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Freitag, 17, Juli 1998

Anonymität wiegt Kinderschänder in Sicherheit

Hamburg - Der Kinderschänder von Zandvoort hat nach den ersten Ermittlungen der niederländischen Polizei das weltumspannende Computernetzwerk Internet benutzt, um seine widerwärtigen Bilder geschändeter Kinder zu verbreiten. Damit gerät das Internet zum wiederholten Mal als Verteilstation für verbotene Inhalte ins Blickfeld. So war die Münchner Kriminalpolizei in diesem Frühjahr bei einem 30 Jahre alten Graphikdesigner fündig geworden, der einschlägige Bilddateien über das Internet ausgetauscht hatte.

Allen Experten ist jedoch auch klar, daß nur ein verschwindend kleiner Teil des Datenverkehrs im Internet krimineller Natur ist. “Niemand stolpert im Internet rein zufällig über Pornographie und über Kinderpornographie erst recht nicht”, schreibt der Bremer Rechtssoziologe Michael Schetsche, der das Thema wissenschaftlich untersucht hat. Klar ist aber auch, daß Kinderschänder das Netz für ihre Aktivitäten nutzen und verbotene Bilder mit wenigen Mausklicks in alle Welt versenden können.

“Im Internet weiß niemand, daß Du ein Hund bist”, beschrieb der amerikanische Internet-Papst Nicolaus Negroponte vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) eine zentrale Eigenschaft des Internets, die viele Anwender fasziniert. Die Anonymität im Netz erlaubt zum Beispiel vielen Menschen, ganz legale Rollenspiele einzugehen. So wird in einem “Chat-Raum” aus dem kleinen schmächtigen Angestellten am Homecomputer ein virtueller Supermann. Die vermeintliche Anonymität im Netz wiegt aber auch Kriminelle in Sicherheit. Dabei hinterlassen “User” mehr Spuren, als sie meinen. Manche Pädophilen scheuen sich nicht einmal, unter ihrer eigenen E- Mail-Adresse offen in Internet-Nachrichtengruppen nach kleinen Kindern für die Befriedigung ihrer perversen Phantasien zu fragen.

Kein Mißbrauch durch “Schnupperkunden”?

Online-Dienste und Internet-Firmen bemühen sich in jüngster Zeit immer konsequenter, die Identität ihrer Abonnenten zweifelsfrei festzustellen. Der Online-Dienst AOL untersagt nach eigenen Angaben mittlerweile seinen “Schnupperkunden”, die den Dienst im ersten Monat frei testen können, fast alle Aktivitäten wie das Übertragen von Dateien, solange die Identität des Nutzers nicht genau feststeht. “Wir überprüfen jeden Kunden, bevor er die Möglichkeit hat, Dateien wie beispielsweise Photos zu versenden”, sagt AOL-Sprecher Ingo Reese. “Stellt sich heraus, daß die Dateien strafbaren Inhalt hatten, können wir der Polizei die Daten des Absenders zur Verfügung stellen.”

Verantwortliche können ermittelt werden

In Firmen und anderen Organisationen mit einem Internetanschluß können die technischen Verantworlichen (“Webmaster”) genau kontrollieren, was jeder einzelne an seinem PC im Haus unternimmt. Und Anwender, die sich privat in das Netz einwählen, können über eine technische Adresse zurückverfolgt werden - ähnlich wie beim Telefon häufig allerdings nur für die Dauer einer Online-Sitzung.

Bei illegalen Angeboten im World Wide Web könnten die Sicherheitsbehörden mit etwas Aufwand auch stets die dafür Verantwortlichen ermitteln. Und im Gegensatz zur Verbreitung der Leugnung des Holocaust (“Auschwitz-Lüge”), die in manchen Staaten als freie Meinungsäußerung geschützt ist, wird sexueller Mißbrauch von Kindern weltweit bestraft.

Nicht nur virtuelle Spuren

Komplizierter wird es für Polizei und Staatsanwaltschaft dann, wenn die verbotenen Dateien nicht in aller Öffentlichkeit ausgetauscht, sondern in elektronischen Mitteilungen (E-Mails) oder privaten “Chat-Räumen” übertragen werden. Angesichts der Masse von E- Mails ist es schon technisch nicht möglich, alle Mitteilungen auf illegale Dateien hin zu überprüfen. Außerdem haben die unzähligen legalen Internet-Anwender ein Recht darauf, daß ihre Mail nicht ohne weiteres von staatlichen Stellen mitgelesen wird.

Der aktuelle Fall in den Niederlanden zeigt aber auch, daß die Verbreitung von strafbaren Inhalten im Internet nicht nur im virtuellen Cyberspace Spuren hinterläßt, sondern auch in der realen Welt. Die beschlagnahmten Festplatten und Disketten dürften der Polizei in den Niederlanden genügend Beweismittel in die Hand geben, um wirkungsvoll gegen den Ring von Kinderschändern vorzugehen.
Von Christoph Dernbach (dpa)

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Gepostet von am 07/17 um 12:49 PM

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