Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Sonntag, 01, April 2007

Der verlorene Kampf um die Wörter

MONIKA GERSTENDÖRFER
Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung. Mit einem Vorwort von Michaela Huber
ca. EUR (D) 19,50; sFr 34,30; EUR (A) 20,10
200 Seiten - kart.
ISBN-10: 3-87387-660-4
ISBN-13: 978-3-87387-641-5
erscheint voraussichtlich Feb.2007

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Gepostet von am 04/01 um 07:15 AM
  1. Interview:

    “Der verlorene Kampf um die Wörter. Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt” Ein Interview mit Monika Gerstendörfer

    Librikon:

    Ihr Buch „Der verlorene Kampf um die Wörter“ ist ein Plädoyer für einen feinfühligeren Umgang mit Sprache bei Ausdrücken aus dem Bereich sexualisierter Gewalt. Solche Forderungen können, gerade in Bezug auf Wortwahl in Kinder- und Jugendbüchern, Erfolg haben, man denke nur an “Negerküsse”, “Zigeuner” oder “Eskimos”. Verlage und Autoren, die schwierige Themen in Büchern für Jugendliche angehen, sollten bemüht sein, eine angemessene Sprache zu verwenden. Bei welchen Begriffen empfehlen Sie genaues Hinsehen?

    Monika Gerstendörfer:

    Bei allen Begriffen, die rassistische und sexistische Inhalte transportieren. Dies gilt auch für den allgemeinen Umgangston, den ich ebenfalls zur Sprachführung zähle. Bekanntlich macht der Ton die Musik… Ebenfalls würde ich stereotype Szenen vermeiden. Wenn ich einen Satz lese wie „Papa geht zur Arbeit, Mama bleibt zu Hause“, dann frage ich mich, in welcher Zeit und auf welchem Planeten der Autor lebt? Es reicht eben nicht, eine feine literarische Feder schwingen zu können. Man muss von Autor/innen erwarten dürfen, dass sie politisch und gesellschaftlich bestens informiert sind. Das ist heutzutage einfacher denn je. Newsletter-Abos kommen kostenlos in den elektronischen Briefkasten. Es gibt eine Fülle ausgezeichneter Webseiten, die man regelmäßig besuchen sollte; Mailinglisten, wo man sich austauschen kann u.v.m. Je besser man informiert ist, desto wacher wird man, desto eher fallen Unwörter und sprachliche Entgleisungen auf. Natürlich erfordert das Zeit und Mühen. Aber so viel sollten uns Kinder und Jugendliche schon wert sein. Auch die Initiative „Unwort des Jahres“ von Professor Schlosser kann helfen; sowie die Lektüre von Songtexten der so gefeierten deutschen Skandal-Rapper, die vor Gewalt nur so strotzen. Um es metaphorisch auszudrücken: Ich verlange von Autor/innen, dass sie die Sprache nicht benutzen wie der Landschaftsmaler den mit Farbe getränkten Pinsel. Ich möchte, dass sie hinter die Leinwand schauen.

    Quelle

    Posted by  on  06/16  at  09:03 PM
  2. Eine sehr folgenreiche Wortwahl

    Von Von Hilde Weiss

    Manche Wörter verschleiern, manche enthüllen, manche decken Verbrechen, manche bringen sie ans Licht. Viele Wörter sind täterfreundlich,
    nur wenige helfen den Opfern.

    Ob wir wollen oder nicht: Einige unserer Wörter bagatellisieren kriminelle Taten und entkriminalisieren sie für uns und unsere Zuhörer. Tat und Täter ehrlich beim richtigen Namen zu nennen, um in Zukunft nicht die Verbrecher, sondern ihre Opfer zu schonen, darum geht es Monika Gerstendörfer – die nach ihrem Studium der Sprachwissenschaft, der Psychologie und Psycholinguistik und wissenschaftlicher Tätigkeit heute für Menschenrechtsorganisationen arbeitet – in ihrem neuen Buch: “Der verlorene Kampf um die Wörter. Opferfeindliche Sprache bei sexualisierter Gewalt” (Junfermann Verlag).

    Wenigen ist es bewusst, aber hier missbrauchen wir Sprache zur Verharmlosung von Gewalt: “Pädophile” lieben Kinder nicht (wie Frankophile alles Französische lieben, achten und würdigen), sondern – wie an den Symptomen der Opfer festzustellen ist – sie missbrauchen und foltern sie. “Pädophile” begehen Gewalttaten an Kindern, eben weil sie sie nicht lieben: Pädokriminelle müsste man sie folglich nennen.

    Falsch ist auch der Ausdruck “pädosexuell”: pädokriminell müsste es heißen, denn es handelt sich nicht um Sexualität, sondern um Gewalt. Monika Gerstendörfer bietet folgenden Vergleich an: Nennen wir das Kochen, wenn jemand mit einer Pfanne niedergeschlagen wird?

    Sehr viel reden wir auch über “sexuellen Missbrauch” und behaupten damit, dass es sich lediglich um einen falschen oder übermäßigen Gebrauch handelt und es einen richtigen sexuellen Gebrauch von Kindern geben kann!

    Was hier tatsächlich missbraucht wird, ist die Sprache: “Sexueller Missbrauch” ist sexualisierte Misshandlung, um den anderen so nachhaltig zu beeinträchtigen, dass er oder sie durch und durch beherrschbar wird.

    “Es gibt tatsächlich keine zuverlässigere Methode, einem Menschen die Existenz zu nehmen”, so Monika Gerstendörfer über das Fazit aller Untersuchungen und Erfahrungen, “als an ihr oder ihm sexualisierte Gewalt auszuüben. Diese Gewaltform ist das wirksamste Vehikel, um einen Menschen zu zerstören”: “die perfideste Gewaltform, die man einem Menschen antun kann.”

    Es geht nicht um irgendwelche “sexuellen Neigungen”, sondern um Gewaltneigungen. Korrekterweise sollten wir also nicht von “Sexualdelikten” sprechen, sondern von sexualisierten Gewaltdelikten. Die Formel mag übertrieben klingen, erweist sich aber als richtig: Neue Sprache, neue Welt.

    Oft hört man: “Das kann kein Vergewaltiger sein; der kann doch jede haben!” Falsch! Manche Männer wollen keine sexuelle Begegnung, sondern Gewalt, und zwar mit Vorliebe sexualisierte Gewalt, weil sie so besonders wirkungsvoll ist und viel leichter als andere Gewaltformen zu beschönigen und zu verharmlosen. Unsere Sprache hilft dabei.

    Bloß “sexuelle Belästigung”? Korrekterweise sollte von sexualisierten Übergriffen gesprochen werden und statt “Kinderpornografie” – mittlerweile auf rund 13 Millionen Seiten im Internet zu finden – von sexualisierter Folter an Kindern.

    Sexualisierte Gewalt hat laut Experten weltweit stark zugenommen. Zum Teil wird dieser Anstieg auf die verharmlosenden öffentlichen Darstellungen zurückgeführt! Es ist also dringend nötig, unsere Wortwahl zu überdenken. Wer bereit ist, seine Worte zu prüfen und auch etwas mehr auf die Sprache der Medien und der Politiker zu achten (und zu reagieren), leistet einen wichtigen Beitrag zu einer humaneren Gesellschaft. Unser altes Vokabular hingegen stellt uns auf die Seite der Täter, denn es schützt und unterstützt sie, während es die Gewaltopfer verhöhnt. Wir haben die Wahl.


    Quelle

    Posted by  on  08/21  at  08:09 PM
  3. Seite 1 von 1 Seiten

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