Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

Dienstag, 03, April 2001

Auch im Elend wachsen Träume

Datum:  03.04.2001
Ressort:  Blickpunkt
Autor:  Frank Nordhausen
Seite:  03

Auch im Elend wachsen Träume
Die Straßenkinder von Cheb an der deutsch-tschechischen Grenze: Sie sind Opfer des Wohlstandsgefälles und von Rassismus

CHEB, im April. Täglich ist Tanzstunde im Roma-Verein von Cheb. Dann wirbeln sie über das Linoleum, die Mädchen, die Stepana, Jana, Lucia heißen und zehn, zwölf oder fünfzehn Jahre alt sind. Ihr Tanzlehrer lächelt stolz und sagt: “Was für ein Feuer sie haben! Welchen Elan!” Die zwanzig Mädchen sind grazil, temperamentvoll und hübsch. “Wir lassen sie tanzen, bis spät in die Nacht”, sagt der Lehrer. “So holen wir sie von der Straße.”

Die Straße. Der schmale Karci ist zwölf Jahre alt, der robuste Jacek ist dreizehn, und beiden wächst gerade der erste Flaum unter der Nase. Jacek und Karci sind Straßenjungen. Mit den anderen Jungs aus ihrer Clique treffen sie sich meist im kleinen Park an der Evropska-Straße in der Altstadt von Cheb oder am Bahnhof, wo sie Zigaretten schnorren.

Die dunkelhaarigen Roma-Jungen mit den silbernen Ohrringen, den tief hängenden Jeans und weiten Jacken können ein paar Wörter Deutsch. Wörter, die sie verlegen kichernd aussprechen. “Wichsen, Blasen, Finger in den Hintern”, sagt Jacek. “Küssen, oral, anal”, sagt Karci. Dann erzählen sie von deutschen Männern. “Sie bieten Geld, gutes Geld, dreißig Mark, fünfzig Mark, je nachdem”, sagt Jacek und stößt eine Rauchwolke aus. “Am Wochenende kommen viele, einer nach dem anderen.”

Karci war neun, als er zum ersten Mal zu einem Freier ins Auto stieg, Jacek elf. Warum haben sie das gemacht? Sie blicken auf den Boden. “Das Geld”, sagt Karci. Wofür? “Jeans, Adidas-Schuhe, Drogen.” Und dann erzählen sie, dass sie ihren Verdienst auch bei den Eltern abliefern, weil die Familien so wenig Geld haben. “Wenn mein Vater wüsste, was ich tue, würde er mich blau schlagen”, sagt Jacek. Deshalb gibt er zu Hause an, dass er die vielen Scheine im Spielsalon gewinnt.

Wo die Stadt grau und hässlich ist

Jacek und Karci wohnen im Roma-Viertel von Cheb, wo die Stadt grau und hässlich ist, wo die Treppenhäuser vor Müll stinken, wo die Spielhöllen sind und die Roma-Mädchen auf den Strich gehen. Die Eltern sind arbeitslos, die staatliche Unterstützung reicht nicht, Jacek hat fünf Geschwister, Karci acht, die müssen alle irgendwie durchgebracht werden. Keiner fragt da so genau, wo das Geld herkommt. “Viele Deutsche, viele geil”, sagt Jacek auf Deutsch. “Gut für uns.”

Cheb, das auf Deutsch Eger heißt, liegt nur ein paar Kilometer hinter der deutschen Grenze im Dreiländereck von Bayern, Sachsen und Tschechien. Das Problem ist seit Jahren bekannt: An der “Wohlstandsgrenze” nutzen deutsche Männer die billigen Angebote des käuflichen Sex. Die 33 000-Einwohner-Stadt hat 45 Nachtklubs, Bordelle und “Massagesalons”; im Sommer stehen 300 Prostituierte an den Straßen. Cheb hat einen besonders schlechten Ruf, seit deutsche Medien den Ort als Stadt der Kinderschänder bezeichneten. Als eine Art “Bangkok des Ostens”.

