Montag, 10, November 2003
Die Kinder vom Bahnhof Cheb
Streit um Kinderprostitution/Vorwürfe bestritten
Cheb (dpa) Die deutsch-tschechische Grenzstadt Cheb (Eger) wurde einmal “Schmuck-Portal nach Böhmen” genannt, doch das ist lange her. Der Ort, der durch die Nachkriegsvertreibung der Deutschen tausende Bewohner verlor, gilt heute vor allem bei Bayern und Sachsen als Synonym für billiges Benzin und schnellen Sex. Dass in ihrer Stadt das Rotlichtmilieu blüht, haben die Menschen in Cheb nie bestritten. Aber ein UNICEF-Bericht über umfangreiche Kinderprostitution im Grenzgebiet hat in der Stadt, wie überall in Tschechien, scharfe Proteste ausgelöst.
“Wenn die deutsche Organisation Karo, auf deren Material sich der Bericht stützt, Beweise hat, verstehe ich nicht, warum sie sie nicht der Polizei gegeben hat”, zürnt der Oberbürgermeister von Cheb, Jan Svoboda. Der Geschäftsführer des Deutschen Kinderschutzbundes in Sachsen, Heinz Zschache, sagt, er sei “tief erschrocken” über die Studie. Auf Karo, die sich gegen Kritik vehement gewehrt hat, ist auch er nicht gut zu sprechen: “Im Gegensatz zu dieser Organisation beschäftigen wir uns mit grundsätzlichen Fragen des Kindermissbrauchs und verteilen nicht bloß Kondome.”
Am Bahnhof von Cheb, der als Anlaufpunkt deutscher Kinderschänder gilt, interessieren sich die Menschen mehr für die Ergebnisse der tschechischen Eishockey-Liga als für den UNICEF-Bericht. “Wenn man die Zuschüsse dieser Organisationen an die Leute hier verteilen würde, müsste niemand auf den Strich gehen”, sagt eine 35-jährige Frau. “Stattdessen kaufen die Organisationen davon Kondome für Prostituierte - das ist bizarr.” Sie glaubt nicht, dass Kinderprostitution in Cheb verbreitet ist.
“Aber fragen Sie unsere Sorgenkinder hier”, sagt sie und zeigt auf eine Gruppe von 6- bis 12-Jährigen, die vor dem Bahnhof steht. Die von ihren Eltern vernachlässigten Kinder gehen nicht zur Schule und übernachten oft, Klebstoff schnüffelnd, in zufällig gewählten Unterkünften. Gehört haben sie von “reichen deutschen Onkels”, aber Genaues weiß keiner. “Mich hat mal einer gefragt, ob ich mit ihm kuscheln gehe, aber so etwas mache ich nicht”, meint ein 10-Jähriger. Sein Berufswunsch: Fußballprofi.
Die Kinder gehören der Roma-Minderheit an, die besonders betroffen sein soll. “Es handelt sich eher um ein Problem dieser Minderheit, als um ein sexuelles Problem”, meint ein Polizist, der am Bahnhof Dienst tut. “Jeder Deutsche, der hier ein Kind aufgabelt, wird in einer Wohnung um die Ecke ausgeraubt und rausgeschmissen. Aber die Leute erstatten keine Anzeige, weil ihr Verhalten strafbar ist”, glaubt er. “Wir verheimlichen keine Informationen über Kinderprostitution - wem wäre denn damit gedient?”
Trotz des Einsatzes spezieller Ermittler habe man in diesem Jahr gerade acht Fälle von Kindermissbrauch registriert, sagt der Leiter der Kripo Cheb, Jiri Vopalensky. “Nichts deutet darauf hin, dass wir ein Riesenproblem haben.”
Ähnlich sieht es der Polizeichef von Usti nad Labem (Aussig), Jiri Volprecht: “Zwischen 1993 und 2000 hatten wir 48 Fälle und etwa 70 Deutsche angeklagt, aber in den vergangenen drei Jahren nur einen einzigen Fall. Wenn es Kinderprostitution gibt, dann eher in Familien, aber auch dann ist es kein Massenphänomen.”
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