikorientiert arbeiten. Uns geht es einzig und allein um die Opfer. Mir ist es also lieber, ich gehe mal einer Sache nach, die sich nachher als nicht zutreffend herausstellt. Damit kann ich sehr gut leben.
Von wem kommen die Hinweise, von Nachbarn oder Bekannten der Opfer?
Beides. Aber eher aus dem nichtfamiliären Bereich. Nachbarn gucken schon etwas kritischer darauf, wieviel Kinder gehen denn da ein und aus, die da normalerweise gar nichts zu suchen haben. Oder reagieren, wenn sie Schreie hören wie “Papa nein, ich will das nicht, Papa, laß das sein.” Auch so etwas wird zur Anzeige gebracht. So was wurde vielleicht in der Vergangenheit eher überhört. Also, man ist sensibler geworden, und das ist uns sehr recht. +++
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