Wenn man so will, haben Ludmila Irmscher und Cathrin Schauer einiges zu diesem Ruf beigetragen. Sie haben als Erste auf die Kinderprostitution in Cheb hingewiesen. Sie sind Sozialarbeiterinnen und kommen dreimal wöchentlich aus Plauen in die böhmische Kleinstadt, wo ihr Verein “KARO” seit 1995 ein Büro unterhält. Sie sind die Einzigen, die sich um die Prostituierten kümmern, und sie können Geschichten erzählen, bei denen einem schlecht wird. Geschichten von Nachtklubs, in denen Frauen ihre Kinder feilbieten, von Freiern, die nach immer jüngerem “Fleisch” fragen, von Straßenkindern, die plötzlich spurlos verschwinden. “Eine Vierzehnjährige wurde schwanger, die Freier wollen ungeschützten Verkehr”, sagt Cathrin Schauer. “Das Mädchen musste bis kurz vor der Entbindung anschaffen. Drei Tage nach der Geburt stand sie wieder auf dem Strich. Weil es der Zuhälter so wollte. Er war ihr Vater.”

Cathrin Schauer und Ludmila Irmscher haben sich in Cheb nicht beliebt gemacht. Man hat sie beschimpft und bedroht. Man nimmt ihnen übel, dass sie öffentlich über Dinge reden, die offiziell gar nicht existieren - oder die man nicht glauben will. Zum Beispiel behauptet Cathrin Schauer, in Cheb würden sogar Babys zum sexuellen Missbrauch an deutsche Männer verkauft. “Davon haben wir noch nie gehört”, sagt Karci. Wer weiß.

Die Roma-Jungen kennen einen Parkplatz, wo abends “viel Betrieb” sein soll. Tatsächlich fahren einige Autos langsam die Straße ab, wenden, kommen zurück, drehen noch eine Schleife. Autos mit deutschen Nummernschildern. Nach zehn Uhr nachts bewegen sich in Cheb überhaupt nur deutsche Autos, dazu ein paar Zuhälter und die Polizei. Den Parkplatz, so haben Jacek und Karci erzählt, fahren Deutsche an, wenn sie “Jungs” suchen. Sind das alles Kinderschänder? Dieser elegante Herr im Stuttgarter Audi? Der Grauhaarige im BMW aus Leipzig? Der Kahlkopf aus Fürth? In dieser Nacht stehen hier keine Kinder; die Wagen fahren wieder davon.

“Zu uns kommen viele Kinder, die sich prostituieren”, sagt Ludmila Irmscher. Meistens sind es Roma. Wie Jacek und Karci oder die fünfzehn Jahre alte Jitka, die für ihren Stiefvater anschaffen muss. Die “KARO”-Frauen fahren oft die ganze Nacht mit ihrem blauen Passat durch die Stadt und sprechen mit den Prostituierten, die an den Straßen auf deutsche Kunden warten. “Unter ihnen sind immer wieder Dreizehn- und Vierzehnjährige”, sagt Cathrin Schauer. Ihre Tour führt auch durch das Roma-Viertel. Dort stehen die Straßenmädchen frierend in dunklen Hauseingängen. Ludmila Irmscher verteilt Kondome und Gleitmittel an sie. “Wie läuft das Geschäft?” fragt sie. “Schlecht, es sind keine Freier da”, antwortet ein Mädchen. Zurzeit kommen nur halb so viele Kunden wie sonst über die Grenze, weil es dort wegen der Kontrollen zur Maul- und Klauenseuche lange Wartezeiten gibt.

Im Zigeunerviertel

Es ist nicht so, dass die Bürger von Cheb nicht wüssten, was in ihrer schönen alten Stadt vor sich geht. Wenn sie darüber nachdenken, sagen sie: “So ist eben der Kapitalismus - Angebot und Nachfrage.” Er hätte auch lieber nur Einkaufstouristen in der Stadt, sagt der Vizebürgermeister Petr Jaks. “Wir sind ein bisschen empfindlich, was dieses Thema betrifft. Die Sextouristen sind zu 99 Prozent Deutsche. Ohne sie gäbe es hier keine Prostitution.”

Petr Jaks sitzt in seinem eleganten Büro im Rathaus aus dem 13. Jahrhundert und zählt auf, was die Stadt alles tut, um das Geschäft mit der Lust einzudämmen. Eine Gesetzesinitiative im Parlament, ein Verbot der Straßenprostitution im Stadtgebiet, Videokameras in den Straßen, gemeinsame Flugblattaktionen mit den Deutschen. “Es ist schwer, etwas zu unternehmen, solange die Gesetze so liberal sind”, sagt der Beamte. Prostitution ist in Tschechien ab dem fünfzehnten Lebensjahr legal.

Auch der Polizeisprecher Vaclav Vrba wiegelt ab. “Mag sein, dass es so was gibt, aber wir wissen nichts davon.” Dass kürzlich ein dreizehn Jahre altes Mädchen ins Kinderheim gebracht wurde, weil sie auf dem Strich stand - eine Ausnahme. Dass in Bayern gerade ein Pädophiler verurteilt wurde, der auch Kinder aus Cheb missbraucht haben soll - nicht bekannt. Dass sich Jungen im Park oder am Bahnhof anbieten - eine Finte. “Solche Burschen sind Lockvögel”, sagt Vrba. “Die Kunden werden in ein Haus gelockt und dann beraubt; meistens im Zigeunerviertel.”

Manchmal scheint es, als ob man es in der kleinen Stadt gar nicht so genau wissen will. Es geht ja “nur” um die “asozialen Zigeuner”, die in Cheb etwa zehn Prozent der Bevölkerung stellen. “Ich hatte vor 1989 eine gute Meinung von den Deutschen”, sagt Vaclav Vrba. “Aber ich war schockiert, dass sie sich für Mädchen interessierten, die kein Tscheche jemals anrühren würde.” Roma-Mädchen nämlich.

In Cheb will niemand eine Mauer zum Roma-Viertel errichten wie vor anderthalb Jahren im nahen Usti nad Labem. Doch das Verhältnis zwischen Tschechen und Roma ist gespannt. Das verkommene Wohngebiet am Bahnhof gilt als Brutstätte von Unmoral und Kriminalität, und es ist auch etwas dran. Kinder wie Jacek und Karci wachsen dort zwischen Luden, Dealern und Huren auf. Zwischen Abrisshäusern und Trinkhallen, schummrigen Bars und vergitterten Kiosken. Sie erleben, wie der eigene Vater kein Geld hat, wohl aber der Nachbar, der seine Töchter auf den Strich schickt.

“Wir müssten die sozialen Verhältnisse ändern”, sagt der Vizebürgermeister. Fünf Prozent der Tschechen in Cheb sind arbeitslos, 90 Prozent der Roma. Sie gelten als unzuverlässig und faul, zudem sind slowakische Hilfsarbeiter billiger. “Durch die Prostitution nimmt im Roma-Viertel die Kriminalität zu”, sagt Petr Jaks. Doch die Stadt weist den Roma weiter Wohnungen zu - wodurch eine Art Getto entsteht und die Probleme sich verschärfen.

Ein Zugeständnis

Auch im Elend wachsen Träume. Jacek, Karci und ihre Kumpel wollen Maurer, Tischler oder Polizisten werden. Sie wünschen sich ein Leben, wie es andere Jugendliche führen, ohne Freier, ohne Gewalt und ohne “Piko”, das billige Amphet-amin, das sie nehmen, wenn sie sich nach Wärme sehnen. Manchmal gehen die Jugendlichen in den zweiten Stock des alten Gymnasiums, wo jeden Abend laute Musik ertönt. Wo der “Roma-Gemeinschafts-Verein” der Stadt ein bescheidenes Zugeständnis abgerungen hat: einen mietfreien Raum für die Kinder.

Seit vier Monaten müht sich der arbeitslose Tanzlehrer Stefan Tulej dort unentgeltlich, den Kindern ein Programm zu bieten, um sie “gegen die Straße zu wappnen”. Fußball für die Jungen, Tanz für die Mädchen. Sogar eine Ferienreise nach Italien hat er geplant, nur weiß keiner, wie sie finanziert werden soll. “Irgendjemand muss sich um die Kids kümmern”, sagt Tulej. “Es ist höchste Zeit dafür.”

An diesem Abend üben die Mädchen in roten Röcken, Paillettenleibchen und weißen Spitzenumhängen für einen Auftritt bei einem Festival. Die neunzehn Jahre alte Helena ist Vortänzerin. Sie hat Friseurin gelernt, aber keine Arbeit. Ihre Zeit verlebt sie zwischen der Familie, dem Arbeitsamt, dem Tanzklub. Einige Mädchen aus ihrer früheren Schulklasse seien Prostituierte geworden, sagt sie. “Seitdem reden wir kaum noch miteinander.” Warum sind die Freundinnen abgerutscht? “Die Not. Es ist, wie es ist. Aber es ist nicht gut.”

BERLINER ZEITUNG/JANNI CHAVAKIS Nachts auf dem Parkplatz. An den Straßen rund um die Stadt Cheb bieten sich Kinder als Prostituierte an.

Quelle

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Gepostet von am 04/03 um 09:37 PM

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